Politik

Mordanschlag auf "Charlie Hebdo": "Es gärt in der muslimischen Welt"

Das Attentat mit zwölf Toten auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" stellt die Gesellschaft vor eine harte Bewährungsprobe. Es geht um nichts weniger als die Freiheit. Und darum, scharf zwischen Islam und Islamisten zu trennen. Die Presse ist sich einig: Jetzt sind auch die in Europa lebenden Muslime gefragt.

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"Eine knifflige Aufgabe ist in einer solchen Situation das eigentlich lagerübergreifend nötige Gegenhalten: Einerseits zur Eindämmung der islamistischen Bedrohung und andererseits das Bollwerk gegen verstärkten Nationalismus und den Abbau von Freiheitsrechten." Der gesellschaftliche Zusammenhalt stehe vor einer großen Herausforderung, meint die Eßlinger Zeitung, denn "die wahre Sprengwirkung des Attentats auf die Charlie-Hebdo-Satiriker wird sich wohl erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen."

Straubinger Tagblatt und Landshuter Zeitung appellieren daher: "Die Terroristen dürfen es nicht schaffen, die Gesellschaft zu spalten. Zusammenstehen. Das ist das Gebot der Stunde. Sich nicht verrückt machen lassen. Viele bekunden ihre Solidarität mit den französischen Nachbarn. Auch hierzulande gibt es Fanatiker und potenziell gefährliche 'Dschihad'-Heimkehrer. Das Thema Sicherheit jedoch sollte sachlich und nicht unter dem Eindruck der traumatischen Geschehnisse in Paris diskutiert werden."

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"Selbst Leute, die die Medien ignorieren, die ihnen ablehnend oder gar verachtend gegenüberstehen, fangen an zu grübeln. Sie ahnen oder erinnern sich, dass die Freiheit der Presse eine unverzichtbare Voraussetzung der Demokratie ist." Letztendlich aber gehe es generell um Freiheit, schreibt die Aachener Zeitung: "die Freiheit der Meinung - gerade auch die der Andersdenkenden -, die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft - so provokativ und anstößig sie auch immer sein mögen -, die Freiheit der Wahl - allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim -, die Freiheit des Glaubens - also auch des Nicht-Glaubens -, die Freiheit des individuellen Lebensentwurfs."

"Kann gottloser Terror den Anstoß liefern für eine islamische Reformation?" Die Lüneburger Landeszeitung sieht Anzeichen dafür: "Erst vor wenigen Wochen demonstrierten Muslime gegen die Barbarei des IS im Irak und Syrien. Jetzt soll in deutschen Moscheen bei den Freitagsgebeten das Massaker von Paris verurteilt und die Pressefreiheit zum verteidigenswerten Ideal erklärt werden. Es gärt in der muslimischen Welt." Jetzt müsse der Islam von "falschen Dogmen der Frömmelei und des Fanatismus" befreit werden. Derzeit erlebe die Welt nichts weniger, "als die Herausforderung durch Fanatiker, die ein weltweites Kalifat anstreben, den Bruderkampf zwischen Sunniten und Schiiten sowie das Ringen darum, ob der Islam sich in die Moderne einfügen lässt."

Die Schwäbische Zeitung aus Ravensburg beschreibt die Mordanschläge auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und die weltweit unzählbaren Selbstmordattentate als "Folge einer Koran-Interpretation, welche die große Mehrheit der Muslime als Perversion bewertet. Leider jedoch übt diese pervertierte Lesart auf Tausende überwiegend junger Muslime eine fatale Faszination aus." Deswegen seien jetzt die Muslime in den europäischen Staaten gefragt: "Falls es zutrifft, dass dieser Anschlag der Freiheit in einem umfassenden Sinne gegolten hat, dann resultiert daraus eine Bringschuld der in Europa lebenden Muslime. Sie müssen laut vernehmbar zu diesen Freiheitswerten stehen. Satire zählt dazu und ist hinzunehmen."

Das sieht das Badische Tagblatt ähnlich: "Trotz aller Appelle in diesen Tagen wird oft nicht ausreichend scharf getrennt zwischen dem Islam als einer Religion von 1,6 Milliarden Menschen auf der einen und der gewalttätigen Verblendung einiger Islamisten auf der anderen Seite. Diese Trennlinie ausreichend scharf zu ziehen, ist allerdings in erster Linie die Aufgabe der muslimischen Gemeinde." Die wachsende Islam-Ablehnung in Deutschland aber sei für den gesellschaftlichen Zusammenhalt keine gute Nachricht. "Ein gedeihliches Miteinander erwächst nicht aus Ressentiments. Sondern aus Offenheit. Diese lassen gerade jene vermissen, die sich jeden Montag zur Rettung des Abendlandes berufen fühlen, aber kaum je einem Muslim über den Weg gelaufen sind."

In Frankreich versuchen rechtsgerichtete Politiker wie Marine Le Pen, das Attentat zu instrumentalisieren. Die Frankfurter Rundschau meint dazu: "Diejenigen, die an die Angst der Franzosen appellieren, dürften sich auf alle Fälle leichter tun als der Differenzierungsvermögen einfordernde Präsident. Die Rechtspopulisten des Front National, die den Problemen des Landes mit Schuldzuweisungen an die Adresse der EU, der Immigranten und der Muslime zu begegnen pflegen, sehen ihre Stunde gekommen. Bleibt nur die Hoffnung, dass Frankreichs Demokraten dagegenhalten, dass sie ein wenig von der Kaltblütigkeit an den Tag legen, die ihren Gegnern zu eigen ist."

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Quelle: n-tv.de

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