Politik
Top-Thema bei "RT": Ferguson.
Top-Thema bei "RT": Ferguson.(Foto: imago/Xinhua)

Zwölf Stunden "RT" : Was ich vom Kreml-Fernsehen gelernt habe

Von Jan Gänger

Wer einen Tag die Welt durch die Brille des russischen Staatsfernsehens sieht, gewinnt erstaunliche Erkenntnisse. "RT" erschafft ein bizarres Paralleluniversum, in dem es eine Konstante gibt: Der Westen ist verkommen.

Haben Sie gewusst, dass die USA so ziemlich an allem Schlechten schuld sind? Dass die französische Regierung den Amerikanern hörig ist? Oder, dass die japanischen Notenbanker in landestypischer Kamikaze-Manier dabei sind, die Welt zerstören? Nein? Ich auch nicht.

Einen ganzen Tag lang habe ich mir den vom Kreml finanzierten Sender "RT" (ehemals "Russia Today") angeschaut. Aus Neugier, nicht aus Masochismus, wie ein Kollege vermutete. Ich wollte wissen: Wie sieht die Welt aus, wenn ich sie nur mit den Augen des englischsprachigen russischen Staatssenders sehe?

Verzerrt sieht sie aus. "Alternative Interpretation des Weltgeschehens", nennt das der Chef der russischen Medienholding "Rossija Segodnja", Dmitri Kiseljow. Damit hat er nicht ganz Unrecht. Die Bezeichnung "Paralleluniversum" kommt der Sache allerdings sehr viel näher.

Am Morgen erfahre ich zunächst, dass in Cleveland ein Polizist einen Zwölfjährigen erschossen hat, der lediglich mit einer Spielzeugpistole herumgefuchtelt hatte. Vor den entsprechenden Bildern einer Überwachungskamera wird erst gewarnt, dann werden sie gezeigt.

So entsetzlich der Tod des Jungen ist, diese Nachricht gibt die Richtung vor. Es folgt eine Aufzählung von ähnlichen Fällen, in denen unbewaffnete Amerikaner von Polizisten getötet worden sind. Eine Reporterin berichtet aus Ferguson: Ruinen, geplünderte Geschäfte. Dann lerne ich, dass US-weit gegen "Polizei-Brutalität" demonstriert wird und es in dutzenden Städten zu Ausschreitungen kommt. Hunderte werden verhaftet, viele verletzt. Ein Einkaufszentrum wird gestürmt. Ein schwarzer "Ex-Polizist aus Ferguson" sagt, es habe in der Vergangenheit so viel Unterdrückung gegeben. Jetzt breche sich der angestaute Frust Bahn. Merkwürdig, dass nur bei RT von diesen "Massenprotesten" die Rede ist. 

Plünderungen, Demonstrationen, schießwütige Polizisten, empörte Bevölkerung. Die USA scheinen auf einen Bürgerkrieg zuzusteuern. So sieht es also auf der anderen Seite des Atlantiks aus. Und hier? Ferguson sende "Schockwellen über den Atlantik", erklärt mir "RT". Auch in Europa fordern Demonstranten ein Ende der Polizeigewalt. In London werden Plakate mit Aufschriften wie "Faschistische Polizisten" in die Höhe gereckt. Die Menschen hätten Angst, dass in Großbritannien ähnliches wie in den USA passiere, verrät ein Reporter. Ich wundere mich, warum ich von diesen Schockwellen bisher nichts gespürt habe.

Eine Hand wäscht die andere

Ich atme tief durch. Beim zweiten Kaffee erklärt mir Aymeric Chauprade, wie dumm es von der französischen Regierung ist, den ersten Hubschrauberträger vom Typ Mistral nicht an Russland zu liefern. Warum? Weil den Franzosen damit Milliarden Dollar durch die Lappen gingen. Außerdem gefährde das etwa 800 Arbeitsplätze. Der Franzose, der das sagt, ist Politiker des rechtsextremen "Front National".

Die Partei hat sich von der russischen Regierung mindestens neun Millionen Euro geliehen und kritisiert laut die westlichen Sanktionen gegen Russland. Das verschweigt mir "RT" allerdings. Ich erfahre auch nicht, warum Paris den Deal gestoppt hat.

Dafür behauptet Chauprade, dass 78 Prozent der Franzosen für die Lieferung seien. Die Regierung gehorche den USA, schimpft der Mann, der die Annexion der Krim im Gegensatz zur französischen Regierung für legitim hält. Auch die "westliche Propaganda" über die Ukraine glaube der normale Franzose nicht.

Männer, die weit rechts stehen, begleiten mich durch den Rest des Tages. Im Rahmen einer Reportage über den Kampf der Kurden in der syrischen Stadt Kobane äußert sich ein "internationaler Beobachter" zum türkischen Präsidenten Recep Erdogan. Was er sagt, ist nicht sonderlich spektakulär. Aber sein deutscher Name und sein deutscher Akzent machen mich neugierig. Wer ist dieser Mann namens Manuel Ochsenreiter?

Ich verlasse das "RT"-Universum kurz und gelange über Google zu Wikipedia. Demnach gilt Ochsenreiter als Vertreter der "Neuen Rechten", war viele Jahre Chefredakteur der "Deutschen Militärzeitschrift" und ist nun für "Zuerst!" tätig. Sein aktueller Kommentar auf deren Website lautet: "Von nationalem Selbsthass: 25 Jahre Mauerfall und kein Ende des deutschen Schuldkults."

Dann doch lieber "RT". Leider gelange ich vom Regen in die Traufe. Max Blumenthal gibt dort ein Interview. Zur Erinnerung: Das ist einer der Männer, derentwegen Gregor Gysi bis auf die Toilette floh. Blumenthal empört sich nun darüber, dass in Deutschland jede Israel-Kritik als Antisemitismus verunglimpft werde. Das sei bei ihm besonders erstaunlich, da er selber Jude sei.

Nun ja, denke ich, Blumenthal hatte es im vergangenen Jahr auf eine viel beachtete Liste des Simon-Wiesenthal-Centers gebracht. Mit seinen Vergleichen von israelischen Juden mit Nationalsozialisten ("Judäo-Nazis") gelangte er immerhin auf Platz neun der zehn schlimmsten anti-israelischen und antisemitischen Verunglimpfungen des Jahres. Die Botschaft von "RT" ist klar: Um die Redefreiheit ist es in Deutschland nicht gut bestellt.

"RT" eröffnet mir weitere Erkenntnisse: Irans Atomprogramm ist eine Reaktion auf die US-Sanktionen, nicht umgekehrt. In Kiew versuchen Nationalisten das Konzert eines Popstars zu stürmen, nur weil die Sängerin in Moskau einen Musikpreis angenommen habe. Ein wütender Randalierer krakeelt: "Ruhm der Ukraine!" Und das Selbstmordattentat in Afghanistan, bei dem fünf Menschen sterben? Die USA seien an einem instabilen Land interessiert, sagt ein "unabhängiger politischer Analyst" mit Blick auf die Hintergründe.

Wirre Botschaften

Ich reibe mir verwundert die Augen, als ich erfahre, dass die Tage des Dollar als Leitwährung gezählt sind. Denn Chinas Renminbi holt rasant auf. In Sachen Wirtschaftsberichterstattung fährt "RT" überhaupt Bemerkenswertes auf. Im "Keiser Report" erzählt mir Max Keiser ernsthaft, dass "wir alle pleite sind", weil Zentralbanken und Regierungen unser Vermögen vernichten. Ganz weit vorne ist dabei Japans Notenbank. Ganz im Geiste von Pearl Harbour und Kamikaze zerstöre sie durch ihre lockere Geldpolitik ihre eigene Währung und die Welt. Das sei ihre Mentalität. Von steigenden Aktienkursen dürfe ich mich nicht täuschen lassen: Alles manipuliert. In Wirklichkeit implodiert die Wirtschaft.

Über Russland schweigt sich "RT" aus. Mir wird vor allem erzählt, wie verlogen der Westen ist. Ich gebe auf und fliehe ins Theater. Nach drei Stunden Tschechow komme ich glücklich nach Hause. Dann sehe ich: Ein Journalist, der als freier Mitarbeiter für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, hat auf meinen privaten, launigen Facebook-Post in Sachen "RT" reagiert: "Achja, wie schön und wie einfach", lästert er. "Die Russen sind prinzipiell im Unrecht. Nur unsere Sicht ist richtig. So haben die Deutschen auch 1940/41 gedacht. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Bravo!"

Da fehlten mir die Worte.

Quelle: n-tv.de

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