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Auf der Insel Utøya ermordete Breivik 69 Menschen, 8 weitere starben bei dem Bombenanschlag in Oslo.
Auf der Insel Utøya ermordete Breivik 69 Menschen, 8 weitere starben bei dem Bombenanschlag in Oslo.(Foto: picture alliance / dpa)

"Er wurde zurückgewiesen - überall": Wie Breivik zum Massenmörder wurde

Wie wird aus einem Menschen ein Massenmörder wie Anders Behring Breivik? Die norwegische Journalistin Asne Seierstad sagt im n-tv.de Interview: "Der Schlüssel zu seinen Taten ist Erniedrigung." Der Massenmörder Breivik - er ist "einer von uns".

Åsne Seierstad schrieb über Breivik das Buch "Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders". Es ist vor wenigen Wochen auch auf Deutsch erschienen.
Åsne Seierstad schrieb über Breivik das Buch "Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders". Es ist vor wenigen Wochen auch auf Deutsch erschienen.(Foto: Kagge Sturlason)

n-tv.de: Die Terrorattacken von Oslo und Utøya sind fünf Jahre her. In Deutschland waren wir beeindruckt davon, wie die Norweger im Moment des Schocks zusammengerückt sind. Gibt es dieses besondere Gemeinschaftsgefühl in Norwegen noch?

Asne Seierstad: In den ersten Tagen nach den Anschlägen hatten alle, auch ich, das Bedürfnis, zusammen zu sein. Es war die Zeit, in der all diese Worte von Toleranz und Solidarität vollkommen mit Bedeutung gefüllt waren. Das ist natürlich nicht mehr so stark, aber es ist nicht wirklich verschwunden.

Wie hat sich Norwegen durch die Anschläge verändert?

Ehrlich gesagt, auch wenn das eine langweilige Antwort ist: Ich glaube nicht, dass sich Norwegen verändert hat. Natürlich ist da eine Wunde, eine Narbe, es war ein Schock. Der 22. Juli gab uns das Gefühl, dass wir verwundbar sind. Aber es gibt keinen wirklichen Unterschied darin, wie wir uns fühlen oder wie wir einander begegnen.

Warum?

Es gibt keinen Grund, sich einzuigeln. Breiviks Taten waren die Anschläge einer Person, die nichts repräsentiert als ihre eigenen extremistischen Ideen. Ja, es gibt Menschen und extremistischen Gruppen, die sie teilen. Aber seine Taten hat er alleine verübt und es gab keinen Terror-Ring, der ihn unterstützte. Die Menschen fürchten daher nicht, dass das noch einmal passiert. In Frankreich, mit all den Attacken in der vergangenen Zeit, haben die Menschen Angst. Sie schauen ihren Nachbarn argwöhnisch nach, wenn sie furchterregend aussehen oder einen Bart tragen. Uns ist das nicht so gegangen, denn es war ein Angriff von innen, von einem von uns.

Anders Behring Breivik vor Gericht.
Anders Behring Breivik vor Gericht.(Foto: REUTERS)

Wie haben die Norweger das Grauen verarbeitet?

Ich glaube, der Prozess gegen Breivik war dabei sehr wichtig. Er offenbarte das Denken des Terroristen. Die meisten Terroristen werden von der Polizei getötet oder begehen Selbstmord. Es ist ziemlich einzigartig, aus erster Hand zu erfahren, wie er die Taten plante, wie er sich auf seine schrecklichen Verbrechen vorbereitete. Und wir bekamen eine Vorstellung von seinen Ideen. Was oder wen repräsentierte er? Gibt es eine größere Ideologie oder gar eine Organisation hinter ihm?

Wie ist es den Hinterbliebenen und Überlebenden ergangen?

Für die war der Prozess eine Katharsis. Es war wichtig, dass der Prozess als Mordfall behandelt wurde – ein Mordfall mit 77 Opfern. Jedes Opfer wurde einzeln behandelt – welche Verwundungen hatte es, wie starb es? Für die Hinterbliebenen und Überlebenden hatte das den Effekt, dass sie fühlten, wir führen diesen Prozess zusammen gegen ihn. Es ist damit nicht nur eine nationale Angelegenheit, sondern eben auch ein privater Fall.

Sie nennen Breivik "einen von uns". Das klingt, als sei Breivik ein ganz normaler Norweger. Verharmlosen Sie ihn damit nicht?

Nein, darin liegt keine Bewertung. Aber es ist Fakt: Er ist in eine normale norwegische Familie hineingeboren, er ging in einen gewöhnlichen Kindergarten, eine normale Schule, er wurde Mitglied einer zugelassenen, für alle zugänglichen Partei. Er hatte die Möglichkeit, so zu werden wie alle anderen. Er ist nicht in einem Vakuum aufgewachsen, sondern unter uns. Die Frage könnte also auch lauten: Sind wir schuld an ihm? Haben wir etwas getan, das ihn zum Monster werden ließ?

Asne Seierstads Buch "Einer von uns" ist bei Kein & Aber erschienen und kostet 26 Euro.
Asne Seierstads Buch "Einer von uns" ist bei Kein & Aber erschienen und kostet 26 Euro.(Foto: picture alliance / dpa)

Und wie lautet die Antwort?

Es ist schwer, das in wenigen Worten zu sagen. Manche Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von einem Kombinationsschloss. Um das Warum zu ergründen, braucht man alle Ziffern. Wenn ein Faktor wegfällt, hätte er es vielleicht nicht getan.

Welche Faktoren sind das?

Hätte er eine stabile Kindheit gehabt, wären die Anschläge vermutlich nicht geschehen. Wäre er in seiner Jugend nicht so drangsaliert worden, vielleicht auch nicht. Wäre er reich geworden – es war eine Zeit lang einer seiner größten Wünsche, erfolgreich zu sein – hätte er sich vermutlich nicht zu einem Terroristen entwickelt. Wenn er in der Fortschrittspartei, der er zehn Jahre lang angehörte, akzeptiert worden wäre, hätte er sich vielleicht nicht weiter radikalisiert. Der Schlüssel zu seinen Taten ist Erniedrigung. Was auch immer er in seinem Leben versucht hat – er wurde zurückgewiesen, zurückgewiesen, zurückgewiesen. Überall. Und zu guter Letzt wurde er auch noch von den Rechtsextremen im Internet zurückgewiesen. Sie lasen nicht sein Manifest, sie beantworteten nicht seine E-Mails, sie fanden ihn langweilig. Als er diese Ablehnung erfuhr, begann er, Waffen zu kaufen.

Keiner ahnte, was Breivik plante. Das erinnert an Angriffe von sogenannten "Einsamen Wölfen" in den vergangenen Wochen wie in Würzburg. Was kann man aus dem Fall Breivik lernen?

Man kann erkennen, was einen Menschen zu einem Terroristen macht. Es ist offensichtlich, dass in jemandem, der so etwas macht, etwas zerbrochen sein muss. Aber nicht jeder, der eine schwere Kindheit hatte, wird Terrorist. Bei islamistischen Terroristen ist es jedoch häufig ähnlich wie bei Breivik: Oft spielen das Fehlen eines Vaters oder Zurückweisungen eine Rolle, die junge Kerle empfänglich für terroristische Gedanken machen. So ist das etwa auch bei den Attentätern von Paris gewesen. Aber ich denke, das ist die einzige Parallele, die man ziehen kann. Breivik war alleine und es gab kaum Nachahmer. Er hat es auch nicht vermocht, einen Kult um sich aufzubauen, er hat kaum Unterstützer. Deshalb erzeugen die Taten von Paris mehr Angst.

Die Anschläge in Norwegen sind nun fünf Jahre her. Was bedeutet der Jahrestag für die Norweger?

Ich habe gerade eine Einladung bekommen. Ein Freund geht nach Italien und feiert Abschied. Die Party ist am Freitag. Im ersten Moment dachte ich: Wie kann er am 22. Juli eine Party feiern? Aber er hat darüber offenbar nicht nachgedacht. Und selbst wenn – warum soll er keine Party feiern? Das Leben muss weitergehen.

Mit Åsne Seierstad sprach Johannes Graf

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Quelle: n-tv.de

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