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Gabriel und das Projekt Kanzleramt : "Wie lang fährst du noch zu Merkel, Papa?"

Von Christian Rothenberg, Berlin

Nur mit einem guten Wahlergebnis beim SPD-Parteitag hat Sigmar Gabriel Chance auf eine Kanzlerkandidatur. Der Vizekanzler umgarnt seine Partei, bringt ihr sogar ein Geschenk mit. Doch auch nach seiner Rede bleiben Zweifel: Reicht das?

80, 86, 92 oder vielleicht nur 78? Am Morgen um kurz vor neun besiegeln die letzten Sozialdemokraten auf den Fluren des Berliner City Cube noch eilig ihre Tippspiele. Es geht an diesem Tag vor allem um Prozente und darum, wie viele Sigmar Gabriel beim Parteitag und seiner vierten Wahl zum SPD-Chef wohl bekommt. Drei Stunden später stehen fast alle 600 Delegierten der SPD und applaudieren. Minutenlang, ausdauerndes Klatschen, aber kein euphorisches. Stärkt der Parteitag Gabriels Chancen als Kanzlerkandidat? Absolute Klarheit bringt die Rede des Vizekanzlers nicht.

Dabei gibt Gabriel alles. Er umgarnt seine Partei, streichelt ihre Seele, macht den Genossen Mut. "Lasst euch niemals klein machen", ruft er mit fester Gabriel-Stimme. "Wir sollten nicht jeden Tag auf die Umfragen gucken, sondern auf unsere Überzeugungen." Oder: "Neben der Willy-Statue komme ich mir immer ganz mickrig vor." Aber dass es ihn juckt, das macht Gabriel deutlich. "Wir wollen Deutschland wieder regieren und nicht nur mitregieren. Natürlich vom Kanzleramt aus." Gabriel erzählt von einem Dialog mit seiner Tochter. "Wie lang musst du denn noch zu Frau Merkel fahren, Papa?", habe die ihn gefragt. "Keine Angst, nur noch bis 2017", antwortete Gabriel. Wenn das so einfach wäre.

Gabriel umarmt die Genossen

Gabriel ist nicht nur Vater, er ist auch SPD-Chef, Vizekanzler und Superminister: Nicht selten sind die vielen Rollen in den vergangenen Jahren miteinander kollidiert. Nicht selten stieß Gabriel die Genossen vor den Kopf. Beim Parteitag erlebt man einen versöhnlichen, fast umarmenden Gabriel. Er lese manchmal, wie schwierig das mit ihm sei. "Vorsitzender der SPD zu sein, ist kein Opfergang. Das ist das stolzeste und ehrenvollste Amt, das man in der Deutschen Demokratie haben kann", sagt Gabriel. Mit solchen Sätzen würde wohl jeder punkten. Und ohne Pathos geht es nicht bei der SPD.

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Gabriel skizziert in seiner Rede auch, wie er die Kanzlerin 2017 stürzen will. Ungewöhnlich deutlich gibt er der CDU die Mitschuld am Erstarken der Rechten in ganz Europa. "Ich habe sie immer davor gewarnt, Frankreich einen Sparkurs aufdiktieren zu wollen. Davon profitiert heute der Front National", wettert Gabriel im Vorwahlkampf-Modus, "wenn die besser auf uns gehört hätten, wäre Frau Le Pen heute nicht so weit."

Spürbar wichtig ist Gabriel auch ein anderes Thema: Von der Flüchtlingskrise ausgehend liefert er ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa. "Das Projekt der Sozialdemokratie wird infrage gestellt und angegriffen. Das historische Projekt ist es, gemeinsam und im Frieden miteinander ein besseres Leben für alle gestalten zu können als gegeneinander." Laut wird Gabriel auch, als er fordert, den rechten Feinden Europas entschlossen entgegenzutreten.

Votum über Bodentruppen ist überraschend

Gabriel hat der Partei etwas mitgebracht. Es ist die vielleicht größte Überraschung in seiner Rede. Er will seine Partei über einen möglichen Einsatz von Bodentruppen in Syrien abstimmen lassen, wenn das eines Tages das Thema sein könnte. "So etwas gibt es nur in der SPD. Damit zeigen wir, dass Mitgliedschaft bei uns etwas wert ist." Ansonsten klappert Gabriel vieles ab, dass die Genossen hören wollen. Er zitiert Helmut Schmidt, lobt, klopft Schultern, zeigt Verständnis für Zweifler. Er geißelt Steuerhinterzieher ("die wahren Asozialen"), spricht sich für weniger Waffenexporte aus, für den Kampf gegen Kinderarmut, bessere Löhne und soziale Gerechtigkeit ("Wir dürfen niemanden zurücklassen").

Dennoch zeichnet Gabriel kein so schlechtes Bild von der Republik, wie es vor zweieinhalb Jahren Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gemacht hat. Mehrfach schwärmt der Vizekanzler von Deutschland. "Ist es nicht immer noch ein kleines Wunder, dass Deutschland zu einer Hoffnung für Millionen geworden ist? Ist das nicht eine fantastische Entwicklung? Das darf uns stolz machen." Ausdrücklich lobt Gabriel die wahren Helden der Flüchlingskrise, die Lokalpolitiker und ehrenamtlichen Helfer, Hilfsbereitschaft und Zivilcourage. Es sei leicht, Willkommenskultur in gut klimatisierten Sitzungsräumen des Bundestags zu entwickeln.

Gabriel findet in seiner Rede eine Mischung aus staatsmännisch und kämpferisch. Zum Ende ist er vor allem Mutmacher und damit das, was die Partei in Zeiten von schlechten Umfragen so dringend bricht. "Auf dem Weg zu neuer Stärke! Ich sage euch: Das schaffen wir", sagt er. Das ist nicht ganz neu, klingt aber schon sehr nach Kanzleramt. Doch dafür reichen keine 25 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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