Politik
Grenzstein an der einstigen innerdeutschen Grenze.
Grenzstein an der einstigen innerdeutschen Grenze.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 14. August 2012

Erschossen an der deutsch-deutschen Grenze: Zwei Tote, eine Geschichte

Von Hubertus Volmer

Im Sommer 1962 tötet ein westdeutscher BGS-Beamter an der Grenze zur DDR einen ostdeutschen Soldaten. Die DDR schlachtet den Fall nach allen Regeln der Propagandakunst aus, die Bundesrepublik spricht den Schützen frei. Nach der Wiedervereinigung wird auch er erschossen - ganz in der Nähe des einstigen Tatorts.

Der erste Schuss fällt am Vormittag um kurz nach 11 Uhr. Es ist Dienstag, der 14. August 1962, Schauplatz ist die innerdeutsche Grenze zwischen Hessen und Thüringen, wo an diesem Tag Pioniere der Nationalen Volksarmee (NVA) einen zusätzlichen Stacheldrahtzaun errichten.

Der Schuss geht in die Luft, noch ist niemand tot. Der Schütze, Karlheinz Roßner, dient als Gefreiter der DDR-Volksarmee. An diesem Tag gehört er zu den Grenzsoldaten, die aufpassen sollen, dass keiner der Pioniere in den Westen verschwindet. Wahrscheinlich gibt auch sein Vorgesetzter, Hauptmann Rudi Arnstadt, Chef der im nahe gelegenen Dorf Wiesenfeld stationierten Grenzkompanie, einen Schuss ab - sicher ist das jedoch nicht, die Berichte widersprechen sich.

"Todessache Rudi Arnstadt"

Die Historiker und Journalisten Jan Schönfelder und Rainer Erices haben ein sehr lesenswertes Buch über den Fall Arnstadt geschrieben, auf dem dieser Artikel basiert: "Todessache Rudi Arnstadt. Zwischen Aufklärung und Propaganda" (hier bestellbar). Natürlich können auch Schönfelder und Erices weder den Mörder von Hans Plüschke präsentieren noch können sie klären, ob BGS-Hauptmann Meißner und seine Begleiter am 14. August 1962 auf DDR-Territorium standen. Ihr Buch zeigt jedoch, dass es unter den Bedingungen des Kalten Kriegs so gut wie unmöglich war, die tatsächlichen Umständen von Arnstadts Tod zu ermitteln: Die ostdeutschen Behörden waren fast ausschließlich an Propaganda interessiert, die westdeutschen Stellen an einer Entlastung des Schützen. Nach der Wiedervereinigung wurde zwar erneut ermittelt. Doch die Suche nach DDR-Zeugen wurde, wie Schönfelder und Erices schreiben, "ohne ersichtlichen Grund" eingestellt. (hvo)

Anlass für den Warnschuss ist eine angebliche Grenzverletzung. Das begann so: Arnstadt hatte beobachtet, wie zwei der Bundesgrenzschützer um wenige Meter auf DDR-Gebiet eindrangen. Sie gehören zu einer Gruppe von BGS-Leuten und Polizisten, die den Ausbau der Grenzanlagen von Westen aus beobachten. Nach einem Hinweis von Arnstadt ziehen sich die beiden Westdeutschen zurück.

Einem späteren Bericht der DDR-Staatssicherheit zufolge geht daraufhin ein BGS-Hauptmann zusammen mit zwei Sicherungsposten, Dieter Koch und Hans Plüschke, zurück an die Grenze. Ob diese drei die Demarkationslinie übertreten oder auf westdeutscher Seite stehen bleiben, ist unklar. Der Verlauf der Grenze ist hier unübersichtlich - sie verläuft nicht gerade, ein Grenzstein steht zudem verdeckt in einem Haferfeld. Klar ist: Arnstadt will einen der tatsächlichen oder angeblichen Grenzverletzer festnehmen.

"Stehen bleiben! Hände hoch!"

Der NVA-Hauptmann ruft etwas wie "Stehen bleiben! Hände hoch!" und gibt Roßner ein Zeichen, worauf dieser seinen Warnschuss abfeuert. Sie sind etwa zwölf Meter von den BGS-Männern entfernt. Von Westen eröffnen Meißner, Plüschke und Koch das Feuer. Plüschke trifft Arnstadt am rechten Auge, die Kugel durchschlägt seinen Kopf. Arnstadt stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

Roßner schießt zurück, nach Angaben der BGS-Männer gezielt, nach eigener Aussage in die Luft. In späteren Darstellungen behaupten die DDR-Medien, Roßner habe das Feuer nicht erwidert und so eine Eskalation verhindert. Wie dem auch sei, das Feuergefecht endet, ohne dass weitere Grenzer zu Schaden kommen.

Der aufgebahrte Sarg am 16. August im Kulturhaus der Kleinstadt Geisa nahe Wiesenfeld.
Der aufgebahrte Sarg am 16. August im Kulturhaus der Kleinstadt Geisa nahe Wiesenfeld.(Foto: dapd)

Der blutige Zwischenfall sorgt für helle Aufregung. Arnstadts Tod fällt in eine besonders spannungsreiche Phase des Kalten Kriegs. In den vier Monaten zuvor waren insgesamt vier DDR-Soldaten an den Grenzen des Arbeiter-und-Bauern-Staates getötet worden. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr, am 13. August 1961, hatte die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Die übrige innerdeutsche Grenze war bereits seit den 50er Jahren stetig ausgebaut worden.

Auf ostdeutscher Seite fahren Schützenpanzer der NVA auf, im Westen rücken US-Panzer auf die Grenze vor. "Die Zonengrenze im Raum Setzelbach", schreibt die "Fuldaer Volkszeitung" am folgenden Tag, "glich nach dem Zwischenfall einem Heerlager. Auf allen Seiten waren starke Sicherungskräfte aufgeboten worden. Maschinengewehre lagen in Stellung. Deutsche standen sich Auge in Auge mit schussbereiten Waffen gegenüber."

Im Osten gezielter Mord, im Westen versuchte Erpressung

Jenseits der Grenze berichten die Medien erst am Abend des 15. August über den Fall. SED-Chefpropagandist Horst Sindermann tritt im DDR-Fernsehen auf und sagt, Rudi Arnstadt sei "vom Staatsgebiet der DDR aus" mit "gezielten Salven" ermordet worden. Es habe den Anschein gehabt, dass die BGS-Leute "besoffen" gewesen seien. Am folgenden Tag ziehen die ostdeutschen Zeitungen nach. "Am 14. August 1962, um 11.05 Uhr, wurde von den Bonner Ultras an der Staatsgrenze zur DDR bei Wiesenfeld im Kreis Bad Salzungen eine neue schwere Provokation verübt", gibt die SED-Zeitung "Neues Deutschland" eine Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur ADN wieder. "Ein Offizier und zwei Angehörige des Bundesgrenzschutzes drangen in das Gebiet der DDR ein. Die Aufforderung unserer Grenzposten zum Stehenbleiben und den in die Luft abgegebenen Warnschuss beantworteten die Bonner Söldner mit gezielten Salven aus Schnellfeuergewehren. Den Mordkugeln fiel der Hauptmann der Nationalen Volksarmee Rudi Arnstadt zum Opfer."

Westdeutsche Zeitungen haben ihre eigene Deutung: Sie schreiben, dass Arnstadt einen West-Beamten entführen wollte, um seinen angeschlagenen Ruf aufzubessern - und um den Westen zu erpressen. Denn nur wenige Tage zuvor war ein Zugführer aus Arnstadts Grenzkompanie geflüchtet. Dann durchbrach auch noch ein Pioniersoldat mit seinem Artillerieschlepper die Grenze. Nicht nur die beiden Soldaten, auch der Schlepper blieb im Westen. Angeblich hoffte Arnstadt, das Fahrzeug im Tausch gegen einen BGS-Mann zurückzubekommen.

Bilderserie

Diese Version der Geschichte geht zurück auf die Aussage eines Mannes, der am 18. August 1962 aus der DDR geflüchtet war und dessen Schwager als Grenzsoldat bei Arnstadts Tod dabei war. Der Mann sagt aus, Arnstadt habe sich spontan entschlossen, den westdeutschen Offizier zum Übertritt in die DDR zu zwingen, "um damit einen Erfolg zu erringen und gleichzeitig in der Person des BGS-Offiziers ein Pfand für die Rückgabe (Austausch) der am 10.8.1962 in der Nähe dieser Stelle in die BRD verbrachten Artillerie-Zugmaschine zu haben". Der Mann ist nicht der einzige Flüchtling, der im Westen die Geschichte vom entführten Schlepper erwähnt. Er ist jedoch der erste. Seine Aussage reicht der Bundesgrenzschutz an das Innenministerium in Bonn weiter. Am 22. August taucht diese Version in westdeutschen Zeitungen auf.

Westen schützt den Schützen

Nach der tödlichen Schießerei beginnen noch am selben Tag auf beiden Seiten der Grenze die Ermittlungsarbeiten. Einen Austausch gibt es nicht - dass der Schusswechsel tödlich verlief, erfahren die westdeutschen Ermittler nur, weil sie hören, wie ihre Kollegen jenseits der Grenze über einen Toten sprechen. Dessen Namen entnehmen sie am 16. August ostdeutschen Zeitungen.

Dagegen ist die Identität des Todesschützen in der DDR unbekannt: Bis in die 90er Jahre wissen nur die westdeutschen Behörden, dass BGS-Grenzoberjäger Hans Plüschke Arnstadt erschossen hat. In der DDR werden entweder Meißner oder Koch für den Täter gehalten.

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft glauben Plüschke und seinen Kollegen, die allesamt versichern, nicht das Gebiet der DDR betreten und in Notwehr gehandelt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Fulda signalisiert dem hessischen Justizminister schon am 17. August, dass sie das aufgenommene Ermittlungsverfahren wohl einstellen werde. Der förmliche Beschluss fällt am 8. Oktober.

Arnstadts Sarg wird aus dem Kulturhaus von Geisa getragen. Am 17. August wird der NVA-Hauptmann nach einer weiteren Trauerfeier in Bad Salzungen in Erfurt beigesetzt.
Arnstadts Sarg wird aus dem Kulturhaus von Geisa getragen. Am 17. August wird der NVA-Hauptmann nach einer weiteren Trauerfeier in Bad Salzungen in Erfurt beigesetzt.(Foto: dapd)

In der DDR wird Arnstadt derweil von SED und Staatsführung zum Märtyrer gemacht. Er eignet sich dazu besonders gut, schließlich war er nicht, wie die meisten der rund 30 ostdeutschen Grenzer, die an der Grenze der DDR ums Leben kamen, von flüchtenden Soldaten, Polizisten oder Zivilisten getötet worden. Er ist einer von nur zwei Grenzsoldaten, die nachweislich von westdeutschen Beamten erschossen wurden. Der andere Fall liegt im August 1962 keine drei Monate zurück und hat einen deutlich anderen Hintergrund: Peter Göring wurde erschossen, während er in Berlin einen 14-Jährigen unter Dauerfeuer nahm, der durch die Spree von Ost nach West schwamm.

Ehemalige Stasi-Funktionäre schalten sich ein

Nach der Wiedervereinigung beginnt die juristische Aufarbeitung der Mauertoten. Mit Unterstützung der "Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung", einem Zusammenschluss von ehemaligen Stasi-Leuten und DDR-Grenzern, fordert der Berliner Rechtsanwalt Frank Osterloh, ebenfalls ein Ex-Stasi-Offizier, 1996 Akteneinsicht im Fall Arnstadt. Osterloh und seine Leute gehen zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass Arnstadt von Koch getötet wurde.

Den Akten entnimmt Osterloh, dass nicht Koch, sondern Plüschke der Schütze war. Osterloh erreicht, dass die Berliner Staatsanwaltschaft gegen Plüschke ermittelt. Es ist bereits das vierte Ermittlungsverfahren gegen Plüschke: Nach der Staatsanwaltschaft Fulda hatte auch die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter, die für Straftaten im Zusammenhang mit der DDR zuständig ist, Ermittlungen aufgenommen, nach der Wiedervereinigung außerdem die Staatsanwaltschaft im thüringischen Meiningen - stets folgenlos. Die Berliner Ermittlungen werden 1998 eingestellt.

Hans Plüschke 1997 beim Interview mit dem Hessischen Rundfunk.
Hans Plüschke 1997 beim Interview mit dem Hessischen Rundfunk.(Foto: dapd)

Allerdings war Plüschke bereits vor 1996 als Zeitzeuge im Fernsehen aufgetreten. 1986 hatte er im Rahmen einer Dokumentation des Hessischen Rundfunks über den Zwischenfall von 1962 gesprochen, das Interview wurde mit einem Balken vor seinem Gesicht ausgestrahlt. Plüschke lebt mittlerweile in Hünfeld in Hessen, nur wenige Kilometer von Wiesenfeld entfernt. Beim BGS ist er längst nicht mehr, er hat ein Taxi-Unternehmen. Nach der Wende scheint er sich vor Vergeltung zu fürchten, er trägt eine Waffe bei sich. Die Angst legt sich offenbar: 1993 zeigt Plüschke im RTL-Magazin "Explosiv" sein Gesicht, während er über den 14. August 1962 spricht. Zwei weitere Interviews gibt er 1997, eines der "Welt", ein weiteres dem Hessischen Rundfunk.

Ein Jahr später ist er tot.

"Die deutsche Arbeiterklasse vergisst nicht!"

Dieser Schuss fällt nachts, am frühen Morgen des 15. März 1998. Plüschke stirbt etwa zehn Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er Arnstadt erschossen hat. Zeugen gibt es keine, er war auf der hessischen Seite der alten Grenze unterwegs, um Fahrgäste abzuholen, die von der Disko nach Hause gebracht werden wollten. Die Polizei findet sein Taxi mit offener Tür, er selbst liegt 70 Meter weiter auf der Straße. Wie bei Arnstadt trat die Kugel an seinem rechten Auge in den Kopf ein. Sein Geld ist noch da.

Verschwörungstheorien kursieren, frühere Stasi-Leute unterstellen, der Westen habe ein Interesse daran gehabt, Plüschke als "unbequemen Zeugen" verschwinden zu lassen. In den Medien wird eher über alte Stasi-Seilschaften spekuliert. Tatsächlich liegt der Gedanke an Rache nahe - schließlich war bei Reden und in Artikeln über Arnstadt in der DDR häufig mit Vergeltung gedroht worden. So schrieb die SED-Zeitung "Neues Deutschland" im August 1962: "Ebenso tief und heiß aber wie unser Schmerz ist unser Hass. Ihn schleudern wir den Mördern ins Gesicht mit dem heiligen Schwur: Die deutsche Arbeiterklasse vergisst nicht! Die Mörder werden ihrer Strafe nicht entgehen."

Doch Schwüre wie dieser sind lange her, belastbare Hinweise auf eine Verbindung zwischen den Todesfällen von Arnstadt und Plüschke findet die Polizei nicht. Der Mörder des früheren BGS-Grenzers ist bis heute nicht gefasst.

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Quelle: n-tv.de

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