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Person der Woche: Anshu Jain: Obacht vor dem Regenmacher

Von Wolfram Weimer

Die Deutsche Bank steckt in der Krise und kündigt eine Radikalkur an. Der 2012 als Wundermann an die Spitze der Bank geholte Anshu Jain hat bislang enttäuscht, weitet seine Macht durch den Coup aber aus.

(Foto: REUTERS)

Anshu Jain galt als Magier des Geldes, als Wunderbanker aus London, als Goldfinger von der Themse. Als deutsche Banker noch steif, verklemmt oder arrogant waren, kam der aus Indien stammende Selfmademan schon cool daher. Er verkörperte das angelsächsische Investmentbanking, und mit dem globalen Siegeszug der Finanzakrobatik machte Jain eine Bilderbuch-Karriere, die in Jaipur und New-Delhi begann und in der Hochfinanz Londons gipfelte.

Jains britische Investmentbanker waren schon vor Jahren die schneidigen Wölfe des globalen Finanzkapitals, neben denen die klassischen, deutschen Manager der Deutschen Bank wirkten wie die braven Schäfchen, die leise blökend neben dem schwäbischen Mittelstand her trotteten.

Die Berufung Jains an die Spitze der Deutschen Bank wurde von Investmentbankern gefeiert, nun komme "der Regenmacher" höchstpersönlich in die karge Wüste des deutschen Bankings. Vor drei Jahren noch dachten viele, Jain werde die stolze Deutsche Bank wieder ganz groß raus bringen, vorne an die Weltspitze jedenfalls. Heute muss man feststellen, dass der Regenmacher der Deutschen Bank eher eine Dürre eingebracht hat.

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Die Entscheidung vom Wochenende, nun den Befreiungsschlag zu wagen, die Postbank zu verkaufen und das eigene Filialnetz mit dem eisernen Besen auszudünnen, ist ein dramatisches Krisenindiz. Die Börse reagiert darauf nicht bloß negativ, sondern regelrecht entsetzt. Der Verkauf wirkt auf Aktionäre wie ein Verzweiflungsakt, ein Eingeständnis des Scheiterns der bisherigen Strategie. Der Marktwert der Deutschen Bank verringerte sich am Montag schlagartig um zwei Milliarden Dollar.

Kapitalvernichtung und Affären

Dabei sitzen die Leid geplagten Aktionäre beim Regenmacher schon länger auf dem Trockenen. Misst man Jain nach den eigenen Maßstäben des Investmentbankers, hat er kläglich versagt. Die Aktie der Deutschen Bank war vor acht Jahren einmal 90 Euro wert, vor vier Jahren kostete sie noch 40 Euro und nun dümpelt sie mit 30 Euro umher. Es handelt sich um eine der größeren Kapitalvernichtungen in der neueren deutschen Wirtschaftsgeschichte, die da in Frankfurt zu verantworten ist.

Doch die Bilanz der Deutschen Bank ist auch in anderer Hinsicht beschädigt. Das einst so ehrwürdige Haus wird von Skandalen erschüttert als handele es sich um eine zwielichtige Geldleihe-Bruderschaft aus Palermo. Die Liste der Affären ist lang, peinlich und teuer. Erst vor wenigen Tagen haben britische und amerikanische Behörden der Bank eine Strafe von 2,5 Milliarden Dollar wegen ihrer Verwicklung in den Skandal um manipulierte Zinssätze aufgebrummt. Die kriminelle Energie war erschreckend: "Über Jahre haben Mitarbeiter der Deutschen Bank rund um den Globus illegal Zinssätze manipuliert", erklärte das US-Justizministerium. Doch damit nicht genug; anders als andere Banken, die bei der Aufdeckung des Skandals immerhin kooperierten, versuchte die Deutsche Bank, die Sache auch noch zu vertuschen. Die US-Behörden rügen, dass die Bank die Aufklärung mit "Fehlinformationen" und "Verzögerungstaktik" behindert habe.

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Mittlerweile hat die Deutsche Bank tausende von Rechtsverfahren am Hals, Vorstände befassen sich permanent mit irgendwelchen Gerichtsakten - von Hypothekenstreitereien in den USA bis zum Kirch-Verfahren in Deutschland. Seit dieser Woche liegen dem Aufsichtsrat neue Erkenntnisse aus internen Untersuchungen zu betrügerischen Geschäften beim Handel mit sogenannten Verschmutzungsrechten vor. In Frankfurt macht bereits der bittere Scherz die Runde, aus der größten deutschen Bank sei inzwischen ein "Rechtsanwalts-Konzern mit angeschlossenem Bankgeschäft" geworden.

Defensive und Schweigen

Das Ansehen der Deutschen Bank ist jedenfalls in jüngster Zeit regelrecht ramponiert worden. Die Kernvokabel des Instituts, "Vertrauen", wirkt tief erschüttert. Und die enormen Summen, die die Skandale verschlingen, fehlen im Kerngeschäft.

Doch Jain & Co. ist auch die strategische Linie abhandengekommen. "Sie fahren einen Schlingerkurs", sagte ein hochrangiger Banker nach der Bekanntgabe des Postbankverkaufs. Tatsächlich rutscht die Deutsche Bank in den internationalen Rankings zusehends ab, es fehlt ein stringenter Masterplan.

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Und noch ein Niedergangsindikator ist bemerkenswert: Die Führung der Deutschen Bank war für Jahrzehnte in Deutschland eine wirtschaftspolitische Autorität und gesellschaftlich bedeutsame Stimme. Wenn Hermann Josef Abs oder Alfred Herrhausen sich in der Republik zu Wort meldeten, dann hörte das Land hin. Heute ist die Stimme der Deutschen Bank weithin verstummt. Jain meidet die deutsche Öffentlichkeit, hat kaum einen Zugang zur deutschen Elite. Und sein freundlicher Co-Chef Jürgen Fitschen muss nach innen so viel aufräumen, dass er nach außen gar nicht wirken kann. Die Politik hat inzwischen große Distanz zu den Frankfurtern, und in der Öffentlichkeit ist das Image bis zur Feindseligkeit beschädigt. Die Kommunikationsstrategie setzt im Wesentlichen auf Defensive, Schweigen und Krisenhandling.

Kurzum: Nach den Jain-Jahren steckt die Deutsche Bank in der vielleicht größten Krise ihrer Geschichte. Eigentlich wäre sein Rücktritt fällig. Doch die Aktion Postbank soll sein Befreiungsschlag werden. Jain scheint es zu gelingen, die verheerende Bilanz seiner Amtszeit anderen in die Schuhe zu schieben, insbesondere den deutschen Vertretern eines seriösen, bodenständigen Kreditgeschäfts. Es soll der Eindruck entstehen, dass das kleinteilige Privatkundengeschäft die gewaltigen Probleme der Bank verursache. Das ist eine kühne, wenn nicht gar falsche Schuldzuweisung. Sie ermöglicht aber Jain, sich einen schlanken Fuß zu machen und andere Geschäftsfelder in die öffentliche Problemdebatte zu schieben.

Mit der Entscheidung, das Massengeschäft samt Postbank über Bord zu werfen, vollzieht die Deutsche Bank jedenfalls einen historischen Richtungswechsel, weg vom deutschen Kundengeschäft und hin zum angelsächsischen Investmentbanking. Jain kann sich damit als Sieger des internen Kampfes der Kulturen fühlen. London hat Frankfurt nieder gerungen. Co-Chef Fitschens Tage sind gezählt und Privatkundenchef Rainer Neske, ein potentieller Konkurrent von Jain um die hausinterne Macht, wird zum Herzog ohne Land degradiert. Die Wölfe dürfen jaulen, die Schafe nurmehr mähen.

Quelle: n-tv.de

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