Politik
Dienstag, 03. Mai 2011

Zwischenruf: Osama Killing: Zurück in die Steinzeit

ein Kommentar von Manfred Bleskin

Spätestens bei der nächsten "gezielten Tötungsaktion" - von wem auch immer gegen wen auch immer - sind wir im Paläolithikum angekommen. Mit dem bedeutenden Unterschied, dass die Hightechwaffe den Faustkeil ersetzt hat. Und Interessierte müssen nicht mehr danebenstehen, wenn sie zugucken wollen. Heute gibt es Fernseher.

Gespenstische Situation: Obama und sein Stab beobachten die Operation live.
Gespenstische Situation: Obama und sein Stab beobachten die Operation live.(Foto: AP)

Der Einmarsch der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in Afghanistan erfolgte mit dem Ziel, die Terrorgruppe Al-Kaida und damit das Hauptquartier des radikalislamischen Terrorismus' zu vernichten. Ein Tod Osama bin Ladens im Kampf um den Höhlenkomplex Tora Bora an der Jahreswende 2001/2002 wäre - formal - durch das Völkerrecht gedeckt gewesen, denn schon der Einsatz selbst ist ja völkerrechtlich umstritten.

Umstritten ist auch, unter welchen Umständen damals Osama bin Laden und Taliban-Anführer Mullah Omar samt Anhang und Kämpfern die Flucht vor den US-geführten Truppen gelang. Die sofortige physische Vernichtung bin Ladens jedenfalls hätte die fortdauernden Präsenz westlicher Truppen ihrer vorgeblichen Legitimation beraubt.

Die Kommandoaktion einer US-amerikanischen Spezialeinheit verletzt das Völkerrecht gleich zweifach: Einmal wegen des Eindringens in einen souveränen Staat. Die gezielten Meldungen, pakistanische Einheiten seien an der Operation von Abbottabad beteiligt gewesen, wurden von Präsident Asif Ali Zardari umgehend dementiert. Zum Zweiten verstößt eine Tötung ohne Gerichtsurteil nicht nur gegen internationales, sondern auch gegen US-Recht. Selbst Göring, Keitel & Co. wurden ihrer gerechten Strafe nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren zugeführt. Abgesehen einmal von der moralischen Seite: Es mutet gespenstisch an, wenn Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton vor dem Fernsehapparat sitzen und die Aktion gegen einen Gebäudekomplex beobachten, in dem sie neben einem Kriegsverbrecher auch mehr als 20 Kinder wissen.

Nicht der Tod von bin Laden ist schlimm. Der Mordbube hat kein Mitleid verdient. Schlimm aber ist, dass an die Stelle des Völkerrechts wieder das Recht des stärkeren Volks tritt: die Steinzeitmentalität Obamas gegen den Steinzeitislam Osamas.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen