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Posierende pro-russische Separatisten - auch an der Absturzstelle der malaysischen Maschine.
Posierende pro-russische Separatisten - auch an der Absturzstelle der malaysischen Maschine.(Foto: REUTERS)

Die Legende der Bürgermilizen: Wie Russland die Separatisten zusammenhält

Die Rebellenhochburgen im Osten der Ukraine nennen sich "Volksrepubliken", doch aus dem Volk kommen wenige Kämpfer. Die meisten sind Russen, ausgebildet in Lagern und dann in den Kampf geschickt. Auch der Armeechef der Rebellen ist Russe - und schimpft über die unwilligen Einheimischen.

Am Tag, nachdem das Cockpit von Malaysia-Airlines-Flug MH17 in ein Sonnenblumenfeld des ostukrainischen Dörfchens Rossipne gestürzt war, gestand Rebellenführer Alexander Borodai: Seine lose Separatistenregierung ist mit den vielen Leichen überfordert. "Wir haben diese Einrichtungen nicht", sagte Borodai, ein PR-Manager aus Moskau, der im Mai einen anderen Rebellenführer stürzte, um sich selbst an die Spitze der selbsternannten "Volksrepublik Donezk" zu setzen. "Wir können die Leichen nirgendwo lagern, wir haben solche Kühlschränke nicht", sagte er. Dann wurden sie in Kühlwaggons ohne funktionierende Kühlung gebracht.

Nach dem Abschuss der Boeing 777 mit fast 300 Menschen an Bord wird es der ganzen Welt bewusst: Die prorussischen Rebellen haben zwar das Kommando und bezeichnen sich selbst als Regierung, doch letztlich sind sie zu kaum mehr als zum Kämpfen fähig. Ihre organisatorischen Fertigkeiten sind verschwindend gering, sie haben keine Institutionen und keine Beziehungen zur Außenwelt - außer nach Russland.

Financiers aus dem Norden

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Im Süden des Landes werden Kämpfer in Ausbildungslagern auf ihren Einsatz in der Ostukraine vorbereitet, sagt Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit n-tv.de. "Viel läuft über soziale Netzwerke. Dann kommt es zu Treffen mit einer Kontaktperson, beispielsweise in Moskau, danach geht es für zwei Wochen in ein Trainingslager in den Süden Russlands, wo die Rekruten ausgebildet und mit Waffen ausgestattet werden. Dann überqueren sie nachts die Grenze in Richtung Ukraine." Finanziert wird all das vermutlich ebenfalls vom nördlichen Nachbarn und womöglich auch von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch, so Klein.

Bliebe die externe Unterstützung aus, bräche der gewaltsame Widerstand gegen die Regierung in Kiew wahrscheinlich schnell in sich zusammen, ist Klein überzeugt: "Der militärische Arm der Rebellen lebt von der Unterstützung aus Russland." Es sei eine Legende, dass der Kampf gegen die Regierungstruppen von Milizen der lokalen Bevölkerung geführt werde.

Der Russe Igor Girkin, der sich den Kriegsnamen Igor Strelkow zugelegt hat und inzwischen zum obersten Militärführer der Separatisten aufgestiegen ist, hat derartige interne Konflikte schon eingeräumt. "Wenn sich eine Guerilla-Bewegung verwandelt, gibt es eine Menge unvorhergesehener Kollisionen und Zusammenstöße persönlicher Ambitionen und Interessen", sagte Strelkow. Er ist die zentrale Figur der Separatisten, sagt Klein: "In Donezk versucht er momentan, eine Art Rebellenarmee unter einheitlichem Kommando aufzubauen." Dabei stößt er an seine Grenzen, weil sich die Bewohner in Donezk trotz ihrer negativen Einstellung gegenüber Kiew größtenteils weigern, zur Waffe zu greifen. Also kämpfen vor allem Russen, aber auch Tschetschenen, Osseten und Armenier für die "Volksrepubliken".

"Flickwerk" und durchlässige Grenze

Russe und mit Kampfname im Einsatz: Separatisten-Kommandeur Igor Strelkow (M.)
Russe und mit Kampfname im Einsatz: Separatisten-Kommandeur Igor Strelkow (M.)(Foto: AP)

Strelkow ist zwar grundsätzlich der Oberkommandeur der Rebellen, doch es gibt eine ganze Reihe von Untergruppen, die um Einfluss kämpfen - auch in der Gegend um die Absturzstelle. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa nennt die Rebellenbewegung ein "Flickwerk" aus "großen Gruppen, kleinen Gruppen - und einige von denen sind nicht unbedingt miteinander verbunden". In einer Sache aber sind sich alle Rebellen einig: Sie hassen Kiew. Unterstützt werden die Aufständischen dabei aus Russland, wenn auch indirekt, etwa durch Propaganda oder auch Untätigkeit. Russland halte die Grenze offen, "die diese Kämpfer mitsamt Kriegsgerät problemlos überqueren können", so Klein.

Die Unordnung in den Reihen der Rebellen erschwert es den internationalen Vermittlern, zu einem Waffenstillstandsabkommen zu finden. An Friedensverhandlungen, die seit dem Absturz gefordert werden, ist erst recht nicht zu denken. Das Problem sei, dass die militanten Aufständischen dachten, sie könnten einfach die Regionen Donezk und Luhansk einnehmen und dann Teil von Russland werden, sagte Alexander Dugin, ein antiwestlicher und russisch-imperialistischer politischer Philosoph, in einem Interview vor dem Flugzeugabsturz. Die Rebellen hätten nie damit gerechnet, dass sie die Regionen selbst regieren müssen, sagte er.

Von Anfang an erschütterten interne Konflikte die Rebellenbewegung in der Ostukraine. Es gab Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bürokraten unter den Separatisten und ihren Frontkämpfern. Ehrgeizige Kommandeure stritten über Strategien und Taktiken. Und es gab Machtgerangel zwischen den Separatisten aus der Region und den eingewanderten Kämpfern aus Russland. Seit langem schon ist die Rebellenbewegung vor allem eine dürftig zusammengehaltene Chaostruppe.

Russisches Recht für das Vakuum

Weil sie selbst nicht genug kompetente Verwaltungsleute besitzen, haben die Rebellen die örtlichen Behördenleute zum Weitermachen bekniet. Aber eine wachsende Zahl von lokalem Führungspersonal und Beamten ist wegen der anhaltenden Gewalt aus der Region geflüchtet. Jetzt bleiben nur noch die ohnehin dürftig ausgestatteten Polizeikräfte, Sanitäter und Notärzte, um eine komplexe, 35 Quadratkilometer große und völlig unübersichtliche Absturzstelle aufzuräumen. "Die Unterstützung für die Rebellen ist in der Bevölkerung nicht besonders groß", sagt Klein.

Die russische Regierung versucht vielmehr, sich öffentlich von den prorussischen Rebellen zu distanzieren, obwohl sie diese insgeheim unterstützt. Ob auch mit Waffen, dafür gibt es zwar keine Beweise. Aber: "Moskau setzt auf die Gewaltoption" und "glaubt offenbar, dass kontrollierte Instabilität eine wirksame Taktik sein könnte", so Klein.

Die Rebellen haben indes viele regionale Institutionen gestürzt, sie aber nicht ersetzt. So verkündete Eduard Jakubowski, der stellvertretende Staatsanwalt der "Volksrepublik Donezk", er habe ein Verfahren zu dem Flugzeugabsturz nach russischem Gesetz eröffnet. Grund: Die Rebellen erkennen das ukrainische Recht nicht mehr an, haben aber auch noch kein eigenes Rechtssystem aufgestellt.

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Quelle: n-tv.de

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