Politik
CNN Kameramann Scott McWhinnie zeichnet die Zerstörung in Kobane auf.
CNN Kameramann Scott McWhinnie zeichnet die Zerstörung in Kobane auf.

Zwei Tage in Kobane: Wo die Körper von IS-Kämpfern verrotten

Von Nick Paton Walsh, Kobane

Der CNN-Korrespondent Nick Paton Walsh begleitete Kurdinnen, die in den Straßen von Kobane gegen den IS kämpfen. Kinder zeigten ihm, wo sie sich vor den Bombenangriffen verstecken. Bei n-tv.de berichtet er von seinen Eindrücken.

Der Weg nach Kobane führt über einen breiten Streifen Matsch. Links von uns steht der IS, hinter uns das türkische Militär. Dennoch ist der nächtliche Weg in die Stadt nicht so nervenaufreibend wie die darauffolgende Nacht in Kobane. Der Boden und die Wände zittern von den Luftangriffen der Anti-IS-Koalition – oft sind es drei Explosionen gleichzeitig.

Kurdische Streitkräfte feuern einen Mörser ab.
Kurdische Streitkräfte feuern einen Mörser ab.(Foto: CNN International)

Mörser, die von Privatleuten zu Hause angefertigt worden sind, krachen wahllos in die Gebäude rundum und Schrottsplitter klirren, wenn sie auf den Asphalt treffen. Auf dem Dach will das Sperrfeuer von Maschinengewehren mit schwerer Munition nicht enden. Die Kugeln krachen in die Häuser oder prallen von ihnen ab. Das Leben in Kobane ist kaum aufrechtzuerhalten, aber es lässt sich erstaunlicherweise auch nicht klein kriegen.

Die Kinder: verspielt und hilflos

Wir haben zwei Tage in der Stadt verbracht. Aus erster Hand zu sehen, worauf wir über Wochen hinweg nur einen entfernten Blick von den nahegelegenen Hügeln aus erhaschen konnten, ist eine erschütternde Erfahrung. Jeder Wimpernschlag führte einem die unwiederbringliche Zerstörung vor Augen.

Panorama der zerstörten Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei.
Panorama der zerstörten Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei.(Foto: CNN International)

Zwei Szenen stechen heraus. Die erste: Eine Gruppe von Kindern, die uns schnellen Schritts in ein Schlafzimmer brachten, das von Kissen gesäumt war. Wir hatten sie gefragt, wo sie hingingen, wenn die Bomben fallen. Sie kicherten und ließen sich auf die gepolsterten Möbel fallen – verspielt und hilflos.

Die zweite: Eine andere Kinderschar, dieses Mal im Matsch, in der Nähe eines provisorischen Friedhofs im Westen der Stadt. Der Ort besteht aus Ecksteinen, die aus Kohleblöcken herausgebrochen wurden nun Gräber markieren. Daneben befindet sich eine weitere, in den Schmutz gegrabene Grube. In Erwartung neuer Verluste klettern die Kinder in die Grube hinein und wieder heraus. Der Verlust des Lebens ist fester Bestandteil des Alltags hier.

Als ihre Munition ausging, jagte sich Reeban in die Luft

Im Osten der Stadt führt uns die kurdische Kämpferin Meedya zu ihrer Stellung, wo sich heftige Schusswechsel ereignen. Der IS ist nur 20 Meter entfernt. Immer wieder liegt der Gestank von Verfall in der Luft – die IS-Kämpfer lassen ihre Toten zurück, wenn sie sich zurückziehen. Die Körper der Gefallenen verrotten auf dem Boden, den die Kurden nach den Luftschlägen der Anti-IS-Koalition zurückerobern konnten. Meedya verlor ihre beste Freundin Reeban in diesem Kampf – sie jagte sich selbst in die Luft, als sie von IS-Kämpfern umzingelt war und ihr die Munition ausging.

"Dies sind die schweren Momente, die wir durchleben, aber wir schöpfen Kraft aus diesen Martyrien", erzählt uns Meedya. "Diese Momente sind schwer und sie bringen einen dazu, noch mehr zu tun, um ihren Tod zu rächen, ihre Träume wahr zu machen. Ich möchte den Weg, den sie begonnen hat, vollenden."

Nick Paton Walsh ist Senior International Correspondent bei CNN

Quelle: n-tv.de

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