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Die Wahlniederlage in NRW bringt Kanzlerkandidaten Schulz in Erklärungsnot.
Die Wahlniederlage in NRW bringt Kanzlerkandidaten Schulz in Erklärungsnot.(Foto: imago/photothek)

"Leberhaken" in NRW: Wie cool ist Schulz?

Von Christian Rothenberg

Nach der heftigen Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen versucht die SPD, Martin Schulz aus der Schusslinie zu halten. Dennoch hat der Kanzlerkandidat ein Problem. Er muss jetzt abliefern - und hat nicht mehr viel Zeit.

Es ist ein trotziges Klatschen. Martin Schulz steht auf der Bühne im Atrium der SPD-Zentrale, neben ihm Hannelore Kraft. Die abgewählte nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin versucht vergeblich, den Applaus mit einer Handbewegung zu stoppen. Mutmachklatschen für die gedemütigte Genossenseele. Schulz dankt artig. Man gewinne gemeinsam und verliere gemeinsam; steinige Wegstrecke - ohne Floskeln kommt der Kanzlerkandidat nicht aus. "Rückschläge wegstecken", sagt er, "darin habe ich in meinem Leben eine gewisse Erfahrung gesammelt." Manchmal kriege ein Boxer "einen Leberhaken", zitiert er eine Äußerung von SPD-Vize Ralf Stegner. Das heiße nicht, dass die nächste Runde an den Gegner gehe.

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Schulz fällt es am Tag danach schwer, die passenden Worte zu finden. Mund abwischen und weiter, das ist seine Botschaft. Ganz leicht ist das nicht. Durch den Vergleich mit dem Leberhaken räumt er indirekt fast ein, dass die SPD zumindest am Rande der Kampfunfähigkeit steht. Ob sich Schulz davon erholen kann? In seiner Bilanz steht es seit Sonntagabend 0:3. Drei Wahlen hat die SPD verloren, seit Schulz zum Kandidaten und Vorsitzenden gekürt wurde. Glück hat Schulz bisher nicht gebracht. Und jetzt? Muss er erst zeigen, dass er das alles wegstecken kann und keineswegs geschlagen ist.

Für die SPD ist es ein schwerer Tag, wahrscheinlich der schwerste in diesem Jahr. Die Niederlage im Stammland war nicht vorgesehen. Noch im April hatte Schulz selbstbewusst erklärt: "Wenn Hannelore in NRW gewinnt, werde ich Bundeskanzler." Jetzt ist das Bundesland verloren, ein Schock für die SPD. Einige Genossen empfinden die Niederlage als ungerecht. Kraft ist geschlagen und tritt ab, was viele sehr trifft. "Sie war aufbrausend, aber unumstritten. Bei Torsten Albig haben wir immer gewusst, dass er komisch war", sagt ein SPD-Bundestagsabgeordneter n-tv.de. Kraft nimmt an diesem Montag Abschied von der großen Bühne. "Die SPD wird in meinem Herzen bleiben. Es war ein großes Vergnügen, in dieser Partei an führender Stelle mitzuarbeiten", sagt sie. SPD-Vizechefin Manuela Schwesig kämpft mit den Tränen.

Krafts Fehler

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Neben der Bühne stehen SPD-Chefstratege Tobias Dünow und Wahlkampfchef Markus Engels und schauen nachdenklich. Man werde gemeinsam beraten, analysieren, um dann Konsequenzen und Schlussfolgerungen zu ziehen, kündigt Schulz an. Die Aufarbeitung hat längst begonnen. Und Kraft hilft dabei, dass sich stimmige Erklärungen verbreiten, die Schulz entlasten. Wie bereits am Sonntagabend spricht sie über ihre Bitte an die Parteispitze, die Bundespolitik aus ihrem Landtagswahlkampf herauszuhalten. Viele in der Bundes-SPD halten dies inzwischen für einen Fehler. Weil man Kraft diesen Gefallen tat, wurde es im April merklich ruhig um Schulz, was öffentlich so gewertet wurde, als hätte der Kandidat sein Pulver verschossen.

Es dürfte unmöglich sein, Schulz ganz aus der Wahlniederlage in Düsseldorf herauszuhalten. Umfragen zeigen nach dem Wahlabend erschreckende Zahlen für die SPD: 59 Prozent der CDU-Wähler nennen Angela Merkel als wichtigsten Grund, warum sie ihr Kreuz bei der CDU gemacht haben. Die SPD haben dagegen nur 26 Prozent hauptsächlich wegen Schulz gewählt. "Man gewinnt in erster Linie, weil der Großteil der Menschen glaubt, dass wir es besser machen", sagt der Bundestagsfraktionsvize Axel Schäfer n-tv.de.

"Ich hatte eine kurze Nacht"

Auf die Kritik angesprochen, er habe inhaltlich zu wenig angeboten, sagt Schulz: "Ich kenne den Vorwurf und nehme ihn ernst." Dann spannt er einen kurzen Bogen. Bildung, Rüstungspolitik, Investitionen, Europa stärken. Es bleibt im Ungefähren. "Ich hatte eine kurze Nacht und bitte um Verständnis, dass ich noch nicht alles vortragen kann", sagt er schließlich. Soll heißen: Er ist kein Zauberer. Nach 15 Minuten ist der Auftritt beendet. Schulz braucht jetzt etwas, was allerdings nur sehr begrenzt zur Verfügung steht: Zeit.

In der SPD hoffen sie darauf, dass Schulz sich schnell von den Rückschlägen erholt. "Martin Schulz muss ab heute auf keine Landtagswahlen mehr Rücksicht nehmen", sagt Matthias Miersch, der Sprecher der Parlamentarischen Linken. Viele in der SPD wünschen sich mehr Zuspitzung im Endspurt. "Wir waren bisher zu sanft", sagt Bundestagsfraktionsvize Schäfer. An diesem Montag beraten die Parteigremien über Teile des Wahlprogramms. Schulz' nächste inhaltliche Aufschläge sollen getaktet werden. Als nächstes will der Kandidat seine Pläne zu den Bereichen Rente und Steuern präsentieren. Wichtige Themen, mit denen die SPD jetzt unbedingt punkten will.

"Wir sind froh, wenn wir diesen Tag überstehen", sagen mehrere Sozialdemokraten an diesem Montag. Bloß keine Panik, Unruhe ist das letzte, was jetzt hilft, so lautet die Marschroute. In Hintergrundgesprächen verweisen einige SPDler darauf, sie hätten immer gesagt, dass Ex-Parteichef Sigmar Gabriel ein guter Kanzlerkandidat sei. Aber ein Wechsel des Kandidaten steht vier Monate vor der Wahl nicht zur Debatte. Öffentlich wäre es wohl auch kaum zu erklären, warum die Partei den Mann stürzt, den sie erst vor knapp zwei Monaten mit 100 Prozent an ihre Spitze gewählt hat.

Quelle: n-tv.de

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