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"Sexismus" haben Unbekannte in Berlin auf eine Werbung für Unterwäsche geschmiert.
"Sexismus" haben Unbekannte in Berlin auf eine Werbung für Unterwäsche geschmiert.(Foto: dpa)

Debatte um Sexismus-Vorwürfe: #aufschrei im Netz

Ein forscher Blick auf den Busen hier, ein anzüglicher Spruch da. Sexuelle Anspielungen sind in der Gesellschaft alltäglich. Das zeigen Reaktionen auf den "Altherrenwitz" von Rainer Brüderle. Wo hören Komplimente auf - wann wird eine Grenze überschritten? Jetzt schaltet sich auch Kanzlerin Merkel ein.

Eine Demonstrantin macht klar, dass ein "Nein" auch nein bedeuten soll.
Eine Demonstrantin macht klar, dass ein "Nein" auch nein bedeuten soll.(Foto: dpa)

Es geht ein "#aufschrei" durch die Gesellschaft - zumindest online. Im Sekundentakt rattern bei Twitter Kommentare zur aktuellen Diskussion über Sexismus ein. Dabei geht es längst nicht mehr nur um frivole Sprüche von Politikern gegenüber jungen Frauen. Es geht um die alltägliche Anzüglichkeit, mit der Männer und Frauen zu kämpfen haben. Die Kommentare reichen von eigenen Erlebnissen über Ermutigung der Betroffenen bis zur Abwertung der Debatte.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltete sich in die Debatte ein, wenn auch sehr abstrakt. Sie warb für einen professionellen Umgang zwischen Politikern und Journalisten.

"Die Bundeskanzlerin steht selbstverständlich für einen menschlich professionellen und respektvollen Umgang in der Politik wie auch zwischen Politikern und Medienvertretern", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Zu dem Artikel des Magazins "Stern", in dem Brüderle anzügliche Anspielungen gegenüber einer Journalistin vorgeworfen werden, wollte sich Seibert nicht äußern.

Schröder-Ministerium findet Debatte gut

Eine Sprecherin von Bundesfrauenministerin Kristina Schröder sagte, sexuelle Belästigung sollte, unabhängig vom Einzelfall, als Dauerthema diskutiert werden. Es gebe eine hohe Zahl von Frauen, die damit konfrontiert seien. Sie verwies auf eine von dem Ministerium in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2004. Danach gaben 58 Prozent der befragten Frauen an, mindestens einmal Opfer von sexueller Belästigung geworden zu sein, davon 42 Prozent am Arbeitsplatz.

Grünen-Chefin Claudia Roth kritisierte ebenfalls alltäglichen Sexismus in der Gesellschaft. "Es ist unfassbar, wie viele Männer es gar nicht merken, wenn sie Diskriminierungen herunterspielen, oder sogar meinen, sexistisches Verhalten sei schlicht ihr gutes Recht", sagte Roth "Spiegel Online". "Die Art der Debatte um alltäglichen Sexismus und um die Frauen, die es einmal deutlich aussprechen, zeigt, wie salonfähig Sexismus heute immer noch ist." Es sei "sehr bezeichnend, dass jetzt die Journalistinnen für das Thematisieren angegriffen und zu Täterinnen gemacht werden sollen".

"Er wird auch etwas geleistet haben"

Kein Sexismus: Rainer Brüderle begrüßt seine Parteikollegin Cornelia Pieper zu einer Präsidiumssitzung in Berlin.
Kein Sexismus: Rainer Brüderle begrüßt seine Parteikollegin Cornelia Pieper zu einer Präsidiumssitzung in Berlin.(Foto: dpa)

Die Journalistin Wibke Bruhns dagegen äußerte sich indessen sehr kritisch über die Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle. "Die Geschichte ist journalistisch unseriös", sagte die ehemalige politische Korrespondentin dem "Tagesspiegel". "Die FDP hat einen neuen Spitzenkandidaten, das ist ein Thema - und nicht die Probleme von Frau Himmelreich mit Herrn Brüderle. Der 'Stern' hat hier eindeutig aus Kalkül gehandelt, um Schlagzeilen zu machen." Zu den Vorwürfen gegen Brüderle sagte Bruhns der "Süddeutschen Zeitung": "Ich finde es nicht in Ordnung, wenn er es getan hat. Aber ich weiß nicht, ob der 'Stern' nicht doch etwas mehr über Brüderle schreiben sollte, wenn er 40 Jahre in der Partei war, wird er auch etwas geleistet haben."

"Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn argumentierte dagegen: "Der erste Eindruck, den Laura Himmelreich vor einem Jahr von Brüderles Umgang mit Frauen gewonnen hatte, bestätigte sich im Laufe der Zeit bei weiteren Beobachtungen und Begegnungen. Ich halte unsere Berichterstattung deshalb für legitim. Denn es scheint ein wiederkehrendes Verhalten von Brüderle zu sein. Was ihm jetzt nur nicht gefällt, ist, dass darüber berichtet wird." Journalistinnen seien kein Freiwild, fügte er hinzu.

"Die Diskussion ist wichtig"

Die Debatte zeigt, dass jeder für Sexismus seine ganz eigene Definition hat. Die Grenze zwischen einem nett gemeinten Flirt und der sexuellen Belästigung ist nicht klar definiert. "Sobald ein Gespräch als unangenehm und als verbaler sexueller Angriff empfunden wird, ist eine Grenze überschritten", erklärt die Genderforscherin Katrin Späte vom Institut für Soziologie in Münster. "Dass diese Diskussion nun öffentlich geführt wird, ist wichtig."

Auf Twitter beteiligen sich auch Männer an der Debatte. "Ich weiß gar nicht was ich zu #aufschrei sagen soll außer: dafür, weiter so! Und dass ich mich als Mann schäme, dass so etwas nötig ist", schreibt einer. Dass noch viel zu tun ist, wird ebenfalls erkennbar. Denn da steht eben auch: "will nicht wissen wieviel geschichten hier bei #Aufschrei erfunden werden nur um aufmerksamkeit zu bekommen. Sucht euch hobbys eh." Auch von Frauen, die doch selbst schuld seien, weil sie sich so aufreizend gekleidet hätten, ist wie so oft die Rede.

"Es ist nicht in Ordnung", sagt Forscherin Späte, "wenn Frauen so dargestellt werden, als würden sie das provozieren und damit das Täter-Opfer-Verhältnis umgedreht wird." Nichts, auch nicht die äußere Erscheinung der Frau, könne rechtfertigen, dass jemand die persönlichen Grenzen eines anderen überschreite.

Quelle: n-tv.de

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