Politik
Vor dem Abmarsch in den Kampf gegen die Hereros wird die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet. (Archivfoto von 1904).
Vor dem Abmarsch in den Kampf gegen die Hereros wird die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet. (Archivfoto von 1904).(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 02. Juni 2016

Völkermorde im 20. Jahrhundert: Die Osmanen waren nicht die Ersten

Ein Gastbeitrag von Jürgen Zimmerer

Der Völkermord an den Armeniern und anderen Volksgruppen im Osmanischen Reich vor 100 Jahren war zweifellos ein Genozid. Aber es war nicht, wie oft behauptet, der Auftakt für die Völkermorde des 20. Jahrhunderts.

An diesem Donnerstag befasst sich der Deutsche Bundestag mit der Frage des Genozids an den Armeniern und den aramäisch-sprachigen Christen. Er nimmt dabei eine Debatte wieder auf, die er bereits im April 2015, zum 100. Jahrestag des Beginns des Völkermordes, initiiert hatte. Damals hatte der Bundestag zwar die Resolution zur Anerkennung verschoben, Bundespräsident Joachim Gauck hatte jedoch in einer beeindruckenden Rede im zentralen Berliner Gedenkgottesdienst in Anlehnung an den Wortlaut der im Bundestag diskutierten Resolution davon gesprochen, das "Schicksal der Armenier" stehe "beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist". Er betonte damit den paradigmatischen Charakter der Ereignisse im Osmanischen Reich, die zeitgleich auch Papst Franziskus ausdrückte, als er den "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" anprangerte.

Was vor einem Jahr aus historischer und erinnerungspolitischer Sicht fehler- und lückenhaft war, ist auch ein Jahr später nicht korrigiert. Der Völkermord an den Armeniern, den aramäisch-sprachigen Christen, sowie den in der Resolution nicht erwähnten griechisch-orthodoxen Christen, wie es vollständigerweise heißen müsste, war zwar nach Ansicht der allermeisten seriösen Historiker und Genozidforscher ein Genozid, aber beileibe nicht der erste des 20. Jahrhunderts. Er war deshalb auch nicht der Auftakt für die Völkermorde des 20. Jahrhunderts, wie Gaucks Formulierung suggeriert. Diese zweifelhafte Ehre kommt vielmehr dem Krieg des Deutschen Reiches gegen die Herero und Nama in der damaligen Kolonie Südwestafrika zu, wo deutsche Truppen zwischen 1904 und 1908 etwa 80 Prozent der Hereronation und 50 Prozent der Nama vernichteten beziehungsweise in den Tod trieben, insgesamt wohl bis zu 80.000 Menschen.

Deutsch-Südwestafrika war Deutschlands einzige Siedlungskolonie und sollte zu einem zweiten Deutschland gemacht werden. Wenn die Deutschen dort wohl auch nicht die Mehrheit haben würden, so sollten diese wenigstens die Herrenschicht bilden, über eine afrikanische Unterschicht, die die harte Arbeit erledigte. So sollte die Kolonie, auf die das Deutsche Reich seit 1884 Ansprüche erhob, durch eine rassistische Utopie in ein ökonomisches Musterland verwandelt werden.

"Jeder Herero wird erschossen"

Als sich die Herero und ein wenig später die Nama nur wenige Jahre nach der deutschen Annexion gegen Betrug und Missbrauch, die zunehmende Enteignung und Entrechtung zur Wehr setzten, sandte das Deutsche Reich ein eigenes Expeditionskorps unter General Lothar von Trotha. Letzterer wollte den schnellen militärischen Sieg und setzte, als ihm dieser im Sommer 1904 versagt blieb, auf eine genozidale Vernichtungsstrategie. Er ließ die Herero, einschließlich Frauen, Kinder und Greise, in die weitgehend wasserlose Omahekewüste treiben und diese dann durch seine Soldaten abriegeln, so dass der Rückweg zu den Wasserquellen versperrt blieb. Am 2.Oktober 1904 ließ er seinen Soldaten mitteilen: "Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen (…) Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen". Viele Tausende starben qualvoll den Dursttod.

Als er diese Politik aufgeben musste, da er die Truppen an anderer Stelle gegen die Nama brauchte, ließ er die Überlebenden in Konzentrationslager bringen, wo viele an den unmenschlichen Bedingungen zugrunde gingen, ja teilweise ganz bewusst ihrem Schicksal überlassen wurden – eine Vernichtung durch Vernachlässigung. Gegen die Nama setzte er ebenfalls auf eine Vernichtungsstrategie – auch gegen die Zivilbevölkerung – und zerstörte systematisch deren Lebensgrundlage. Um den erfolgreichen Guerillakampf der Nama zu unterbinden, ließ er ganze Dörfer ebenfalls in die Konzentrationslager deportieren.

Erst am 27. Januar 1908, an "Kaisers Geburtstag" wurden die Überlebenden, die bis dahin Zwangsarbeit leisten mussten, aus den Lagern entlassen. Ihre Freiheit erhielten sie jedoch nicht zurück, denn mittlerweile war über den gesamten Süden und das Zentrum der Kolonie ein weitreichendes System der Kontrolle und Überwachung errichtet worden, in dem alle Afrikanerinnen und Afrikaner sichtbare Passmarken tragen mussten, die von jedem "Weißen" jederzeit kontrolliert werden konnten. Ihre Freizügigkeit war aufgehoben und ihren Wohnsitz durften sie nur mit Genehmigung verlassen. Zur Arbeit waren sie verpflichtet. Komplettiert wurde diese rassische Privilegiengesellschaft durch Verordnungen und Bestimmungen, die Ehen zwischen Deutschen und Afrikanerinnen verboten, ja jegliche sexuelle Kontakte stigmatisierten und auch kriminalisierten. 25 Jahre vor den "Nürnberger Gesetzen" war der erste deutsche Rassenstaat in Südwestafrika Wirklichkeit geworden.

Bisher hat sich der Deutsche Bundestag noch nicht dazu durchringen können, den Genozid an den Herero und Nama anzuerkennen, wenngleich mittlerweile auch das Auswärtige Amt und auch einzelne Parlamentarier offen von Genozid sprechen. Es ist an der Zeit, dies zu korrigieren, und was für den Genozid an den Armeniern nun geschieht, auch für den Ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts Wirklichkeit werden zu lassen: die offizielle Anerkennung der deutschen Schuld, und anschließend eine offizielle Entschuldigung sowie das Gespräch mit den Betroffenen über geeignete Formen der Wiedergutmachung.

Jürgen Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte (Schwerpunkt Afrika) und Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung" an der Universität Hamburg. Er ist auch Präsident des International Networks of Genocide Scholars (INoGS).

Soeben erschien in 3. Auflage das bereits 2003 erstmals aufgelegte Standardwerk zum Genozid: Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (Hg.), "Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg in Namibia (1904-1908) und seine Folgen" (bei Amazon bestellen).

Quelle: n-tv.de

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