Politik
Dienstag, 27. Oktober 2015

Person der Woche: Theo Zwanziger: Der Sommermärchen-Zerstörer

Von Wolfram Weimer

Der DFB-Skandal entsetzt die Republik. Was wirklich hinter einer dubiosen Millionenzahlung steckt, wird noch ermittelt. Wer hinter den Enthüllungen steht, weiß inzwischen jeder.

Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr.
Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr.(Foto: picture alliance / dpa)

Theo Zwanziger ist bei Deutschlands Fußballfunktionären so beliebt wie Edward Snowden beim CIA. Er gilt als der ganz große Verräter. Der ehemalige DFB-Präsident hat ausgepackt und dubiose Machenschaften im Zusammenhang mit der Fußball-WM 2006 enthüllt. Im Mittelpunkt steht eine ominöse Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an die Fifa. 

Im ungünstigen Fall ist damit eine schwarze Kasse des DFB enttarnt, mit der die WM-Vergabe damals irgendwie erkauft wurde. Zwanziger nennt die Korruption im Zuge der deutschen WM-Bewerbung sogar "alternativlos". Weltmeisterschaften hätte man sich immer erkaufen müssen. Im besseren, wenn auch nicht wirklich guten, Fall war der DFB bloß gezwungen, der korrupten Fifa einen Obolus zu entrichten. Letztere Version verbreiten Franz Beckenbauer und DFB-Präsident Niersbach. "Um einen Finanzierungszuschuss der Fifa zu erhalten, wurde auf einen Vorschlag seitens der Fifa-Finanzkommission eingegangen, den die Beteiligten aus heutiger Sicht hätten zurückweisen sollen", lässt  Beckenbauer schriftlich verlautbaren. Und weiter meint er zerknirscht: "Für diesen Fehler trage ich als Präsident des damaligen Organisationskomitees die Verantwortung."

Beckenbauer und Niersbach betonen, dass das Sommermärchen dennoch sauber gewesen sei: "Es wurden keine Stimmen gekauft, um den Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft 2006 zu bekommen." Das mag man glauben - und doch beginnt nun eine peinliche Kettenreaktion von Vorwürfen, Beschuldigungen und Lügen. So bestreitet Fifa-Präsident Joseph Blatter ein Treffen mit Beckenbauer und auch den Erhalt der Zahlung: "Ich habe niemals Geld von Beckenbauer verlangt. Nie im Leben. Auch nicht vom DFB. Das stimmt einfach nicht", erklärte der derzeit gesperrte Fifa-Chef.

Wochen des Fegefeuers

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Was immer genau passiert ist, drei spektakulär düstere Dinge sind inzwischen offenbar geworden: Erstens ist die Fifa ein korruptes Großsystem, in dem sich ältere Herren über Jahre hinweg Fußball-Millionen wechselseitig in die Taschen geschoben haben. Zweitens ist der bislang so integer daher kommende DFB in diesen Korruptionssumpf mit hinein gestapft. Und drittens wird auf dem deutschen Sommermärchen - einer Glanzstunde des deutschen Selbstgefühls - fortan ein Schatten liegen.

Für das Ansehen des deutschen Fußballs und seiner Helden wie Franz Beckenbauer und Günter Netzer kann man nur hoffen, dass wirklich keine Stimmen gekauft wurden und die Zahlung eine Art einmalige Fifa-Maklercourtage gewesen ist. Zwanziger spricht davon, dass Beckenbauer in "das richtig verrottete System der Fifa" wohl "hineinstolpern musste, um überhaupt eine Chance zu haben, diesen World Cup nach Deutschland zu holen".

Für Beckenbauer, Netzer, Niersbach & Co. beginnen nun Wochen des Fegefeuers. Der Enthüller Zwanziger hingegen sitzt schon in der Hölle des Verrats. Seine Anschuldigungen mögen im Kern richtig sein - doch auch sein Ansehen ist schwer beschädigt. Hier gilt die alte Losung Cäsars: Alle lieben den Verrat, aber keiner den Verräter! Die gesamte Führungsriege des deutschen Fußballs attackiert Zwanziger als Denunzianten mit niederen Motiven. Er sei ein Verräter aus Missgunst.

Abrechungsschlacht auf der Weltbühne

Tatsächlich ficht Zwanziger gegen seinen Nachfolger Niersbach schon seit Jahren einen Kleinkrieg aus Eifersucht und Herabwürdigung. Amtsinhaber und Vorgänger sind ziemlich beste Feinde. So ärgerte sich Zwanziger öffentlich darüber, dass Niersbach als ehrenamtlicher DFB-Präsident eine Betriebsrente kassiert und wirft ihm "Heuchelei" vor. Man könne sich "doch nicht bei Hunderttausenden von Menschen, die unter Ehrenamt im Fußball etwas ganz anderes verstehen, aus der Kasse des DFB Vergütungen in einer deutlich sechsstelligen Größenordnung zahlen lassen." Der DFB distanzierte sich geschlossen von Zwanziger. Das DFB-Präsidium weise die "offensichtlich persönlich motivierten und völlig haltlosen Aussagen auf das Schärfste" zurück. Niersbach selbst konterte Zwanzigers Aussagen mit der harten Replik, die Kritik komme "von einem Mann, der seit zwei Jahren in der Isolation ist".

Aus dieser Isolation aber hat Zwanziger nun die ganz große Lawine losgetreten, unter der Niersbach zu versinken droht. "Es ist eindeutig, dass es eine schwarze Kasse in der deutschen WM-Bewerbung gab", sagt Zwanziger dem "Spiegel". Es sei "ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005. So wie ich das sehe, lügt Niersbach".

Damit vollzieht sich auf der großen Bühne des nationalen Fußballs eine bittere Abrechnungsschlacht unter Fußball-Funktionären. Zwanziger wird dabei nicht gewinnen können.

Die Geschichte kennt nur Verlierer

Anders als bei Snowden, dem die Bekanntmachung eines Missstandes wichtiger war als die eigene bürgerliche Existenz, ist Zwanziger eben hauptsächlich von persönlicher Rache getrieben. Und anders als mutige Whistleblower der Geschichte riskiert Zwanziger weder Geld noch Job noch Leben. Er hätte vielmehr die Chance gehabt, die Missstände, die er erst jetzt anprangert, da viele Sünden verjährt sind, in seiner Amtszeit selbst aufzuarbeiten.

Aus Zwanziger wird damit kein Mann mehr der Zivilcourage, kein Enthüllungsheld wie Snowden oder Mark Felts, der als "Deep Throat" im Jahre 1973 mit seinen Enthüllungen wichtigster Informant in der Watergate-Affäre war und letztlich den Rücktritt des US-Präsidenten Richard Nixon erzwang.

Die Verkehrung des Sommermärchens in einen Alptraum aus Rache, Lug und Trug kennt nur Verlierer und ist rundherum traurig. Weil Millionen Deutschen ein gelebter Traum beschädigt wird. Weil das Fußballgeschäft als Männer-Macht-Monopoly demaskiert wird. Weil Helden als Scheckbuchschummler entlarvt scheinen. Und weil sich ein verbitterter Ex-DFB-Präsident als Brutus und Altersdenunziant profiliert, worauf er dereinst vor allem als einer erinnert wird: der Sommermärchen-Zerstörer.

Quelle: n-tv.de

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