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Die Türkei sperrt sich, Stützpunkte für die internationale Allianz im Kampf gegen die Terrormiliz IS zu öffnen - und stellt Bedingungen.
Die Türkei sperrt sich, Stützpunkte für die internationale Allianz im Kampf gegen die Terrormiliz IS zu öffnen - und stellt Bedingungen.(Foto: AP)

Kein Kampf um Kobane: Die Türkei versagt, die USA und die PYD auch

Ein Kommentar von Hubertus Volmer

Die Türkei demonstriert, dass ihr die eigenen strategischen Interessen wichtiger sind als das Schicksal der Kurden in Kobane. Dennoch wäre es falsch, die Schuld für das Versagen im Kampf gegen die Terrormiliz IS allein in Ankara zu sehen.

Das ist ein Affront, der lange nachwirken wird: Keine 24 Stunden, nachdem die USA verkündet hatten, dass es eine Einigung mit der Türkei über die Nutzung des Nato-Flughafens Incirlik für Luftangriffe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gibt, erklärt die türkische Regierung, dass die Verhandlungen noch andauern.

Der Vorgang dürfte das ohnehin angespannte Verhältnis der Türkei zu ihren Nato-Partnern, vor allem zu den USA, deutlich eintrüben. Erst am Sonntag hatte die Sicherheitsberaterin von US-Präsident Obama, Susan Rice, im US-Fernsehen gesagt, dass es eine Einigung mit der Türkei gebe. Demnach erlaube die Türkei den USA, jährlich ein paar Tausend moderate syrische Rebellen auf ihrem Territorium auszubilden. Bislang hatte lediglich Saudi-Arabien sich dazu bereit erklärt. Wichtiger war der zweite Teil der Einigung: Die Türkei öffne ihre Luftwaffenstützpunkte für die USA und ihre Partner.

Diese Nachricht kam reichlich spät - schon seit Ende September fliegt die US-Luftwaffe Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien, seit Anfang August bekämpfen die USA den IS im Irak aus der Luft. Bislang mussten sie dazu US-Stützpunkte in Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten nutzen - die Türkei weigerte sich, ihre Flughäfen zu öffnen.

Dabei wird es vorerst bleiben. Noch scheint Ankara nicht das Gefühl zu haben, in den Verhandlungen mit Washington das Maximum herausgeholt zu haben: eine Flugverbotszone über und eine Schutzzone in Syrien. Diese Forderungen stellt die Türkei bereits seit mehr als zwei Jahren. Mit ihrer Hinhaltetaktik hat die türkische Regierung eindrücklich unter Beweis gestellt, dass der Kampf gegen den IS für sie weniger wichtig ist als das Eindämmen der Kurden beiderseits der türkisch-syrischen Grenze. Das Pech der Kurden in Kobane ist, dass die syrisch-kurdische PYD eng mit der türkisch-kurdischen PKK verbündet ist - als Partner für Ankara kommt die PYD daher nicht infrage.

Alte Feinde: Türkei und PYD

Dennoch wäre es, bei aller Empörung, falsch, die Schuld allein der Türkei zu geben. Sie ist nicht der einzige Spieler in der Region, dem die eigenen Interessen wichtiger sind als das Schicksal von Kobane. Man wird unterstellen dürfen, dass auch die PYD die Stadt lieber aufgeben würde, als einem Einsatz türkischer Soldaten auf der syrischen Seite der Grenze zuzustimmen. "Eine (türkische) Bodenoffensive würde die Dinge schlimmer machen, nicht besser", sagte PYD-Chef Salih Muslim der Zeitung "Hürriyet".

Die Interessen der Türkei und der PYD verhalten sich spiegelverkehrt zueinander: Es gibt Hinweise, denen zufolge die PYD mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad kooperiert hat. Die Türkei wiederum unterstützt die syrische Opposition schon seit Beginn des Bürgerkriegs - und zumindest in der Vergangenheit wohl auch die IS-Dschihadisten. Am Sonntag präsentierte der Vizevorsitzende der türkischen Oppositionspartei CHP, Bülent Tezcan, Dokumente, die beweisen sollen, dass der türkische Geheimdienst noch im Januar versucht habe, Waffen Syrien zu liefern.

Beide, PYD und Türkei, weisen die jeweiligen Vorwürfe zurück. Allerdings hat die Türkei Kämpfern des IS erlaubt, die Türkei als Rückzugsraum zu nutzen. Der Grund ist klar: Die türkische Regierung befürchtet, dass aus der Rojava, also dem syrischen "Westkurdistan", ein eigenständiger Staat entstehen könnte, aus dem heraus die PKK mit Waffen versorgt werden könnte.

"Mücken zu töten, ist keine Strategie"

Von den USA fordert die Türkei ein Gesamtkonzept, das nicht nur den Kampf gegen den IS, sondern auch gegen Assad einschließt. "Die Mücken eine nach der anderen zu töten, ist keine Strategie", sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu dem Sender France 24. "Wir müssen die Ursache für diese Situation ausmerzen." Dies sei "offensichtlich das Assad-Regime".

Doch zu einem Kampf gegen Assad sind die USA derzeit nicht bereit. Ziel der USA sei es, "den IS zu schwächen und letztlich zu zerstören", sagte Rice. Es solle verhindert werden, dass der IS dauerhafte Stützpunkte errichte, von denen aus die Miliz ihre Angriffe "gegen uns oder gegen unsere Partner in der Region" durchführen könne.

Übersetzt heißt das: Die USA bekämpfen den IS zwar auch in Syrien, aber anders als von der Türkei gefordert, geht es dabei ausdrücklich nicht darum, Syrien zu befrieden, sondern nur darum, der Miliz einen Rückzugsraum zu nehmen. Rice zufolge wollen die USA vor allem die irakische Regierung, aber auch die kurdischen Peschmerga im Nordirak unterstützen. Erst an dritter Stelle nannte sie die moderate syrische Opposition, die "langfristig" in die Lage versetzt werden solle, Assad und den IS zu bekämpfen. Dieses Vorgehen werde Zeit brauchen, sagte Rice, es könne nicht danach beurteilt werden, was "in einer bestimmten Stadt" - sprich: in Kobane - geschehe.

An diesem Montag und Dienstag kommen in Washington erstmals die Militärchefs der Anti-IS-Koalition zusammen. Eines ist sicher: Die Interessen der Menschen im syrischen Kobane werden bei diesem Treffen nur am Rande eine Rolle spielen.

Quelle: n-tv.de

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