Politik
Dienstag, 06. Juni 2017

Person der Woche: Emir von Katar: Fifa-Freund, Volkswagen-Aktionär, Terrorpate

Von Wolfram Weimer

Die Nachbarstaaten beschuldigen Katar offen der Terrorpatenschaft. Das stürzt nicht nur die Golfregion in eine Krise. Auch in Deutschland wird manchem jetzt mulmig. Es keimen bereits Hoffnungen, der Emir könne nach Griechenland ins Exil flüchten.

Der Emir von Katar wird von seinen arabischen Brüder- und Nachbarstaaten verstoßen wie ein aussätziger Krimineller. Die offizielle Begründung für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und die Schließung der Grenzen ist atemraubend: Katar sei ein kaltblütiger, islamistischer Terrorpate.

Hamad Al-Thani ist bei seinen Nachbarn in Ungnade gefallen.
Hamad Al-Thani ist bei seinen Nachbarn in Ungnade gefallen.(Foto: AP)

Der Vorgang ist ein historischer Eklat. Ausgerechnet die bisherigen Verbündeten Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain, Jemen und die Vereinigten Arabischen Emirate erklären der Weltöffentlichkeit, Katar unterstütze den islamistischen Terror.

Dass es die Staatengruppe mit ihrem Bann bitterernst meint, zeigt der Embargokatalog: die Verkehrsverbindungen zur See und in der Luft nach Katar sind eingestellt. Diplomatisches Personal wird aus dem Emirat abgezogen. Alle Bürger aus Katar wiederum sollen binnen zwei Wochen Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen. Die Fluglinie Etihad Airways erklärte, dass alle Flüge in das Golfemirat gestrichen werden. Doha soll als internationales Verkehrsdrehkreuz getroffen werden.

Katar bezichtigt Nachbarn der Lüge

Kurzum: In der Golfregion bricht schlagartig die schwerste diplomatische Krise seit Jahren aus, zumal Katar zwischen den Erbfeinden Iran und Saudi-Arabien lange eine Mittlerrolle eingenommen hat, die dem Emir nun negativ ausgelegt wird. Insbesondere dass der Emir dem reformorientierten iranischen Präsidenten Hassan Ruhani zu dessen Wiederwahl gratuliert hat, gilt in Riad als Hochverrat.

Die Terrorismus-Vorwürfe an Katar sind drastisch, doch sie decken sich mit den Erkenntnissen westlicher Geheimdienste, die seit Jahren vor einer tiefen Verstrickung Katars in den islamistischen Terrorismus warnen. Nun erklären auch Saudi-Arabien und seine Verbündete, dass Katar nicht nur die Muslimbruderschaften massiv unterstützt und viele Islamisten-Gruppen rund um den Erdball geheim finanziert. Saudi-Arabien verkündet zusätzlich, dass das Emirat auch den sogenannten Islamischen Staat und Al-Kaida finanziere und deren Propaganda verbreite.

Katar wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Diese Kampagne der Aufwiegelung fußt auf Lügen, die das Niveau vollständiger Erfindungen erreicht haben", teilte das Außenministerium mit.

Islamismus und Vergnügen

Tatsächlich dürften die Vorwürfe eher zutreffen. In weiten Teilen der arabischen Welt hat sich Katar mit seiner aggressiven Außenpolitik den Ruf einer Möchtegern-Weltmacht und eines islamistischen Eroberers erworben. Insbesondere Libyer und Ägypter machen den Emir für die Islamisierung ihrer Gesellschaften verantwortlich. Katar gilt als Hauptfinanzier der Muslimbrüder in diesen Ländern. Der islamistischen Regierung in Kairo hat das Emirat Kredite in Höhe von acht Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

Zugleich unterstützt der Emir systematisch die Taliban und insbesondere die anti-israelische Hamas mit großzügigen Geldgaben. Sowohl im Gaza-Streifen als auch im Libanon hat er mit seinen Millionen aus der Hamas einen verlängerten Arm seiner Terrorpolitik gemacht. Und als in Syrien der Bürgerkrieg ausbrach, sah er die Chance, ganz große Geopolitik zu gestalten. Schon kurz nach Beginn des Aufstands rief der Emir zum Sturz von Diktator Baschar al-Assad auf, wenig später forderte er eine Militärintervention in Syrien. Seither finanziert er die Aufständischen und rüstet sie auf. Der Großteil der Unterstützung geht an islamistische Rebellengruppen, die ein demokratisches Syrien und eine Gleichberechtigung der schiitischen und christlichen Minderheiten ablehnen. Ohne ihn wäre der Aufstieg des IS kaum möglich gewesen.

Doch während er finster am Netzwerk des Islamismus knüpft, sucht der Emir zugleich den Glanz der westlichen Vergnügungswelt. Er holt Großereignisse wie die Handball-WM 2015, die Rad-WM 2016 und die Fußball-WM 2022 an den Golf. Bis 2030, so sieht es der nationale Masterplan vor, soll Doha die Welthauptstadt des Sports werden. Der Emir selbst ist ein begeisterter Tennisspieler. Schon seit 2002 sitzt er im Internationalen Olympischen Komitee, damals war er gerade 22 Jahre alt.

DFB rückt von Emir ab

Auch an Kulturförderung mangelt es nicht, er lässt Museen erbauen, die den Pariser Louvre in den Schatten stellen sollen und zeigt sich gerne mit westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsgrößen. Allenthalben versucht der neunfache Vater, sich Reputation gezielt zu erkaufen.

Und so wirkt das Emirat, dessen Bürger über das höchste Pro-Kopf-Einkommen weltweit verfügen, wie ein Zwergriesenstaat voller Widersprüche. Wie schon sein Vater wurde der Emir an der britischen Militärakademie in Sandhurst ausgebildet. Während er einerseits den Islamismus in aller Welt vorantreibt, sucht er andererseits den Schulterschluss mit den USA. In Katar liegt die Al Udeid Air Base, der größte Luftwaffenstützpunkt der US-Amerikaner in der Region, dort sind 10.000 US-Soldaten stationiert und ist das Regionalkommando der US-Streitkräfte beheimatet. Kein Wunder, dass US-Außenminister Rex Tillerson die Golfstaaten aufruft, ihren Streit rasch wieder beizulegen.

Das allerdings dürfte schwer werden, denn Katars Reputation ist schwer angeschlagen. Selbst der in politischen Fragen wenig sensible DFB geht bereits auf Distanz und sein Präsident Reinhard Grindel erklärt: "Die Fußballgemeinschaft sollte sich weltweit darauf verständigen, dass große Turniere nicht in Ländern gespielt werden können, die aktiv den Terror unterstützen."

Ins Exil nach Griechenland?

Was aber macht nun die deutsche Politik, die den Emir bislang höflich empfangen und als potenten Partner gesehen hat? Wie reagieren die großen deutschen Konzerne, bei denen Katar Kunde, Lieferant oder gar Aktionär ist? Insbesondere für Volkswagen und die Deutsche Bank ist die neue Lage heikel. Bei beiden Unternehmen ist der nunmehr als Terrorpate ausgerufene Staat Großaktionär. Das schadet der Reputation beider Unternehmen.

Und so kursiert bereits die Hoffnung, dass es womöglich einen Regentenwechsel in Katar geben könnte, dass die Saudis den Emir womöglich ins Exil treiben werden. Der saudische Groß-Mufti und das saudische Religionsministerium veröffentlichten jedenfalls einen Brief, in dem sie der herrschenden Al-Thani-Dynastie Katars jede religiöse Legitimität absprechen. Das wirkt in Arabien wie ein offener Aufruf zum Sturz - ein unter den arabischen royalen Herrscherdynastien bislang einmaliger Vorgang.

Immerhin: In Griechenland hätte der Emir - obwohl der jüngste Staatschef in der arabischen Welt - für so einen Fall bereits vorgesorgt. Nach einer Sommerfrische mit seiner Jacht "Al Mirqab" - in Deutschland gebaut und mit 133 Metern Länge eine der längsten Motorjachten der Welt - in den blauen Gewässern vor Ithaka, der mythischen Heimat des Odysseus, fiel der Blick des Emir auf eine liebliche Inselgruppe. Für fünf Millionen Euro erwarb er dann das Eiland Oxeia, mit 4,2 Quadratkilometern immerhin fast halb so groß wie das italienische Capri.

Die Griechen allerdings machten dem Emir den Bau einer Ferienimmobilien für sich und seinen Clan denkbar schwer und wollten ihm die 1000 Quadratmeter große Küche und ein Bad auf 250 Quadratmetern nicht genehmigen. Erst als Katar sich für Griechenland insgesamt großzügig zeigte, kam das Inselprojekt voran. 750 Millionen Euro investierte die königliche "Qatar Holding" für die Entwicklung zweier Goldminen und weitere 500 Millionen Euro in zwei griechische Banken. Als schließlich noch eine Milliarde Euro in einen Investitionsfonds für kleine und mittlere griechische Unternehmen einbezahlt wurde, kam die Baugenehmigung zustande. Mit seinem unermesslichen Reichtum schien er bislang vieles kaufen zu können. Das ist nun vorbei.

Quelle: n-tv.de

Themenseiten Politik
Empfehlungen