Politik
Ein Selfie, das um die Welt ging. Stimmt. Auf die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland hatten Bilder wie diese aber einen geringeren Einfluss als viele dachten.
Ein Selfie, das um die Welt ging. Stimmt. Auf die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland hatten Bilder wie diese aber einen geringeren Einfluss als viele dachten.(Foto: picture alliance / Bernd von Jut)

Fakten für eine "postfaktische Welt": Wie Migrationsexperten mit Mythen ringen

Von Issio Ehrich

Vieles, was in den vergangenen Monaten über Flüchtlinge behauptet wurde, stimmte nicht. Selbst diejenigen, die Fakten haben sollten, die Regierungschefs und Minister, hatten oft keine. Auch das trug zum Aufstieg von Populisten bei.

So richtig traut sich Innenminister Thomas de Maizière nicht mehr. Zu verhängnisvoll muss ihm das Unterfangen vorkommen, eine Prognose zu geflüchteten Menschen abzugeben. Schuld daran ist das vergangene Jahr.

Für 2015 rechnete de Maizière zunächst mit 450.000 Asylbewerbern, die nach Deutschland kommen würden. Im August musste er die Zahl auf 800.000 korrigieren. Dann schien alles außer Kontrolle zu geraten – und de Maizière fing an zu schweigen.

Innenminister de Maiziere gibt zu Flüchtlingszahlen keine Jahresprognosen mehr ab.
Innenminister de Maiziere gibt zu Flüchtlingszahlen keine Jahresprognosen mehr ab.(Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/)

Im September sprach dafür SPD-Chef Sigmar Gabriel von einer Million Flüchtlingen. Im Oktober titelte Bild Online: "1,5 Millionen Flüchtlinge erwartet". Das Portal zitierte eigenen Angaben zufolge aus einem behördlichen "Geheimbericht" und prophezeite basierend auf "brisanten" Zahlen: "Mit ihren Familien könnten es noch viel mehr werden." Etliche Medien griffen die Zahl 1,5 Millionen auf, auch n-tv.de.

De Maizière geriet auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise immer wieder unter Druck, seine Prognose zu aktualisieren. Er weigerte sich. Offenbar, weil er einfach nicht wusste, wie viele Menschen am Ende kommen würden. Das mag verständlich sein, doch mit der Unfähigkeit, aktuelle und verlässliche Zahlen zu liefern, gab de Maizière die Deutungshoheit auf.

William Lacy Swing hält das für ein schwerwiegendes Problem. "Weil Regierungen keine Zahlen und Fakten haben, haben die Menschen das Vertrauen in ihre Fähigkeit verloren, Migration steuern zu können", sagt er. Swing ist Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Er spricht zum Auftakt einer Konferenz in Berlin, die sich dem Problem ungenügender Statistiken zu weltweiten Fluchtbewegungen widmet. An der Konferenz nehmen rund 200 Migrationsexperten teil und suchen nach Lösungen.

"Toxische Debatte wieder rationalisieren"

Mittlerweile ist bekannt: Im Jahr 2015 kamen 890.000 Menschen nach Deutschland. De Maizière lag gar nicht so falsch. Das Vertrauen in den Innenminister ist trotzdem erschüttert, weil er sich damals so offensichtlich nicht sicher war. Hinzu kam: Im Sommer verwies er auf eine Statistik zu geplanten Abschiebungen, die wegen ärztlicher Atteste scheiterten. Die Statistik, aus der er zitierte, existierte aber nicht. Die Zahlen waren ausgedacht. Eine Katastrophe in Zeiten, die immer häufiger als "postfaktisch" beschrieben werden, Zeiten also, in denen es zu oft reicht, Dinge zu behaupten, um politische und gesellschaftliche Prozesse in Gang zu setzen.

Video

"Schlechtes Datenmaterial führt zu Fehlinterpretationen, lässt Stereotype und Mythen entstehen", sagt Swing und fasst so gewissermaßen das Ziel der Konferenz zusammen, die das IOM angestoßen hat: Es geht darum, der Politik Informationen zu liefern, die ihnen eine effektive Migrationspolitik ermöglichen und die, so sagt es Swing, die "toxische" und durch "Fremdenfeindlichkeit" geprägte Debatte wieder rationalisieren. So einleuchtend das klingen mag, so schwierig ist es umzusetzen.

Der IOM zufolge liefert nur jedes vierte Land der Welt belastbare Zahlen über Migrationsentwicklungen. Am Rande der Konferenz erklärt Swing, wo das Problem fehlender Informationen am größten ist: in Afrika. Jedes fünfte Land auf dem Kontinent verfüge nicht einmal über einen aktuellen Zensus, sagt der IOM-Generaldirektor. Er könne zwar dokumentieren, dass seit dem Jahr 2000 mindestens 50.000 Menschen auf ihrer Flucht gestorben sind. Tatsächlich sei aber wahrscheinlich, dass es zwei oder drei Mal so viele gewesen sind. "Wir wissen nicht, wer alles in der Sahara das Leben verloren hat."

Es gibt noch zu viele Lücken

Oft ist gar nicht mal der Mangel an Daten das Problem, sondern der Überschuss an unbrauchbaren Informationen. Charlina Vitcheva ist stellvertretende Generaldirektorin des Joint Research Centre der Europäischen Kommission und sagt: "Die Masse an Daten ist mitunter so überwältigend, dass wir unmöglich damit arbeiten können." Vitcheva setzt sich für den Aufbau eines globalen Portals für Migrationsstatistiken ein, das insbesondere Entscheidungsträgern Zugriff auf alle wichtigen Informationen verschafft.

  • Mit dem Knowledge Centre on Migration and Demography (KCMD) mit Sitz in Italien geht Vitcheva bereits in diese Richtung. Das KCMD ist eine europäische Initiative, die einen leicht zugänglichen Überblick über relevante Daten zur Migration mit dem Fokus auf die EU schaffen soll.
  • Die IOM von William Lacy Swing betreibt wiederum das Global Migration Data Analysis Centre (GMDAC) mit Sitz in Berlin. Dort wird in Kooperation mit diversen Partnern gerade ein Portal für Zahlen und Analysen zu weltweiten Migrationstrends entwickelt. Online gehen soll es im nächsten Jahr.

Schon jetzt sind Zahlen zugänglich, die beim Blick auf die Debatten in Deutschland überraschen. So bewegen sich dem IOM zufolge nur 40 Prozent der Migranten von Süden Richtung Norden. Oft blieb in der hitzigen Diskussion über Zuwanderung offensichtlich auch die stete Abwanderung unterbelichtet. Die Briten etwa, die sich zuletzt besonders abweisend bei der Aufnahme von Flüchtlingen gezeigt haben, stellen die achtgrößte Diaspora der Welt. Laut IOM leben fünf Millionen von ihnen im Ausland.

Auch Kanzlerin Merkel bereiteten fehlende Fakten ein Problem

Noch gibt es in den globalen Datensätzen allerdings viele Lücken, und obwohl Migrationsexperten seit Jahren auf mehr Mittel für ihre Analysen pochen, scheint diese Notwendigkeit der Politik erst jetzt richtig bewusst zu werden.

Neben den Massen an schlechten Statistiken und dem Mangel an guten stellt der Datenschutz eine Herausforderung an Migrationsforscher. Erschwert wird der Aufbau einer verlässlichen Statistik auch dadurch, dass diese extrem aktuell sein muss, um von Nutzen zu sein. Das wohl dramatischste Beispiel dafür ist die Mär von der Wirkung der "Flüchtlings-Selfies" von Kanzlerin" Angela Merkel.

Über Monate bestimmte der Vorwurf den Diskurs, die CDU-Politikerin hätte Flüchtlinge angelockt – weil sie am 4. September für die Menschen vom Budapester Bahnhof Keleti die "Grenzen öffnete" und sich mit Asylbewerbern fotografieren ließ. Eine aufwändige Recherche von Zeit-Online zeigte gut ein Jahr später: Die Menschen waren längst unterwegs, als das passierte. Sie sind aufgebrochen, weil sich der Krieg in Syrien verschärft, Hilfsorganisationen Lebensmittelrationen gekürzt und die Taliban die Bevölkerung in Afghanistan heftiger terrorisiert hatten. Die Debatte über Merkel und ihre Willkommenskultur wäre womöglich anders verlaufen, wenn es schon 2015 mehr belastbare Fakten gegeben hätte.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen