The Oscar goes to ..."Zeichen der Zeit erkannt"
Unser Christoph Waltz hat den Oscar bekommen. Aber die Absage an "altbekannte Plots auf fernen Planeten" und "ein Plädoyer gegen Profitgier" würdigt die Presse ebenso.
Die Film-Nacht des Jahres ist vorbei, die goldenen Jungs sind vergeben. In Deutschland wird natürlich hauptsächlich die Lobrede auf Christoph Waltz weiter gehalten. Aber die Absage an "altbekannte Plots auf fernen Planeten" und "ein Plädoyer gegen Profitgier" würdigt die Presse ebenso.
Für die Lübecker Nachrichten habe die diesjährige Oscar-Verleihung "die Zeichen der Zeit erkannt": "Wenn ein weltweiter und innovativer Kassenschlager wie Avatar bei der Oscar-Wahl durch eine Billigproduktion geschlagen wird, die äußerst kritisch mit dem amerikanischem Krieg im Irak umgeht, dann setzt diese Entscheidung Zeichen." Jetzt habe "Kino gegen den Mainstream" wieder eine Chance und auch "Filme, die vor der eigenen (amerikanischen) Haustür kehren und nicht auf fernen Planeten altbekannte Plots durchdeklinieren". Qualität spiele wieder eine große Rolle. Angesichts dessen sei es "umso bedauerlicher (…), dass ein schwarz-weißes Meisterwerk wie Michael Hanekes 'Das weiße Band' keine Chance unter den fremdsprachigen Filmen hatte. Ein Thriller aus Argentinien machte hier das Rennen. Vielleicht eine Konzession an das immer größer werdende spanischsprechende Kinopublikum in den USA?"
"Man hatte sich schon ein bisschen ans Gewinnen gewöhnt", meint die Kölnische Rundschau. Caroline Links gewann 2003 mit "Nirgendwo in Afrika" für Deutschland den Auslands-Oscar, 2007 dann Florian Henckel von Donnersmarck mit "Das Leben der Anderen", erinnert das Blatt. Dann sei die "Wir sind Oscar"-Serie gerissen. 2010 hätte das Comeback der Deutschen nur Formsache zu sein geschienen: "'Das weiße Band' war nach Siegen in Cannes und beim Europäischen Filmpreis haushoher Favorit. Was womöglich zum Nachteil ausschlug, denn die Academy lässt sich ungern durch allzu üppigen Vorschusslorbeer unter Druck setzen." Immerhin würden sich die Netzower in Brandenburg, wo der Film entstand, freuen, dass ihre Dorfkirche in einem kurzen Ausschnitt auf der ganzen Welt zu sehen war. "Dort geht das Leben weiter - fürs deutsche Kino übrigens auch. Der nächste Oscar kommt bestimmt."
Für die Volksstimme ist noch ein anderer Oscar wichtig, und zwar den für den besten Dokumentarfilm: "In einer japanischen Bucht werden Jahr für Jahr Tausende Delphine gefangen. Einige kommen in Delphinarien, der Rest wird auf brutalste Weise abgeschlachtet. Offiziell findet all dies gar nicht statt, japanische Behörden vertuschen das Blutbad. Gegen alle Widerstände schaffen es aber engagierte Umweltschützer, im Stile eines Geheimkommandos das qualvolle Sterben zu filmen. Allen voran der ehemalige Flipper-Trainer Ric O Barry." Angesichts dessen sei es mehr als ein Zeichen, dass "Die Bucht" einen Oscar erhalten hat. Es sei "ein Plädoyer gegen Profitgier und für mehr Menschlichkeit". Die Preisträger hätten die Popularität des Oscars genutzt, "um unvorstellbare Skrupellosigkeit öffentlich zu machen. Wenn das Meer blutdurchtränkt ist und sich erwachsene Männer Tränen aus den Augen wischen, sagt das mehr als tausend Argumente."
Das Coburger Tageblatt sinniert ganz und gar über den Oscar-Preisträger, der die Trophäe als bester Nebendarsteller bekommen hat. "Dass Christoph Waltz ein überragender Schauspieler ist, wissen die deutschsprachigen Europäer. Dass diese Erkenntnis jenseits des großen Teichs angekommen ist und die Juroren der Filmakademie seine brillante Darstellung des SS-Offiziers Hans Landa mit einem Oscar für den besten Nebendarsteller würdigen, öffnet dem sympathischen Österreicher die Türen in die weite, internationale Welt des Films."