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"Ich muss es durchsetzen": Wie Kohl den Deutschen den Euro aufzwang

Von Christian Rothenberg

Eine neue TV-Doku zeigt das wohl letzte große Interview mit Helmut Kohl. Darin spricht der gelöst wirkende Altkanzler auch über die Einführung des Euro und die Integration der Griechen in die Währungsunion.

In einem Sessel vor dem Bücherregal, so sitzt er da in seinem Haus in Oggersheim. Helmut Kohl redet über die Einführung des Euro. "Es gab damals viel Gerede. Eine Währung, in der Italiener und Griechen dabei sind, kann niemals eine ordentliche Währung werden", sagt Kohl und muss lachen. Und er wird noch darüber reden, wie er der EU den Euro aufzwang.

Die Kohl-Doku auf dbate.de

24. März - Aufstieg und Kämpfe in der CDU
25. März - Kanzlerschaft und "geistig moralische Wende"
26. März - Die Schlacht - Aufstand in der CDU 1989
27. März - Fall der Mauer und Wiedervereinigung
28. März - Euro und Machtverlust
29. März - Spendenaffäre und Freitod von Ehefrau Hannelore

Kurz vor dem 85. Geburtstag des Altkanzlers erscheint in diesen Tagen eine bemerkenswerte Dokumentation. Die beiden Journalisten Stephan Lamby und Michael Rutz haben Kohl im Jahr 2003 an vier Tagen befragt. Ausschnitte aus dem Gespräch wurden für die NDR-Doku "Helmut Kohl - ein deutscher Kanzler" verwendet, der überwiegende Teil wurde jedoch nie veröffentlicht. Bis jetzt.

Die Aufnahmen zeigen Kohl fünf Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft. Er ist Anfang 70, wirkt wach, fit und ungewohnt locker. Die Bedeutung des Euro sei damals von der Mehrheit der Menschen nicht begriffen worden, sagt Kohl. "Eine Volksabstimmung über die Einführung des Euro hätten wir verloren." Dabei sei die Gemeinschaftswährung "die eigentliche Gründungsurkunde" Europas.

Kohl erinnert sich: Dieser Euro wird nie was, er würde "eine miserable Währung sein", habe es geheißen. Was sei nicht alles gesagt und geschrieben worden. Im Hinblick auf die Kritiker an einem Beitritt von Italien und Griechenland bemerkt er in dem Gespräch etwas spitz: "Wenn sie heute die Wirtschaftsteile aufschlagen, müssen sich eine Menge Leute schämen, was sie damals für einen Unsinn geredet haben." Das sagte Kohl 2003. Es ist fraglich, ob er das heute noch genauso sagen würde.

Kohl wollte Bauer werden

Kohl wollte 1996/1997 als Kanzler eigentlich zurücktreten und den Weg freimachen für Wolfgang Schäuble. "Ich glaubte, 14 Jahre waren genug. Ich hatte auch genug geschafft." Doch Kohl sah sich als einzigen Garanten für die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag und für die Einführung des Euro. "Ich bin davon ausgegangen, ich muss es durchsetzen." Also blieb er. Am 2. Mai 1998 beschloss Kohl mit den anderen Regierungschefs der EU die Einführung des Euro - ein halbes Jahr später wurde er abgewählt

Ab heute veröffentlicht die Internetplattform dbate.de jeden Tag einen der insgesamt sechs knapp einstündigen Folgen des Kohl-Interviews. Darin geht es nicht nur um den Euro, sondern auch um Kohls Aufstieg in der CDU, seine 16-jährige Kanzlerschaft, die Wiedervereinigung, die Spendenaffäre seiner Partei und den Selbstmord von Ehefrau Hannelore.

Es ist wohl das letzte große Interview mit dem Altkanzler. Seit seinem schweren Sturz 2008 fällt ihm das Sprechen schwer. Bei der Vorstellung seines Buches "Aus Sorge um Europa" im November 2014 konnte er sich kaum noch artikulieren. Kohl sprach stockend und schwer verständlich. Das, was der Altkanzler nicht mehr sagen kann, teilt er schriftlich mit.

In seinem Buch äußert er sich auch über die Schuldenkrise in Griechenland: Neben den Verwerfungen beim Euro wäre es auch für Griechenland einfacher gewesen, "die notwendigen Veränderungen langsam, aber stetig auf den Weg zu bringen und am Ende mit der nötigen Euro-Reife dem Euroraum beizutreten". Die Fehler mit der frühzeitigen Aufnahme Griechenlands in den Euroraum seien gemacht worden, das sei eine Entscheidung der Vergangenheit. Ein deutliches Schuldeingeständnis ist das nicht.

Das Interview von Lamby und Rutz gewährt jedoch neue Einblicke in die Welt des Altkanzlers. Mit der nötigen Distanz spricht Kohl über Fehler und frühe Berufswünsche. "Ich hatte eigentlich immer Bauer werden wollen, eine Neigung zu diesem Beruf ist bis zum heutigen Tag geblieben", sagt er gleich zu Beginn des ersten Teils. Die Frage ist, was dann aus Europa und dem Euro geworden wäre.

Quelle: n-tv.de

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