Politik
Die Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg: Riexinger, Kretschmann, Wolf, Rülke, Schmit und Meuthen (v.l.).
Die Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg: Riexinger, Kretschmann, Wolf, Rülke, Schmit und Meuthen (v.l.).(Foto: dpa)

AfD bestimmt TV-Debatte im Ländle: Wie war das noch mit dem Schießbefehl?

Von Issio Ehrich

Alle gegen einen: Das ist die Devise bei der Elefantenrunde in Baden-Württemberg. Der AfD-Mann hat argumentativ wenig entgegenzusetzen. Er weicht aus, beschwichtigt. Entzaubert ist er wohl trotzdem nicht.

Übernehmen Sie doch mal Verantwortung. Stehen Sie doch mal dazu. Oder aber: Distanzieren Sie sich doch von denen. Das sind die Sätze, die im großen TV-Duell kurz vor der Wahl in Baden-Württemberg immer wieder fallen. Die Sätze gelten Jörg Meuthen, der die AfD in der Runde der Spitzenkandidaten vertritt.

Das Wort Schießbefehl habe nie jemand aus seiner Partei in den Mund genommen, sagt er, und verweist darauf, dass seine Kollegin von der Parteispitze, Frauke Petry, in einem Interview danach gefragt wurde, den Ausdruck selbst aber nicht verwendete. Die Warnung aus dem Landeswahlprogramm der AfD, dass Angela Merkels Politik "Hunderte Millionen Armutsflüchtlinge" nach Europa locke, relativiert er und behauptet, dass renommierte Wissenschaftler von 640 Millionen Umsiedlungswilligen Menschen auf der Welt ausgingen. Zu den AfD-Kandidaten im Ländle, die vor einem schleichenden "Genozid der deutschen Bevölkerung" und der "Vernichtung des deutschen Volkes" durch Migration warnen, sagt er lieber nichts. Er weicht aus und redet lieber abstrakt über Grenzschließungen und Asylzentren im Ausland.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen, Nils Schmid von der SPD, Guido Wolf von der CDU, Hans-Ulrich Rülke von der FDP und Bernd Riexinger von der Linken – sie alle arbeiten zusammen, um den AfD-Mann vorzuführen. Und man merkt ihnen an, dass sie darin Übung haben.

Die Elefantenrunde beim SWR ist nicht das erste Aufeinandertreffen in dieser Konstellation. Die "Stuttgarter Nachrichten" etwa organisierten vor rund zwei Wochen ein ähnliches Forum. Doch die Sendung des SWR steht mit Blick auf Meuthen unter besonderer Beobachtung.

Meuthen fehlen die Belege

Kretschmann und Schmid hatten sich zunächst geweigert, sich so kurz vor der Wahl dem AfD-Mann in einer Live-Sendung zu stellen. Sie fürchteten, das könnte der rechten Truppe zu viel Aufmerksamkeit bescheren. Doch da so der Eindruck entstand, sie würden die Debatte scheuen, änderten sie ihre Meinung. Fortan galt das Credo, man müsse die AfD vor den Augen der Zuschauer entzaubern.

Auf den ersten Blick scheint das auch zu gelingen. Nicht nur, weil Meuthen allzu offensichtlich darum bemüht ist, die radikalen Thesen seiner Partei auch Wählern aus der Mitte der Gesellschaft erträglich zu machen. SPD-Mann Schmid prophezeit ihm prompt: "Ihnen wird es so gehen wie Herrn Lucke." Er spielt auf den früheren AfD-Star an, der von den rechten Kräften in der Partei "rausgemobbt" wurde. Das Entzaubern scheint zunächst auch deshalb zu funktionieren, weil immer wieder zutage tritt, dass auch die Thesen, zu denen Meuthen steht, wenig Subtanz haben.

Er behauptet zum Beispiel, dass vielen Straftaten von Ausländern nicht nachgegangen werde. Auf Nachfrage muss er dann zugeben: "Aus Baden-Württemberg habe ich keine Belege." Das sei ja auch schwer zu belegen.

Kretschmanns Befürchtung bestätigt sich

Und doch stellt sich am Ende die Frage, ob womöglich auch dieser Auftritt der AfD, die in Umfragen die Zehn-Prozent-Marke locker durchbrochen hat, am Ende nutzt. Denn für Menschen, die der AfD nicht grundsätzlich abgeneigt gegenüberstehen, muss es schon merkwürdig anmuten, wenn sich eine geballte Gesprächsrunde samt Moderatoren an einem Mann abarbeitet, der selbst kaum zu Wort kommt. Auch viele der bereits überzeugten Anhänger der Partei hat der Auftritt wohl eher bestärkt. Die Kommentarspalten auf den Webseiten des SWR sind zumindest voll mit Sätzen wie: "Ich finde es erschreckend, dass den Herren der etablierten Parteien nichts weiter einfällt, als nur mit dem Finger auf den kleinen AfD-Mann zu zeigen und ihn als Rassisten zu beleidigen." Sich in der Rolle des Underdogs zu suhlen, gehört zur Strategie der AfD.

Auf den zweiten Blick scheint sich genau das zu bestätigen, was Kretschmann und Schmid befürchtet haben, als sie sich noch gegen eine gemeinsame TV-Debatte sperrten. Auch, weil es das Format mit sechs Spitzenkandidaten, die sich nicht nur an der AfD abarbeiten, sondern in 90 Minuten auch noch ihre Wahlkampf-Parolen unters Volk bringen und sich untereinander angreifen mussten, es kaum zuließ, wirklich in thematische Tiefen abzutauchen. Hätten sie sich der Debatte mit der AfD verweigert, wäre der Schaden womöglich aber noch größer gewesen.

Quelle: n-tv.de

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