Politik
Ein Weißwal-Junges im Shedd Aquarium in Chicago.
Ein Weißwal-Junges im Shedd Aquarium in Chicago.(Foto: picture alliance / dpa)

"Die Walschutzseite hat versagt": Walfang soll legalisiert werden

Die Jahrestagung der Internationalen Walfangkommission IWC findet im marokkanischen Agadir statt. Die Präsidentschaft hat ein Kompromisspapier vorgelegt, das den Walfang unter strengen Auflagen wieder erlauben soll. Das würde der Walfischerei Tür und Tor öffnen, findet Tierrechtler Entrup im Interview mit n-tv.de. Er wirft den Ländern, die gegen Walfang sind, Versagen vor und fordert Sanktionsmöglichkeiten für die IWC, die sonst ein "zahnloser Papiertiger" bleiben würde.

n-tv.de: Was bedeutet der in Agadir vorgelegte Kompromissvorschlag der IWC für das Walfangmoratorium, das seit 1986 besteht?

Nicolas Entrup: Das Moratorium verbietet alle kommerziellen Walfangaktivitäten. Der Kompromissvorschlag, der für zehn Jahre gelten soll, würde dagegen offizielle Fangquoten festlegen und damit den kommerziellen Walfang wieder legalisieren. Zunächst gilt dies für die derzeitigen Walfangländer Island, Norwegen und Japan. Allerdings werden die Walfangquoten nicht an diese Länder vergeben, sondern sie gelten für bestimmte Gebiete und für bestimmte Walarten, darunter auch vom Aussterben bedrohte. Von den Quoten könnten daher auch andere Länder – Korea ist hierfür ein Beispiel – Gebrauch machen und beginnen, Wale zu fangen.

Innerhalb dieser zehn Jahre oder erst nach den zehn Jahren?

Ein harpunierter Wal wird an Bord des japanischen Walfangschiffes "Yushin Maru" gezogen, das im Atlantischen Ozean kreuzt.
Ein harpunierter Wal wird an Bord des japanischen Walfangschiffes "Yushin Maru" gezogen, das im Atlantischen Ozean kreuzt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bereits innerhalb dieser zehn Jahre. Es gibt keine rechtsverbindliche Möglichkeit, Länder vom Walfang abzuhalten. Kurz gesagt: Der Kompromissvorschlag legalisiert den kommerziellen Walfang für zehn Jahre. Wenn man jedoch einmal das kommerzielle Walfangverbot untergräbt und temporär aufhebt, dann wird man es nur schwer erneut beschließen können.

Ziel des Kompromissvorschlages ist die Auflösung der Blockade zwischen Walfanggegnern und -befürwortern in der Kommission. Die genannten Punkte kommen vor allem den Walfängern entgegen. Wo liegt denn der Vorteil für die Gegner?

Den sehe ich nicht. Einige Länder argumentieren, dass weniger Wale getötet würden. Das ist aber überhaupt nicht gesichert. Außerdem würde sogar das Walschutzgebiet in der Antarktis für den Walfang geöffnet werden. Im Grunde bemängeln wir den gesamten Vorschlag, weil er aus Walschutzsicht wenig bringt. Selbst die im Kompromiss vorgeschlagene Einrichtung eines Walschutzgebietes im Südatlantik ist nutzlos, da es dort keine Walfangaktivitäten gibt. Die Walschutzseite hat in ihrer Argumentation sehr stark versagt.

Deutschland hat in der Arbeitsgruppe des IWC mitgearbeitet, also dieses Kompromisspapier mitgestaltet. Andererseits hat der Bundestag kürzlich mit den Stimmen von Union, SPD, FDP und Grünen die Regierung aufgefordert, den Kompromiss in dieser Form auf der Konferenz in Agadir abzulehnen. Geht dieser Entschließungsantrag weit genug?

Wir sind zwar erfreut über den Antrag des Bundestages, aber er reflektiert eigentlich die Schwäche der deutschen Politik in den letzten Monaten. Auf Beamtenebene wurde der Kompromissvorschlag unterstützt. Auf politischer Ebene wurde nun wochenlang diskutiert, um den Vorschlag doch abzulehnen. Der Bundestag hat einen recht guten Kompromiss erzielt, obwohl wir natürlich weit darüber hinaus gehende Forderungen hätten.

Das Parlament will den kommerziellen Walfang nur dann erlauben, wenn innerhalb der zehn Jahre, die der Kompromiss anpeilt, die Fangquoten immer weiter gesenkt werden, der kommerzielle Walfang also schrittweise ausläuft. Ist das eine Option?

Die Statistik zeigt die Gesamtzahl der getöteten Wale seit 1946 - und die Wirksamkeit des Moratoriums.
Die Statistik zeigt die Gesamtzahl der getöteten Wale seit 1946 - und die Wirksamkeit des Moratoriums.(Foto: WDCS)

Das ist der wichtigste Punkt im Antrag des Bundestages. Wenn man einem Kompromiss zustimmt, dann muss er ein Ausstiegszenario für die zehn Jahre enthalten. Außerdem fordert der Bundestag zu Recht, dass die Walfangstaaten nicht mehr gegen ein Handelsverbot mit Walprodukten stimmen dürfen. Das sind zwei gute Forderungen, die zeigen, was in Agadir aus Walschutzsicht erreicht werden sollte.

Erschwerend kommt hinzu, dass die EU möglichst geschlossen abstimmen will. Wie schätzen Sie die Haltung der Europäischen Union ein, zu der ja mit Dänemark und Schweden auch zwei Walfangbefürworter gehören?

Es war bitter nötig, dass Deutschland mit dem Bundestagsantrag die Walschutzseite gestärkt hat. Meiner Meinung nach stehen Großbritannien, Belgien, Österreich, Italien und Portugal gegen den Walfang. In Bezug auf Dänemark und Schweden ist es wichtig, wie man eine gemeinsame Position findet. Juristen fordern ganz klar eine qualifizierte Mehrheit in der EU. Damit müssten sich alle Länder eine Mehrheitsentscheidung beugen. Ich gehe davon aus, dass die Walschutzländer in der Überzahl sind – dann müssten sich auch Dänemark und Schweden an den Beschluss halten. Sollte keine qualifizierte Mehrheit zustande kommen, gibt es in Agadir 25 EU-Staaten, die herumschwimmen und keine Position haben. Sollten sich die EU Staaten entscheiden, bei einer Abstimmung zu enthalten, hätten die Walfangbefürworter eine sichere Mehrheit. Das wäre natürlich tragisch.

Wäre denkbar, dass Deutschland in diesem Fall trotzdem gegen den Kompromissvorschlag stimmt und damit ein Vertragsverletzungsverfahren in der EU in Kauf nimmt?

Nicolas Entrup ist Deutschland-Chef der Walschutzorganisation WDCS (Whale and Dolphin Conservation Society).
Nicolas Entrup ist Deutschland-Chef der Walschutzorganisation WDCS (Whale and Dolphin Conservation Society).(Foto: WDCS)

Ich hoffe, ja. Nach Meinung unsere Juristen würde es sich nicht um eine Vertragsverletzung handeln. Das sehen auch andere EU-Staaten so, zum Beispiel Großbritannien. Immer mehr Länder sind der Meinung, dass man sich nicht enthalten muss, wenn es keinen Mehrheitsbeschluss in der EU gibt.

Umweltschutzorganisationen fordern, dass der IWC sich zu einer Walschutzorganisation entwickelt. Was ist der Unterscheid zu dem, was der IWC heute macht?

Prinzipiell wäre es zu begrüßen, wenn sich die IWC außer dem Walfang auch anderen Gefahren für Wale widmet, zum Beispiel der intensiven Fischerei, dem Unterwasserlärm und der Zerstörung der Lebensräume. Die Kommission widmet sich diesen Problemen nur in einem Wissenschaftsausschuss und gibt Empfehlungen ab. Allerdings existieren keine Sanktionsmechanismen, weder für den Walfang, noch für andere Gefahren. Der Kompromissvorschlag geht hier nicht weit genug, denn er behält den Empfehlungscharakter. Wenn die IWC nicht einmal in der Lage ist, das kommerzielle Walfangverbot gegen Norwegen, Island und Japan durchzusetzen – wie soll man dann bitte annehmen, dass die Kommission eine internationale Fischereiindustrie reformiert? Das halte ich für sehr naiv. Ohne Sanktionsmechanismen bleibt die IWC ein schwacher zahnloser Papiertiger.

Sanktionen könnten auch den Missbrauch des sogenannten wissenschaftlichen Walfangs, den vor allem Japan betreibt, beenden. Gibt es eine Möglichkeiten, das durchzusetzen?

Derzeit klagt Australien vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Japan wegen der fortwährenden Walfangaktivitäten in der südlichen Hemisphäre, auch in Walschutzgebieten der Antarktis. Es ist spannend, dass ein Land von der politischen Rhetorik zur konkreten Aktion übergeht. Europa und die USA müssten sich ähnliche Schritte überlegen und Staaten über eine rhetorisch-diplomatische Verurteilung hinaus unter Druck setzen, damit sie sich an internationale Beschlüsse halten.

Ein Baird-Schnabelwal vor der Schlachtung im japanischen Wada Port.
Ein Baird-Schnabelwal vor der Schlachtung im japanischen Wada Port.(Foto: dpa)

Dazu passt, dass Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, kürzlich sagte: "Der Walfang ist die größte Hürde eines isländischen EU-Beitritts." Zeigt sich Island in dieser Frage kompromissbereit, um den EU-Beitritt zu beschleunigen?

Interessant ist der Umkehrschluss: Gibt die EU klare Zeichen gegenüber Island? Der Europäischen Union fehlt seit einem halben Jahr eine klare Position. So bekommt Island nicht wirklich das Gefühl, dass die EU den Walschutz intensiv betreibt. Die Union hat es in der Hand, durch die Beitrittsverhandlungen den Walfang in Island zu beenden. Zwar müssen die Gespräche sensibel geführt werden, aber eins ist doch klar: In Gewässern der EU dürfen Wale nicht getötet werden. Das hat auch für Island zu gelten. Daran wird man erkennen, ob die Regierungen Walschutz wirklich ernst nehmen oder ob sie sich nur gern damit schmücken.

Wie ist Ihre Einschätzung: Wird der Kompromissvorschlag auf der Konferenz in Agadir angenommen?

Das ist schwer einzuschätzen. Ich vermisse eine aktive Strategie der Walschutzländer. Die Walfangländer sind derzeit die Gewinner. Sie können sich zurücklehnen, da sie trotz Verbot bereits Wale fangen und man ihnen mit dem Kompromissvorschlag sogar vorschlägt, die Walfangaktivitäten anzuerkennen. Die Walschutzseite ist intern zerstritten, sie koordiniert sich nicht und hat keine Vision, wie Walschutz im 21. Jahrhundert aussehen soll. Australien ist das einzige Land, das aktiv Vorschläge einbringt und sich positioniert. Europa wäre gut beraten, sich mit den Australiern besser zu verständigen.

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Mit Nicolas Entrup sprach Markus Lippold

Quelle: n-tv.de