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Offshore-Windkraft sieht gut aus, ist aber aufwendig.
Offshore-Windkraft sieht gut aus, ist aber aufwendig.(Foto: picture alliance / dpa)

Erneuerbare nicht zu stoppen: Wie Perlen auf einer Kette

von Hubertus Volmer

Noch ist offen, ob es nach dem Ende des Moratoriums einen "Energiekonsens" geben wird. Doch im Kern herrscht Einigkeit: Mit dem allein zentralistischen Energiesystem geht es zu Ende. Die großen Energieversorger müssen um Marktanteile fürchten.

"Der Konsens über erneuerbare Energien ist ein Scheinkonsens", schrieb der im Oktober verstorbene SPD-Politiker Hermann Scheer in seinem letzten Buch. "Die etablierten Kräfte der Energieversorgung zielen allenfalls auf eine Koexistenz von atomaren und fossilen mit erneuerbaren Energien". Als Scheer dies notierte, bereitete die schwarz-gelbe Koalition gerade die Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke vor.

Am 28. Oktober verabschiedete der Bundestag das damalige Energiekonzept der Koalition, die Fahnen vor dem Reichstag standen - wie nach dem Tod eines Bundestagsabgeordneten üblich - auf halbmast. Zu diesem Zeitpunkt war unvorstellbar, dass die Bundesregierung keine fünf Monate später ein atompolitisches Moratorium verkünden, die ältesten Meiler für drei Monate vom Netz nehmen und den Konsens mit der Opposition suchen würde. Dieselbe Regierung, die mit den großen Energieversorgern einen Geheimvertrag über die Laufzeitverlängerung geschlossen hatte, spricht mittlerweile über einen Ausstieg ohne Hintertür. Für die großen Energieversorger scheint jetzt die Zukunft anzubrechen, die sie so lange vor sich herschieben konnten.

Wie genau diese Zukunft aussieht, ist vorerst allerdings offen. "Das Konzept der zentralen Stromversorgung war 60 Jahre lang richtig. Aber es entspricht nicht dem Wesen der erneuerbaren Energien", sagt der CSU-Umweltexperte Josef Göppel. Noch vor Beginn des Gesprächs legt er dem Besucher ein Tortendiagramm vor. Es zeigt, dass nur 44 Prozent des deutschen Stromverbrauchs von der Industrie konsumiert werden, der Rest größtenteils von Privathaushalten und kleineren Unternehmen. Sie alle könnten problemlos mit dezentralen Kleinkraftwerken versorgt werden, meint Göppel.

"Im Kern eine technologische Wende"

Windkraft - vor allem die an Land - liefert den größten Anteil an der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien.
Windkraft - vor allem die an Land - liefert den größten Anteil an der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Franke ist einer der wenigen in der Koalition, für den die Energiewende keine Wende ist. Er hatte die Verlängerung der Laufzeiten stets abgelehnt und im Bundestag mit Nein gestimmt. Einer Frage nach den Motiven von Bundeskanzlerin Angela Merkel weicht er aus. Göppel geht es um etwas anderes: "Die jetzige Wende der Energiepolitik ist in ihrem Kern eine technologische Wende". Deswegen sei er überzeugt, "dass niemand diesen Weg zurückdrehen kann". Das ist wichtig. Es entspricht den Gesetzen der Physik - ein Fach, das der Kanzlerin nicht ganz unvertraut ist.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer ist Energie-, kein Umweltpolitiker, er setzt andere Schwerpunkte. "Wir brauchen gleichermaßen zentrale und dezentrale Versorgung", für beides gebe es gute Argumente "und beides muss kombiniert sein", sagt der CDU-Mann n-tv.de. "Für die Sicherung der Energieversorgung brauchen wir eine Grundstruktur der Energieversorgung, die leistungsfähig ist und die den Bedürfnissen der unterschiedlichen Energieverbraucher gerecht wird." Und doch: Eine Verteidigung des bisherigen Systems klingt anders.

"Eine Kette mit großen und kleinen Perlen"

Für die großen Energieversorger ist das möglicherweise nicht schön, aber auch nicht ganz neu. "Durch den politisch gewollten Ausbau der erneuerbaren Energien und den absehbaren Ausstieg aus der Kernenergie wird der Kuchen für RWE im angestammten Kerngeschäft zwangsläufig kleiner", sagt Alexander Nolden, Leiter der Abteilung Erzeugung im Bereich Energiepolitik beim Stromriesen RWE. "Die Chance besteht allerdings darin, gleichzeitig in anderen Bereichen zu wachsen." RWE investiere jährlich eine Milliarde Euro in erneuerbare Energien, und mit der RWE Effizienz GmbH wolle das Unternehmen am Markt der kundennahen Energiesparlösungen teilhaben. " Wir wollen dort wachsen, wo der Markt wächst."

Nolden betont, der Markt werde pluralistischer, "aber das Rückgrat der Stromversorgung werden weiterhin großindustrielle Lösungen sein - auch bei den erneuerbaren Energien, zum Beispiel bei Offshore-Windparks". Der Ausbau der erneuerbaren Energien werde ohne die großen Marktteilnehmer nicht gelingen. "Es sind vor allem die Großen, die Projekte wie Offshore-Windanlagen oder große Speicheranlagen stemmen können." Noch seien einige Fragen, vor allem im Bereich der Speichertechnologie, unbeantwortet. "Die Lösung wird eine Perlenkette sein - mit großen und kleinen Perlen, aber man braucht sie alle."

Dem stimmen selbst der konservative Öko Göppel und die grüne Energieexpertin Ingrid Nestle zu. Die großen Energieversorger hätten "auch in der Zukunft eine wichtige Aufgabe, nämlich den überregionalen Spitzenausgleich", glaubt der CSU-Politiker. Nestle sieht weitere Spielräume wie die intelligente Vernetzung. Dennoch ist klar: Sie werden Marktanteile verlieren. "Das finde ich auch gut, denn das erhöht den Wettbewerb", meint der FDP-Umweltpolitiker Michael Kauch.

Gabriel will Energieversorgung "demokratisieren"

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagt unumwunden, dass er die Marktmacht der großen Energieversorger beschränken will. Die Energieversorgung müsse "demokratisiert" werden, forderte er ganz im Sinne Scheers am 10. Mai bei einem Treffen mit den Chefs von Eon, Vattenfall, RWE und EnBW. Nicht jedem in der einstigen Kohle-Partei ist wohl dabei, der Chef der nordrhein-westfälischen SPD-Landesgruppe etwa, Norbert Römer, will die Energiewende lieber zusammen mit den Konzernen voranbringen. Auch Pfeiffer sagt, "Wettbewerb ist dringend notwendig und jedes Stadtwerk und andere Energieversorger sind herzlich willkommen". Er fügt hinzu: "Wir brauchen dennoch auch Unternehmen, die - auch im europäischen Binnenmarkt - wettbewerbsfähig und leistungsfähig sind."

Bei allem Konsens bleibt also genug Raum für Konflikte. SPD und Grüne etwa halten nicht viel davon, dass die Bundesregierung ihre Hilfen für Offshore-Windparks stark hochfahren will - damit würden nur die Konzerne gehätschelt, meint Nestle. Man müsse verhindern, dass die Konzerne durch den Bau von teuren Offshore-Windparks übermäßig von staatlichen Hilfen profitierten, schrieb Gabriel den Konzernchefs ins Stammbuch. Und auch Göppel hielte es für einen Fehler, "wenn wir innerhalb der erneuerbaren Energien in die alten zentralen Versorgungsstrukturen zurückfallen würden".

Ausbau der Stromtrassen bleibt umstritten

Keine Übereinstimmung gibt es auch in der Frage, was ein dezentrales Netz für den Ausbau der Starkstromtrassen bedeutet. "Wer so tut, als bräuchten wir bis zum letzten Wohnhaus große Übertragungsnetze, der steckt mit seinem Denken noch in der alten zentralistischen Versorgungsstruktur", sagt Göppel. Sein Fraktionskollege Pfeiffer meint ebenfalls, "durch dezentrale Erzeugung vor Ort kann zum Beispiel auch ein Teil des Netzausbaus eingespart werden und es wird eine lokale Wertschöpfung generiert".

Kauch dagegen geht davon aus, dass ein dezentrales Netz einen stärkeren Ausbau erforderlich machen wird. Irgendwo dazwischen steht die Grüne Nestle: "Gerade ein dezentrales System ist ein System mit vielen Stromleitungen, denn die vielen kleinen Anlagen sind nur gemeinsam stark", sagt auch sie. "Wer allerdings behauptet, dass schon heute der Ausbau der Erneuerbaren gebremst werden müsste, weil die Leitungen fehlen, macht Lobbyarbeit für die Atomkonzerne."

Das Moratorium geht Mitte Juni zu Ende, dann sollen im Bundestag Entscheidungen fallen. Noch ist offen, ob es bis dahin einen Energiekonsens zwischen Regierung und Opposition geben wird. "Natürlich streiten wir uns in Berlin heftig über die Geschwindigkeit des weiteren Ausbaus", sagt Nestle. "Aber stoppen kann die Erneuerbaren niemand mehr."

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Quelle: n-tv.de

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