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(Foto: picture alliance / dpa)

Russlands Abzug aus Syrien: "Putin manövriert sich in eine Schlüsselrolle"

Vor wenigen Tagen kündigt Putin überraschenderweise an, seine Truppen aus den Kriegsgebieten in Syrien abzuziehen. Die Aufgabe der Streitkräfte sei im Großen und Ganzen erfüllt, meint der russische Präsident. Doch dahinter könnte auch ein geschickter Schachzug stehen, meint die deutsche Presse.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kann die Gründe, die den russischen Präsidenten dazu bewogen haben, seinen militärischen Ausflug nach Syrien so schnell wieder herunterzufahren, in einem Satzu zusammenfassen: "Er hat bekommen, was er wollte - und das war viel weniger, als man im Westen dachte." Putin ginge es letztlich darum, einen Fuß in die syrische Tür zu bekommen. "Durchschreiten wollte er sie nicht", schreibt das Blatt,  "denn auf der anderen Seite liegt ein großes, blutiges Schlachtfeld, in dem schon andere auswärtige Mächte feststecken." Putin habe in Syrien eine Politik des minimalen Kräfteaufwands betrieben, womit er - das müsse man ihm lassen - einiges erreicht hat: Mitsprache bei der Konfliktlösung, einen zweiten Stützpunkt in der Region und schöne Bilder für die heimische Propaganda.

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Das Handelsblatt aus Düsseldorf ist ähnlicher Meinung: "Putins Teilabzug aus Syrien ist zwar einerseits zu begrüßen. Er ist der erste wichtige Schritt dafür, dass es bei den gerade wieder angelaufenen Verhandlungen von Opposition und Regime in Genf zu Fortschritten kommen kann." Denn solange der Diktator unter Putins Schutzschild Geländegewinne mache, sei eine politische Lösung kaum denkbar. Dank der russischen Bomben sitze Assad nun wieder fester im Sattel und wolle seine Position zusammen mit Moskau am Verhandlungstisch ausspielen. Doch: "Das ist aber immer noch besser als das bisher tägliche Morden."

Der Kommentator der Nürnberger Nachrichten sieht die Entscheidung Putins weitaus kritischer: "Putin hat recht, wenn er sagt, seine Mission in Syrien sei weitgehend erfüllt. Offiziell ließ er Bomben werfen, um der Terrororganisation "Isalmischer Staat" beizukommen." Inoffiziell habe indes jeder gewusst, dass es ihm nur um eines ging: Das Regime in Damaskus zu erhalten, welches dem Kreml den Fortbestand russischer Militärbasen am Mittelmeer garantiert. "Dieses Ziel hat er erreicht ..."

Die Westfälischen Nachrichten aus Münster stehen der Entwicklung positiver gegenüber: "So militärisch-brachial sich der Kreml auf die Seite von Machthaber Assad gestellt hat, so diplomatisch-elegant zieht Moskau nun den nächsten Trumpf aus dem Ärmel." Der Teilabzug der russischen Interventionsarmee aus Syrien könne den Weg ebnen für eine Verhandlungslösung. "Endlich", schreibt der Kommentator" "nach fünf Jahren blutigen Bürgerkriegs und einer Fluchtwelle, die Europas politisches Koordinatensystem erschüttert." Moskaus Kehrtwende sei ein geschickter Schachzug: Zu verlieren hätte Wladimir Putin nämlich nichts. Eher im Gegenteil, meint das Blatt. "Russland ist militärisch fester denn je in Syrien verankert - und behält die Kontrolle über die politische Entwicklung im Lande." International feile der Kremlchef gerade mächtig an seinem Ruf - vom Kriegsherrn zum Friedensfürsten.

Auch beim Kölner Stadt-Anzeiger sieht man Putins Handeln als Schachzug: "Am fünften Jahrestag des Bürgerkriegs sah Putin den Zeitpunkt gekommen, das Assad-Regime härter an die Kandare zu nehmen, weil sich der Bürgerkrieg anders nicht politisch beenden lässt. Damit manövrierte sich der Kremlchef im Nahen Osten in eine Schlüsselrolle hinein." Europa brauche Moskau, um die Völkerwanderung der syrischen Kriegsflüchtlinge zu stoppen. Jedoch umgekehrt "akzeptieren alle die russische Militärpräsenz in einem Post-Assad-Syrien, weil der Westen Putin im weiteren Kampf gegen den 'Islamischen Staat' an seiner Seite wünscht." Und so habe sich der fünfmonatige Luftkrieg über Syrien jedenfalls für den Kremlchef ausgezahlt. Sein Russland sei wieder gefragt auf der internationalen Bühne.

Zusammengestellt von Hanna Landmann

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Quelle: n-tv.de

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