Politik
US-Amerikaner werden oft schon in ihrer Kindheit an den Umgang mit Waffen herangeführt.
US-Amerikaner werden oft schon in ihrer Kindheit an den Umgang mit Waffen herangeführt.(Foto: REUTERS)

Warum US-Amerikaner nicht von ihren Waffen lassen: Vernarrt in die Freiheit

Von Issio Ehrich

Immer wieder schrecken verheerende Amokläufe die Vereinigten Staaten auf. 30.000 Menschen sterben dort jährlich durch Schusswaffen, Zehntausende werden verletzt. Trotzdem ändern die US-Amerikaner ihre Haltung zu Pistolen und Gewehren in den Händen von Privatleuten nicht. Sind sie begriffsstutzig?

Michael Moore kommentiert die jüngste Debatte über den Waffenbesitz in den USA mit gewohntem Zynismus. Bei Twitter schreibt der Filmemacher nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule in Newtown: "Wenn doch nur das erste Opfer, Adam Lanzas Mutter, eine Waffenbesitzerin gewesen wäre, hätte sie die Tragödie verhindern können." Ein Seitenhieb auf die kruden Argumente, mit denen Waffenlobbyisten und radikale Bürger, die von Pistolen und Gewehren nicht lassen können, nach jedem Amoklauf operieren. Ihre Behauptung: Trügen mehr Menschen Waffen, wären die USA sicherer. Denn Bürger mit einem Colt am Gürtel könnten einen Amokläufer wie Adam Lanza stoppen, bevor er Unschuldige ermordet.

Waffendichte weltweit

Waffen im Privatbesitz pro 100 Einwohner:

  1. USA: 88,8 (270 Millionen)
  2. Jemen: 54,8 (11,5 Millionen)
  3. Schweiz: 45,7 (3,4 Millionen)
  4. Finnland: 45,3 (2,4 Millionen)
  5. Serbien: 37,8 (3,1 Millionen)
  6. Zypern: 36,4 (0,3 Millionen)
  7. Saudi- Arabien: 35,0 (6 Millionen)
  8. Irak: 34,2 (9,8 Millionen)
  9. Uruguay: 31,8 (1,1 Millionen)
  10. Schweden: 31,6 (2,8 Millionen)

Deutschland landet mit 30,3 Waffen pro 100 Einwohner (25 Millionen) auf Rang 15.

Quelle: Small Arms Survey 2007

Nur besaß auch Nancy Lanza Waffen – mehrere Pistolen und sogar ein Sturmgewehr des Typs Bushmaster.223. Doch sie halfen ihr nichts. Lanzas Sohn entwendete sie aus ihrem Waffenschrank, tötete erst sie, dann 20 Kleinkinder und 6 Lehrer.

Moore, der wohl bekannteste Waffengegner der USA, will mit seiner spöttischen Kurznachricht vor allem eines ausdrücken: In den USA kursieren schon zu viele Schusswaffen. Denn auch das Gewehr eines verantwortungsvollen Bürgers ist eine Gefahr, wenn es in die Hände eines Gewalttäters fällt. Hinzu kommt: Die Zahl der Toten durch Unfälle mit Waffen in Laienhand übersteigt bei Weitem die der Opfer durch Amokläufe. Mehr Waffen bedeutet nicht mehr Sicherheit.

Trotzdem kommen auf zehn US-Amerikaner neun Pistolen oder Gewehre. Insgesamt sind Schätzungen zufolge bis zu 300 Millionen Waffen in Privatbesitz. Jährlich sterben mehr als 30.000 Menschen durch ihren Einsatz. Sind die US-Amerikaner bei diesem Thema begriffsstutzig?

Natürlich bestehen die USA nicht nur aus verqueren Hardlinern, die eins und eins nicht zusammenzählen können. Jenseits der absurden Argumente, die vor allem die mächtige Lobbygruppe National Rifle Association verbreitet, gibt es viele, die auch in sich schlüssige Gründe für ihre Haltung zu Schusswaffen vorbringen können. Allein: Für Europäer sind auch diese schwer nachzuempfinden.

Waffen in allen gesellschaftlichen Schichten

"Es gibt Großstädter mit Waffen, und es gibt Menschen auf dem flachen Land, die welche besitzen. Amerikaner haben durch alle Klassen hindurch Waffen", sagt Michael Hochgeschwender von der Ludwig-Maximilians-Universität München im Gespräch mit n-tv.de. Die Gründe für den Waffenbesitz gehen laut dem Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte aber weit auseinander. "Auf der einen Seite stehen Gruppen, die Angst haben, dass die amerikanische Gesellschaft auseinanderfällt, dass in einer Wirtschaftskrise Horden plündernder Armer oder Schwarzer durch die Straßen ziehen", sagt er. Diese Angst ist es oft, die jene irrationalen Hardliner antreibt, auf die Michael Moors Sarkasmus abzielt. "Auf der anderen Seite gibt es aber Menschen, die glauben, sie brauchen Waffen, weil ihre persönliche Freiheit vom Staat davon abhängt", fügt Hochgeschwender hinzu. Laut dem Amerikanisten ist ihre Zahl groß. Ihre Argumente kreisen im Kern um zwei Werte: den Individualismus und die Unabhängigkeit vom Staat. Und zumindest historisch sind diese Argumente nachvollziehbar.

Auch Sturmgewehre dürfen Privatleute in den USA kaufen - obwohl sie weder Selbstverteidigung noch Jagd dienen.
Auch Sturmgewehre dürfen Privatleute in den USA kaufen - obwohl sie weder Selbstverteidigung noch Jagd dienen.(Foto: REUTERS)

Der Unabhängigkeitsdrang hat seinen Ursprung in der Zeit, als die ersten Siedler den Kontinent eroberten und dann nach und nach von Ost nach West wanderten. Die Männer und Frauen dieser Tage lebten praktisch ununterbrochen an Grenzen - zu neuen Territorien und dem Herrschaftsgebiet verfeindeter Indianerstämme. Eine Schusswaffe zu tragen, war im späten 16. bis hin zum 19. Jahrhundert eine Frage der Selbstverteidigung. Auch weil sich der Staat mit seinen Behörden, die ihre Bürger hätten schützen müssen, oft nicht so schnell gen Westen ausdehnte wie die Siedler. So verinnerlichte sich schon früh in der Geschichte der Vereinigten Staaten das Bewusstsein, dass ein Bürger sich im Zweifel nicht auf die Obrigkeit verlassen kann, sondern für sich selbst sorgen muss. "Das hat zu einer gewissen Waffenkultur geführt", erklärt Hochgeschwender. "Die Amerikaner haben ein besonderes Verhältnis zu ihren Waffen."

Der Staat als Bedrohung

Auch der starke Freiheitsdrang hat seinen Ursprung in der Gründungszeit der Vereinigten Staaten. Hochgeschwender spricht von einer "tief verwurzelten Tradition des radikalen Individualismus".

Der Liberalismus, von dem er spricht, erstaunt Europäer immer wieder. Denn er drückt sich nicht nur in der Haltung der Amerikaner zum Waffenbesitz aus. Etliche US-Amerikaner führten ihr Freiheitsverständnis als Argument auf, als sie gegen die Krankenversicherung von Präsident Barack Obama protestierten und auch im aktuellen Haushaltsstreit nehmen etliche von ihnen schwere wirtschaftliche Folgen in Kauf, nur um zu verhindern, dass Spitzenverdiener mehr Steuern zahlen müssen. Dabei ist der Höchstsatz mit 35 Prozent für europäische Verhältnisse derzeit nicht unbedingt hoch.

Laut Hochgeschwender gelte für viele US-Amerikaner: "Jeder Cent, den mir der Staat entzieht, ist eine Bedrohung meiner Freiheit." Gleichzeitig werde auch der Staat immer als Bedrohung angesehen. "Und viele Amerikaner behalten sich vor, jede Bedrohung der Freiheit bekämpfen zu dürfen - zur Not mit der Waffe."

Basis dieser Philosophie ist die amerikanische Revolution. Damals mussten sich die Siedler ihre Freiheit im Kampf  gegen die britische Obrigkeit erstreiten. "Die Grundlage der Revolution war es, dass die Bürger das Recht haben, sich zusammenzuschließen, um einen Staat, der ihnen als Unterdrücker entgegentritt, zu bekämpfen", sagt Hochgeschwender.

Mentalitätswechsel ist nicht in Sicht

Trotz der zumindest im Ansatz vergleichbaren Revolutionen in Frankreich etablierte sich in weiten Teilen Europas eine Staatsrolle, in der der Staat gewisse Aufgaben für den Bürger übernimmt. Sei es im Gesundheitswesen oder beim Thema innere Sicherheit. "In den USA ist umgekehrt die Vorstellung ganz wichtig, dass nicht der Staat im Vordergrund steht, sondern die Individuen, die den Staat konstituieren", sagt Hochgeschwender.

Während es Europäern schwerfällt, die Begeisterung der US-Amerikaner für Waffen zu verstehen, dürfte sich manch ein US-Amerikaner also darüber wundern, wie groß das Vertrauen der Deutschen, Franzosen oder Schweden in die Obrigkeit ist.

So unverständlich es angesichts der vielen Toten durch Schusswaffen in den USA einem Europäer auch erscheinen mag - angesichts der Bedeutung, die Individualismus und Unabhängigkeit vom Staat in der amerikanischen Geschichte haben, ist mit einem Mentalitätswechsel nach dem Amoklauf von Newtown in absehbarer Zeit kaum zu rechnen. Davon ist Hochgeschwender überzeugt. Vielleicht bleibt deshalb Waffengegnern wie Michael Moore nur der Zynismus.

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Quelle: n-tv.de

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