Politik

Zwischenruf: Sarrazin ist Teil einer Hetzkampagne

Manfred Bleskin

Er hat ein SPD-Parteibuch, aber die Neonazis auf seiner Seite. Und Thilo Sarrazin ist damit nicht alleine. Er ist Teil einer europaweiten Hetzkampagne gegen Ausländer, wie der Blick nach Frankreich und Italien zeigt.

Das Problem: die vielen verkappten Sarrazins.
Das Problem: die vielen verkappten Sarrazins.(Foto: dpa)

Thilo Sarrazin für sich genommen ist kein Problem. Das Problem sind die vielen verkappten Sarrazins, bei denen die pseudowissenschaftlichen Auslassungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators auf fruchtbaren Boden fallen und die zugleich der Boden sind, der Sumpfblüten wie Sarrazin treibt. Jene zum Beispiel, die Bewerber mit orientalisch klingenden Namen trotz hoher Qualifikation ablehnen. Viel lernt man nicht, wenn man das 463-seitige Konvolut in die Hand nimmt. Aber dies zum Beispiel: Die deutsche Bevölkerung sei durch "Flucht und Vertreibung" kräftig durcheinandergewirbelt worden. 90 Prozent der Führungsschichten und der Bürokratie hätten zu den Nazis gehalten, dies habe sich aber keineswegs negativ auf die Effizienz beim Wiederaufbau ausgewirkt. Mein Gott! Bestand die Führungsschicht denn nicht aus Nazis oder strickt Sarrazin mit am wärmenden Pullover der von Hitler verführten deutschen Beamtenschaft? Kein Wort über die systematische Vernichtung von Geist und Fähigkeit der Juden, die beiden deutschen Staaten nach dem Krieg so sehr gefehlt haben. Dafür die - noch nicht im Buch enthaltene - rassistische Erkenntnis über jüdische Gene. Gänzlich blödsinnig wirkt die SF-Geschichte am Ende des Buches mit dem arabischstämmigen Oberbürgermeister von Weimar und dem Sieg einer islamischen Partei bei den Kommunalwahlen in Duisburg.

Berlusconi, Sarkozy, Sarrazin

Es wundert nicht, dass die deutschen Neonazis von NPD und DVU jubilieren und den Mann mit dem sozialdemokratischen Parteibuch in der Gesäßtasche einladen, in ihre Reihen einzutreten. Sarrazin ist Teil einer europaweiten Hetzkampagne gegen Ausländern, wie sie typisch ist für krisenhafte Situationen. Sarrazin ist nichts anderes als der FPÖ-Kandidat für das Amt des Wiener Bürgermeisters Heinz-Christian Strache, der auf seinen Wahlplakaten für die Rettung des "Wiener Bluts" gegen die "Überfremdung" wirbt. Wen wundert’s da, dass der "freiheitliche" Europa-Abgeordnete Andreas Mölzer manches bei Sarrazin zwar für "überschießend" hält, aber ansonsten hofft, dass das Buch eine Diskussion anstößt? Jener Mölzer übrigens, der jüngst mit dem Kopf des rechtsradikalen französischen Front National Jean-Marie Le Pen, spanischen, britischen und anderen Faschisten am Yasukuni-Schrein in Tokios Stadtbezirk Chiyoda verurteilten japanischen Kriegsverbrechern huldigte.

Wäre Sarrazin nur ein - hoffentlich bald Ex-Bundesbanker, wäre das Ganze halb so schlimm. Doch Silvio Berlusconi und Nicholas Sarkozy praktizieren in zwei der mächtigsten EU-Staaten bereits eine Politik, die den Thesen Sarrazins von der Sache her sehr nahekommt. In Ungarn ist die antisemitische Jobbik-Partei drittstärkste Kraft im Parlament; die Schweizer Volkspartei bestimmt in weiten Teilen den Diskurs der eidgenössischen Ausländerpolitik; in Dänemark können die rechtsliberale Venstre und die Konservativen nur mit Hilfe der ausländerfeindlichen Folkeparti regieren.

Wulff sollte aktiv werden

Deutschland hat eine andere, schlimmere Vergangenheit als unsere Nachbarn. Es ist gut, dass sich die Bundeskanzlerin gegen Sarrazin stellt. Es wäre besser, wenn der Bundespräsident aktiv würde, denn er allein kann Bundesbanker absetzen.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

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Quelle: n-tv.de

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