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(Foto: picture alliance / dpa)

Armut in Deutschland: "Was läuft hier schief?"

Wie jedes Jahr sorgt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes für Zündstoff. Zwar scheint der Negativtrend der vergangenen Jahre gestoppt, doch die Armut stagniert auf hohem Niveau. Vor dem Hintergrund der alarmierenden Zahlen diskutiert die Presse über soziale Ungleichheit, Altersarmut und die Flüchtlingskrise.

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Das Badisches Tagblatt warnt angesichts des Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vor einer "Umverteilung von unten nach oben": "Der Armutsbericht bleibt Mahnung an die Politik. Sie muss das Problem der Altersarmut lösen. Und sie darf die Umverteilung von unten nach oben nicht weiter fördern. Was nicht zuletzt bedeutet, dass derjenige, der sein Einkommen aus Arbeit bezieht, nicht höher besteuert werden darf als jener, dessen Einkünfte aus Kapital oder einer Erbschaft resultieren."

Auch die Mittelbayerische Zeitung prangert die "soziale Kälte" im Land an: "Wirtschaftswachstum beschert schon seit Jahren weiten Teilen der deutschen Bevölkerung keinen zusätzlichen Wohlstand mehr. Diese Entwicklung birgt eine Menge sozialen Sprengstoff - viel mehr als etwa die Flüchtlingskrise. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern die Folge einer Politik der sozialen Kälte. Seit Jahrzehnten wird in Deutschland Reichtum von unten nach oben verteilt. Die Einkommen von Arbeitnehmern werden heute stärker, die Gewinne von Unternehmern und Aktionären geringer belastet als früher. (...) Es ist im Interesse aller, dass die Schere zwischen Arm und Reich wieder zugeht. Das ist keine Sozialromantik, sondern eine der großen Zukunftsfragen für Deutschland." 

"Die Altersarmut nimmt rasant zu", kommentiert der Mannheimer Morgen und zeichnet vor diesem Hintergrund ein düsteres Zukunftsbild: "Seit 2005 stieg die Quote der armen Rentner um 46 Prozent. Und das ist erst der Anfang. Denn all jene aus den geburtenstarken Jahrgängen, die heute im Niedriglohnbereich arbeiten, gebrochene Erwerbsbiografien haben oder längere Zeiten arbeitslos waren, werden, wenn sie in den nächsten zehn bis 15 Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden, Renten erhalten, die so niedrig sind, dass man davon nicht mehr leben kann. Was das für den Staat und die Sozialkassen bedeutet, kann man sich leicht ausmalen. Dann werden die Erzählungen von den derzeitigen milliardenschweren Überschüssen in den öffentlichen Haushalten wie Märchen aus 1001 Nacht klingen."

Für die Landeszeitung aus Lüneburg bergen die Zahlen vor allem in Kombination mit der Flüchtlingskrise "Zündstoff": "Im Westen nichts Neues: Der Ruhrpott bleibt das Armenhaus Deutschlands. In der Republik nichts Neues: Eine der reichsten Nationen der Welt leistet sich noch immer 15 Prozent Arme. Beim Trend kaum Neues: Erstmals sank das Risiko, zu verarmen - aber nur in homöopathischer Dosis. Dieser Armutsbericht ist ein Armutszeugnis für die Politik. Denn die Unfähigkeit, etwa im Ruhrgebiet die Verelendung jedes fünften Bürgers zu verhindern, ist aus zwei Gründen ein Alarmsignal: Erstens hat sich Armut von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. Brummt die Konjunktur, nützt es der Schicht der Abgehängten nicht. Zweitens ist bei diesem Armutsbericht die Zuwanderung von Flüchtlingen noch nicht berücksichtigt worden. Ohne Gegensteuern häuft sich am Sockel der Gesellschaft sozialer Zündstoff auf.

Die Nürnberger Nachrichten warnen hingegen davor, einen Verteilungskampf herbeizureden: "Nur eines darf jetzt nicht passieren: Die Armen, die es in Deutschland schon gibt, gegen die Armen auszuspielen, die gerade erst zu uns kommen. Geld, um Flüchtlinge und einheimische Bedürftige zu versorgen, ist in einem Jahr, in dem der Staat einen Rekordüberschuss eingefahren hat, genügend da."

Auch der Neuen Presse stößt der Gegensatz zwischen Armutsbericht und dem gerade gemeldeten Etatüberschuss bitter auf: "Es ist schon ein bisschen makaber, diese beiden Meldungen an einem Tag zu lesen: Während Deutschland den größten Etatüberschuss seit der Wiedervereinigung hat, ist die Armut im Land nur ein winziges Stück gesunken. Was läuft hier schief? Es ist ja auch nicht nur der Staat, der Rekorde schreibt. Auch die Wirtschaft zeigt sich über Jahre robust, fährt gute Gewinne ein. Umgekehrt wissen laut Paritätischem Wohlfahrtsverband 12,5 Millionen Menschen nicht, ob das Geld für die Miete reicht. Wie gefährlich es ist, die Abgehängten ihrer Trostlosigkeit zu überlassen, erlebte die Republik zuletzt wieder häufiger: Es ist oft genug die fehlende Perspektive, die Menschen ihre Menschlichkeit vergessen lassen. Dieses reiche Land kann sich solche Verhältnisse nicht leisten."

Zusammengestellt von Aljoscha Ilg

Quelle: n-tv.de

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