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Warum Obama in die Geschichtsbücher eingehen wird: Der Messias des Wandels

Von Issio Ehrich

US-Präsident Obama startet heute öffentlich in seine zweite Amtszeit. Wirtschaftskrise, Haushaltsstreit - die große Obama-Manie ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Und doch könnte er mit ein wenig zeitlichem Abstand zum Symbol einer amerikanischen Epoche des Umbruchs erwachsen.

Es gab für Barack Obama keinen klügeren Zug, als den Menschen bei seinem Amtsantritt "Wandel" zu versprechen. Tatsächlich steckten die Vereinigten Staaten von Amerika nämlich schon mittendrin in diesem Wandel.

Die Erwartungen an Obama waren in seiner ersten Amtszeit gewaltig.
Die Erwartungen an Obama waren in seiner ersten Amtszeit gewaltig.(Foto: REUTERS)

Kaum im Amt, überlagerte jedoch die Wirtschaftskrise viele der Umwälzungen, die sich in den Vereinigten Staaten vollzogen haben und noch immer vollziehen. Auf die Obama-Manie folgte die große Ernüchterung. Und die bestimmt den Blick auf den 52-Jährigen auch heute, am Tag seiner zweiten Vereidigung (die in doppelter Hinsicht seine zweite ist, denn bereits am Sonntag wurde Obama im Weißen Haus vereidigt). Mit ein wenig zeitlichem Abstand jedoch könnte der 44. Präsident der Vereinigten Staaten trotzdem als Präsident der großen Veränderungen in die Geschichtsbücher eingehen.

Im Rückblick könnte es heißen: Die Vereinigten Staaten sind zu Obamas Zeiten selbstkritischer geworden und offener für den Dialog. Es könnte heißen, die US-Amerikaner befreiten sich von ihrem Dogmatismus und legten ihren Konservatismus ab, verloren ein wenig den Glauben an den amerikanischen Traum und fingen an, dem Staat zu trauen.

In ein paar Jahren dürfte es dann auch keine Rolle mehr spielen, dass es nicht Obama war, der den US-Amerikanern diesen Wandel brachte. Er war es nur, der ihn früher erkannte als andere. Und er vermochte es wie kein Zweiter, sich diesen Wandel zu Eigen zu machen. Durch seinen Slogan des "Change", der um die ganze Welt ging, und durch seine Politik, die feinfühlig alle bedeutsamen gesellschaftlichen Prozesse in den Vereinigten Staaten aufnahm, könnte Obama zum Symbol der US-amerikanischen Epoche des Umbruchs erwachsen.

Abkehr von der Interventionspolitik

In diese Epoche fallen drei gewaltige gesellschaftliche Entwicklungen. Nach acht Jahren mit Obamas Vorgänger George W. Bush war das Land die US-Interventionspolitik leid. Große Teile der Gesellschaft verloren angesichts der Rückschläge im Irak und in Afghanistan den Glauben daran, dass B-2 Bomber und M-16 Maschinengewehre für Frieden und Demokratie in der islamischen Welt sorgen könnten. Stattdessen gewann die Idee an Gewicht, dass der sicherste Weg dorthin über den Freiheitsdrang und den Wunsch nach Wohlstand eines Volkes führt.

Obama griff dieses Gefühl früh auf und fand die richtigen Worte, um ihm Ausdruck zu verleihen: Als er vor genau vier Jahren, am 20. Januar 2009, seine erste Amtszeit antrat, richtete er sich in seiner Rede an die muslimische Welt. "Wir suchen einen Weg nach vorn, einen Weg, der den Interessen beider Seiten genügt, auf dem Fundament eines beidseitigen Respekts", sagte er und fügte hinzu: "An die Adresse der politischen Führer auf diesem Planeten, die Konflikte säen wollen oder dem Westen die Schuld an ihren eigenen Problemen geben, sage ich: Denkt daran, dass eure Völker euch daran messen, was ihr schafft, und nicht daran, was ihr zerstört." Kaum zwei Jahre später brach der arabische Frühling los. Das tunesische Volk befreite sich von Ben Ali, die Ägypter von Mubarak. Ohne Zutun der Supermacht.

Aufgabe des traditionellen Familienbildes

Mindestens genauso einschneidend wie das Verhältnis der US-Amerikaner zum Rest der Welt veränderte sich ihr Wertegerüst: Das belegen Studien über die "Millenials" eindrücklich, Untersuchungen über Menschen, die zur Jahrtausendwende in ihren Dreißigern waren. Beim Vergleich mit anderen Generationen, den jungen Erwachsenen der 1970er Jahre etwa, sind die Unterschiede frappierend.

Obama bekannte sich 2012 zur Homo-Ehe.
Obama bekannte sich 2012 zur Homo-Ehe.(Foto: REUTERS)

Damals gehörten 88 Prozent einer Religionsgruppe an. Heute sind es nurmehr 70 Prozent. Der religiöse Dogmatismus löst sich immer schneller auf. Ein Beispiel dafür ist die Abkehr vom Kreationismus und die Anerkennung der Evolutionstheorie. Analog zur Religiosität nimmt auch der soziale Konservatismus der US-Amerikaner ab. Vor allem in den vergangenen Jahren beschleunigte sich dieser Prozess zusehends.

So stieg die Zahl der Mütter mit unehelichen Kindern rapide. Gleiches gilt für die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen. 2001 sprachen sich laut Umfragen des Pew Research Centers noch die Mehrzahl der US-Bürger (57 Prozent) gegen die Homo-Ehe aus. 2011 kehrte sich das Verhältnis erstmals um, und 2012 lehnten nur noch 43 Prozent der US-Amerikaner die Ehe von zwei Männern oder zwei Frauen ab.

Auch hier erkannte Obama die Zeichen zur rechten Zeit. Nach langen Gesprächen mit seinen Töchtern Sasha und Malia habe er seine Haltung zur Homo-Ehe gefunden, sagte Obama im Mai des vergangenen Jahres. "Ich bin jetzt zu dem Schluss gekommen, dass es für mich persönlich wichtig ist voranzugehen und zu betonen, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten können sollten." Bevor Obama Präsident wurde, hatte er sich noch gegen die Ehe von Schwulen und Lesben gestellt.

Das Ende des amerikanischen Traums

Die dritte große Entwicklung in Obamas Amtszeit hängt eng mit dem demografischen Wandel in den USA zusammen, führt letztlich aber dazu, dass das Land ein Stück den Glauben an den amerikanischen Traum verliert und ein Stück weit europäischer wird.

Widerstand gegen Obamas Gesundheitsreform: Viele US-Bürger ziehen ihre individuelle Freiheit der Bevormundung durch den Staat vor, selbst wenn die zu besseren Lebensbedingungen führt.
Widerstand gegen Obamas Gesundheitsreform: Viele US-Bürger ziehen ihre individuelle Freiheit der Bevormundung durch den Staat vor, selbst wenn die zu besseren Lebensbedingungen führt.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Studien des US-Census-Bureaus zufolge werden die weißen US-Amerikaner 2042 in der Minderheit sein. Die derzeit am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe sind die Latinos. Zwischen 2000 und 2010 nahm ihre Zahl um 43 Prozent zu. Sie machen heute 16 Prozent der Bürger der Vereinigten Staaten aus. Das Census-Bureau rechnet damit, dass sich dieses Wachstum weiter beschleunigt. Die Gruppe der weißen US-Amerikaner wuchs im selben Zeitraum dagegen nur um 1 Prozent.

Wie wirkt sich das auf den amerikanischen Traum aus? Wie die Afroamerikaner sind auch viele Latinos anders sozialisiert als weiße US-Amerikaner. Sie hadern mit der Idee des Aufstiegs aus eigener Kraft. Die Mehrzahl der Latinos ist davon überzeugt, dass sie es eher mit staatlicher Unterstützung schaffen können.

In vielerlei Hinsicht war es in der Zeit vor Obama undenkbar, Gesetze durchzusetzen, die den Staat auch nur andeutungsweise in eine bevormundende Stellung bringen könnten. Aus genau diesem Grund scheiterten auch alle Vorgänger Obamas daran, das Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten zu reformieren. Auch dank des Rückhalts in der Community der Schwarzen und Latinos konnte Obama es wagen, eine verpflichtende Krankenversicherung für alle US-Amerikaner einzuführen. Dass der Protest gegen Obamas "sozialistisches" Vorhaben so gewaltig war, liegt nur daran, dass die Veränderungen gerade erst eingesetzt haben. Doch er wagte die Reform nicht zu früh. Ihm gelang, woran seine Vorgänger scheiterten.

Obamas nächster Streich

Eigentlich reicht das schon für eine ganze Reihe von Kapiteln in den Geschichtsbüchern und für ein Image als Präsident des Wandels. Doch in seiner zweiten Amtszeit stehen weitere derartige Projekte an. Das Gewaltigste: Obama plant die weitreichendste Reform des Waffenrechts in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ein weiterer tiefer Einschnitt in Kultur und Selbstverständnis der US-Amerikaner. Die Skepsis, ob er gelingen kann, ist gewaltig.

Die jüngste Studie des PEW Research Center zum Waffenbesitz zeigt allerdings: 51 Prozent der US-Bürger sagen, es sei wichtig, den Waffenbesitz stärker zu regulieren. 45 Prozent sind der Meinung, das Recht auf den Besitz von Gewehren und Pistolen wiege schwerer. Laut dem Institut überwiegt damit zum ersten Mal in der Amtszeit Obamas die Zahl der US-Amerikaner, die schärfere Kontrollen fordern, signifikant. Vielleicht erkannte der 44. Präsident mit diesem Thema ein weiteres Mal die Zeichen des Wandels zur rechten Zeit.

Quelle: n-tv.de