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Der Muhammad auf der aktuellen Ausgabe von "Charlie Hebdo" ist vor allem traurig.
Der Muhammad auf der aktuellen Ausgabe von "Charlie Hebdo" ist vor allem traurig.(Foto: Reuters)

Mufti kritisiert neue Charlie Hebdo: So gütig war Mohammed noch nie

Ein Kommentar von Nora Schareika

Die Antwort von "Charlie Hebdo" auf die Morde vor einer Woche ist: eine weitere Mohammed-Karikatur. Geistliche in Ägypten sagen deshalb neuen Hass voraus. Sie übersehen in blinder Frömmigkeit die Botschaft.

Wer es darauf anlegt, kann an der Titel-Karikatur der neuen "Charlie Hebdo" natürlich Anstoß nehmen. Die Figur, die den Propheten Mohammed darstellt, hat hervortretende und nach innen schielende Glubschaugen, einen struppigen Bart und eine gurkenförmige Nase (wenn man denn nicht noch etwas anderes als eine Gurke darin erkennen will). Der Prophet bei "Charlie Hebdo" ist wahrlich keine Schönheit und abgesehen davon kann man sich natürlich darüber echauffieren, dass er überhaupt gezeichnet worden ist.

Der obersten religiösen Instanz in Ägypten, dem Dar al-Iftaa (wörtlich "Haus, das die Fatwas herausgibt"), reicht letzteres schon. Das Büro des Großmuftis in Kairo erklärte, es sei eine ungerechtfertigte Provokation der Gefühle von 1,5 Milliarden Muslimen auf der Erde, die den "Propheten der Güte" respektierten und liebten. Das Haus der Fatwas warnte, die neue Ausgabe von "Charlie Hebdo" werde eine neue Welle des Hasses in Frankreich und im Westen in Gang setzen. Das Magazin behindere die Bemühungen von Muslimen um eine friedliche Koexistenz und kulturellen Dialog.

Schweigen wäre souveräner

Die Azhar-Moschee in Kairo. Es ist nicht auszuschließen, dass die hier betenden Muslime sich vom "Charlie Hebdo"-Cover verletzt fühlen.
Die Azhar-Moschee in Kairo. Es ist nicht auszuschließen, dass die hier betenden Muslime sich vom "Charlie Hebdo"-Cover verletzt fühlen.(Foto: AP)

Religiöse Gefühle hin oder her, hier hat sich die Institution verrannt. Gewiss, aus streng religiöser Sicht reicht es, dass der Prophet gezeichnet worden ist. Eine gewisse Empfindlichkeit ist nachvollziehbar, nachdem in der Vergangenheit so manche Mohammed-Karikatur hauptsächlich darauf ausgerichtet war, fromme Muslime zu provozieren und zu ärgern. "Charlie Hebdo" war da vorne mit dabei.

Dennoch: Auch wenn es schwerfällt, müssen Muslime das aushalten, wie die Katholiken auch den sich einpinkelnden Papst auf der "Titanic" hinnehmen mussten. Das Haus der Fatwas würde mehr Distanz und Souveränität beweisen, wenn es die neue Karikatur einfach überginge, anstatt in blinder Frömmigkeit wieder Anstoß zu nehmen. Den Muftis in Kairo dürfte doch nicht nur klar sein, dass die 5,8 Milliarden Nicht-Muslime auf der Welt das Problem nicht so eng sehen. Sie müssten auch wissen, dass sie hier eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in Gang gesetzt haben.

Es wird also neuen Hass geben und womöglich neue Gewalttaten? Wenn die Muftis in Kairo das sagen, wird sich sicher einer dazu berufen fühlen, das zu bestätigen. Das Dar al-Iftaa ist eine sehr renommierte Institution und die dort herausgegebenen Fatwas sind nicht zu vergleichen mit den Empfehlungen irgendwelcher TV-Prediger. Die Einschätzungen aus diesem Haus haben zwar nicht das Ziel, Radikale aufzustacheln, doch passieren kann es schon - gerade in diesem sensiblen Kontext.

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Es geht nicht darum, dass Muslime jetzt wegen der Attentate von Paris gefälligst toleranter sein und Karikaturen des Propheten gefälligst lustig zu finden haben. Viele Muslime haben nach den Attentaten sinngemäß gesagt: "Ich verurteile, was diese Terroristen getan haben, aber Karikaturen des Propheten gefallen mir trotzdem nicht. Und deshalb bin ich auch nicht Charlie." Sonja Zekri schreibt in der "Süddeutschen Zeitung": "In einem ruhigeren Moment (...) könnte man darüber nachdenken, ob das wirklich so funktioniert: ob Provokationen der Religion tatsächlich eine Art Gewöhnung hervorbringen, eine sinkende Reizschwelle - oder genau das Gegenteil. Es ist ja sehr die Frage, ob sich der eigene Toleranzbegriff durch die Leidensfähigkeit des anderen demonstrieren lässt oder gerade nicht."

Eine Geste der Versöhnung

Eine ganz "normale" Karikatur ist die Figur auf der ersten Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach dem Attentat vor genau einer Woche sowieso nicht. Sie kann und sollte als ausgestreckte Hand gesehen werden. Die Figur mit dem weißen Turban hat einen halbmondförmig nach unten gebogenen Mund und schaut ganz so, wie kleine Kinder schauen, wenn sie übertrieben traurig tun wollen. Eine dicke Träne fällt aus einem der großen Augen heraus und vor der Brust hält dieser Mohammed ein Schild hoch, auf dem steht: "Ich bin Charlie". Das lässt sich als eine Distanzierung von Mord und Terror lesen, die hier dem Propheten in den Mund gelegt wird. Und das in einer Woche, in der nicht wenige sagen, was passiert sei, habe eben doch etwas mit dem Islam zu tun.

Noch viel aussagekräftiger ist aber das, was darüber steht: "Alles ist vergeben". Der Prophet zeigt sich hier also tatsächlich gütig wie nie in Karikaturen. Der Mann mit dem Turban solidarisiert sich mit all jenen, die um die Redakteure von "Charlie Hebdo" und die anderen Opfer trauern, verurteilt die Attentate und vergibt zugleich seinen fehlgeleiteten Anhängern für den Mist, den sie in seinem Namen gebaut haben. So sehen die Überlebenden von "Charlie Hebdo" - zumindest heute - den heiligen Verkünder des Islam. Es ist eine starke und versöhnliche Geste angesichts dessen, was der Zeichner vor gerade einer Woche erlebt hat. Die Geistlichen in Kairo könnten sich davon etwas abgucken.

Quelle: n-tv.de

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