Unsichtbare WundenTrauma-Therapie für Soldaten
Vor allem Rückkehrer aus Afghanistan leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Es sind Wunden, die niemand sieht. Eine Therapie beginnen viele Betroffene aber aus Angst vor Stigmatisierung nicht.
Ein Hubschrauber knattert über dem Bundeswehr- Krankenhaus in Hamburg - wie eigentlich oft. Doch der Soldat, der gerade bei Oberstarzt Karl-Heinz Biesold sitzt, wird prompt knallrot, seine Halsschlagader schwillt an, er fängt an zu schwitzen. Er fühlt sich zurückversetzt in den Kosovo-Krieg vor zehn Jahren, erinnert sich an Leichen und Verstümmelungen, Chaos und Zerstörung. "Über seine Reaktionen ist er verzweifelt - sein Verstand weiß ja, dass er längst nicht mehr im Kosovo ist", erzählt Biesold. Der Soldat leidet an einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung, einer Reaktion zum Beispiel auf Katastrophen oder Kriegserlebnisse.
Von Angst überschwemmt
Es sind Wunden, die niemand sieht. "Verwundete werden gleich versorgt und heimgeflogen", sagt Biesold. "Aber bei psychischen Störungen merken viele erst Wochen oder Monate nach dem Einsatz, dass sie das nicht verarbeiten." Sie haben häufig Alpträume, und ihr Gehirn wird von den immer wiederkehrenden schrecklichen Erfahrungen schier überflutet. Auslöser für diese "Flashbacks" kann ein Geruch sein, ein Geräusch, eine Farbe - irgendetwas, das sie mit dem Trauma in Verbindung bringen. "Die Angst überschwemmt sie dann förmlich", berichtet Biesold. Betroffene sind zudem extrem reizbar, schlafen meist schlecht, ziehen sich zurück. Manche werden auch depressiv.
Die Zahl der erkrankten Soldaten hat sich laut Verteidigungsministerium von 121 im Jahr 2005 auf 245 im vorigen Jahr verdoppelt. Vor allem Rückkehrer aus dem Afghanistan-Einsatz seien betroffen. Um traumatisierten Soldaten mehr zu helfen, soll Mitte dieses Jahres in Berlin ein Kompetenz- und Forschungszentrum geschaffen werden.
Das Hamburger Bundeswehr-Krankenhaus hat sich bereits vor rund 15 Jahren - nach Beginn der Auslandseinsätze 1992 - auf Trauma-Störungen spezialisiert. "Auslandseinsätze bergen besondere psychische Belastungen für Soldaten. Gleich mit den ersten Rückkehrern wurden wir mit Stress- und Trauma-Problemen konfrontiert", sagt Biesold. Zehn Psychiater und Psychologen kümmern sich inzwischen in der bundesweit einzigartigen Abteilung für Psychotraumatologie um die Betroffenen. "Wir haben 30 Betten, etwa 10 davon sind in der Regel mit Trauma-Patienten belegt."
Angst vor Stigmatisierung
Den Anstoß für eine Therapie geben nach Erfahrung des 58-Jährigen meist die Angehörigen. "Sie können die Veränderung ihres Partners gar nicht einordnen - weil sie nur vage Vorstellungen davon haben, was im Auslandseinsatz passiert. Viele Soldaten wollen aber nicht mit ihrer Partnerin über etwas reden, was sie selbst schon nicht verkraftet haben." Höchstens 40 Prozent der Erkrankten ließen sich einer Studie zufolge überhaupt behandeln, berichtet der Mediziner - aus Angst vor Stigmatisierung. "Die Soldaten wollen nicht als weich gelten, fürchten den Verlust des Vertrauens ihrer Kameraden und der Vorgesetzten und haben Angst vor Karriere-Nachteilen."
Nach Friedenseinsätzen erkranken internationalen Studien zufolge zwischen 3 und 8 Prozent der Soldaten an einer posttraumatischen Störung, je nach Einsatzland und Belastung. Bei Kampfeinsätzen kann die Rate deutlich höher liegen. In der Trauma-Therapie müssen sich die Betroffenen die angstauslösende Situation wieder vorstellen, um sie verarbeiten zu können. Biesold: "Sie sind quasi im traumatischen Erlebnis steckengeblieben, sie erleben es nicht als etwas Vergangenes, sondern immer noch als etwas Aktuelles, Bedrohliches."
Erinnerungsbruchstücke zusammensetzen
Therapeut und Patient versuchen, die Erinnerungsbruchstücke über den Ablauf des schrecklichen Geschehens zusammenzusetzen. Sechs bis acht Wochen sind die erkrankten Soldaten zunächst zur stationären Behandlung in Hamburg, nach einem Vierteljahr geht die Therapie weiter. "Abhängig vom Schweregrad kann der Aufenthalt bis zu fünfmal wiederholt werden", so Biesold. "Ziel ist, dass die Soldaten zu 100 Prozent integriert werden."