Politik
Immer weniger junge Männer sind bereit, auf Dauer sexuell enthaltsam zu leben.
Immer weniger junge Männer sind bereit, auf Dauer sexuell enthaltsam zu leben.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 19. September 2013

Zwischenruf: Zölibat: Der Eisberg beginnt zu schmelzen

Ein Kommentar von Manfred Bleskin

Der Widerstand gegen die Ehelosigkeit von Priestern hat nun auch die Spitzen des deutschen Katholizismus erreicht. Dies ist weniger Nächstenliebe denn vielmehr Sachzwängen geschuldet. Das weder in der Bibel nachweisbare noch in anderen Kirchen so praktizierte Eheverbot ist damit zwar noch lange nicht überwunden. Aber ein weiterer, wichtiger Schritt ist getan.

Wenn sich mit dem einstigen Vorsitzenden der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Karl Lehmann und dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Alois Glück weitere hochrangige Vertreter des deutschen Katholizismus für eine Lockerung des Prinzips der Ehelosigkeit aussprechen, so geschieht dies weniger aus Nächstenliebe, sondern aus Zwängen. Die Kirchenaustritte dauern an, immer weniger junge Männer sind bereit, auf Dauer sexuell enthaltsam zu leben. Zugleich hält die Kritik am Pharisäertum in Sachen Kindesmissbrauch an, der seinerseits vielfach in einem direkten Zusammenhang mit den zölibatären Fesseln steht.

Von den zwölf Aposteln war nach dem Freitod von Judas Ischariot lediglich der spätere Evangelist Johannes unverheiratet. In der Exegese gibt es durchaus unterschiedliche Auffassungen zur Ehelosigkeit Jesu Christi. Unbewiesen ist auch die Behauptung, die Apostel hätten Frau und Kind verlassen, um dem Messias auf seinen Wanderungen zu folgen. Im Gegenteil: Paulus berichtet, dass einige von ihnen ihre Frauen auf den Reisen nach der Kreuzigung mitgenommen hätten.

Hatte man sich in der zunächst noch einheitlichen Kirche über den Zölibat gestritten, so gestand selbst das bedeutende Konzil von Nicäa im Jahre 325 die Entscheidung jedem Einzelnen selbst zu. Erst Papst Innozenz II. bezeichnet auf der Synode von Clermont 1130 das Liegen in Ehebetten als „Unreinheit“. Neun Jahre später würde der Zölibat im lateinischen Zweig der katholischen Kirche zur Pflicht. In den katholischen Ostkirchen, in der Orthodoxie und bei den Anglikanern gibt es die Pflicht in dieser Form nicht.

Angekündigte Reformen machen Hoffnung

Doch die Verteidiger der Ehelosigkeit von Prälaten beharren mit aller Härte auf ihrer Doktrin: Zu ihnen gehört der von Benedikt XVI. eingesetzte Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller. Der frühere Regensburger Bischof  beruft sich sogar auf ein im Neuen Testament nicht auffindbares Wort Jesu gegen die Ehe.

Der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hatte sich schon 2008 für eine Lockerung ausgesprochen. Getan hat sich bis heute nichts. Doch die Vorstöße Lehmanns und Glücks lassen hoffen, im Umfeld der von Papst Franziskus angekündigten Reformen allemal. Eine Schwalbe, oder auch drei, machen noch keinen Sommer. Aber sie könnten den Eisberg langsam schmelzen lassen.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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