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"Ratgeber Hightech" vom 02.02.2013 (Wdh. 04.02.): Quantified Self: Körperkult 2.0

Man kennt es unter den Schlagwörtern: Quantified Self, Life-Logging oder Self-Hacking: Menschen sammeln Daten über ihren eigen Körper und werten sie aus. Körperkult trifft auf Technik-Begeisterung. Aber wozu das Ganze?

Auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt geht Ralf Belusa regelmäßig joggen. Seine Gesundheit ist ihm wichtig, und so hält er sich bewusst auf Trab. Eine Lauf-App auf seinem Smartphone misst, wie gut er heute unterwegs war.

Ralf Belusa: "Dann seh‘ ich erst mal meine gelaufene Strecke, die ich momentan gelaufen bin, dann seh‘ ich meine Durchschnittsgeschwindigkeit, dann seh‘ ich auch noch meine Strecke, die ich gelaufen bin, wieviel Kilokalorien ich gelaufen bin und ja, kann das ganze natürlich in meinem Tagebuch mittracken."

Verschiedene Messungen

Eine entsprechende App kennen und nutzen viele. Aber Ralf Belusa misst noch mehr. Zu Hause angekommen, holt er erst einmal sein Blutdruckgerät heraus.

Ralf Belusa: "Also das ist ein Pulsmessgerät, in dem ich einfach meinen systolischen/ diastolischen Blutdruck messen kann plus meinen Puls mit dazu, um einfach selber zu erkennen, ob mein Puls sich gerade durchs Laufen gesteigert hat, wie ist mein Ruhepuls, wie ist mein Laufpuls. Damit ich den gleich nach dem Laufen hier messen kann."

Und dann überprüft er auch noch seine Blutsauerstoff-Werte. Auch das funktioniert mit einem kleinen medizinischen Messgerät.

Genaue Buchführung

Ralf Belusa ist Self-Tracker: Das heißt, er gehört zu den Leuten, die regelmäßig ihre eigenen Körperwerte vermessen. Er betreibt damit regelrechte Buchführung.

Ralf Belusa: "Also ich führe Tagebuch, das ist in unterschiedlicher Form, man kann das in Excel-Tabellen machen, oft kann man’s auch mit dem jeweiligen Applikationen machen, also auf dem iPad, auf dem IPhone, auf dem Android, oder auch direkt auf dem Rechner. Und kann die Sachen eben eintragen, auswerten und auch mit anderen dann wiederum teilen und vergleichen."

Weltweiter Trend

Ralf Belusa ist damit nicht allein. Florian Schumacher ist ebenfalls Self-Tracker und außerdem Mitbegründer des deutschen Netzwerks von "Quantified Self". In dieser Community – ursprünglich aus den USA stammend – können sich Self-Tracker über ihre Erfahrungen austauschen. Auch Entwickler entsprechender Softwareprogramme sind hier präsent. Dieser Austausch findet nicht nur über die eigene Webpage statt, sondern auch in so genannten Meet-Ups wie zuletzt in Berlin.

Florian Schumacher, Quantified Self: "Es gibt weltweit 100 Gruppen, wo die Menschen sich treffen, um sich auszutauschen. Da wird meistens darüber gesprochen, was die Leute aus ihren Daten gelernt haben, also es wird jetzt nicht der Austausch über die einzelnen Datenreihen findet keine statt, sondern wirklich über das Abstrakte. Über das Learning, was man daraus gemacht hat, und es ist auch ein Networking für Leute, die entweder gemeinsam Projekte umsetzen wollen, gemeinsame Tools oder Produkte entwickeln oder gemeinsam Sport machen wollen und da auch sich optimieren."

Auch Florian Schumacher misst regelmäßig zum Beispiel seine Arbeitszeiten oder seinen Energieumsatz per ausgefeiltem Schrittmesser. Er weiß, wer diese "Vermessung des Ichs" besonders verfolgt:

Florian Schumacher, Quantified Self: "Wir haben schon eine sehr hohe Männerquote, weil das, sag‘ ich mal ein sehr rationales Thema ist, und die Leute, die kommen aus unterschiedlichsten Gründen: Das sind Sportler, das sind Patienten, das sind auch Leute, die sich in der Karriere verbessern wollen, die produktiver sein wollen./ Es sind ganz viele technikbegeisterte Leute dabei, die einfach Sensorik oder Algorithmen spannend finden."

Es ist eine permanente Selbstbeobachtung - es geht um Motivation, um Wettkampf, um Leistungssteigerung - mithilfe von Statistik.

Tobias Neisecke, Arzt und außerdem Experte für Medizin und neue Medien, beobachtet diesen Trend schon eine ganze Weile: "Das ist auch vielleicht aus dem Umfeld, in dem wir leben, geprägt: Man ist umgeben von Benchmarks, von Scores, von Punktesystemen, wo man alles einordnet. Und genau das versuchen die Leute jetzt vielleicht auch auf ihren eigenen Körper umzumünzen."

Unterschiedliche Ziele

Die Nutzer verfolgen unterschiedliche Zielsetzungen. Bei Ralf Belusa mischen sich Lifestyle- mit Gesundheitsaspekten:

Ralf Belusa, Self Tracker: "Jeder möchte natürlich irgendwo länger leben und sich auch ein bisschen dahingehend optimieren, und vieles spiegelt sich wieder in gesunder Ernährung und man muss Sport machen. Aber da muss man, denke ich, auch das richtige Maß finden, und um das richtige Maß finden zu können, muss man sich halt auch messen."

Und so nutzt Ralf Belusa selbst beim Essen die entsprechenden Apps: "Wichtige Daten für mich sind fängt mit dem Gewicht natürlich an, auch wie ich mich ernähre oder was ich esse, nicht nur Kilokalorien zählen, oder was es ist, war es ein Apfel, war es ein Joghurt, was ist in dem Joghurt drin, das kann man über Apps immer ganz gut gleich mitessen, somit weiß ich auch, welche Nährstoffe, welche Mineralstoffe ich einfach aufgenommen hab‘."

Viele Self-Tracker sind – anders als Ralf Belusa - Patienten mit Krankheitsgeschichten. Sie versuchen, mithilfe der Daten ein besseres Verständnis ihres Körpers zu gewinnen.

Tipps vom Arzt holen

Arzt Tobias Neisecke aber warnt davor, als Laie ausschließlich Hilfe in den entsprechenden Plattformen zu suchen: " Das sieht man oft, wenn man als Fachmann sich diese Foren anschaut, dass die Rückschlüsse, die gezogen werden aus den eigenen Messergerbnissen, oft haarsträubend sind, das es da es da in der Tat so ist, dass man sich wünschen würde, die Leute würden auch einfach mal, wenn sie schon so messen, das irgendwie mit einem Arzt besprechen, der ihnen dann vielleicht auch Tipps geben könnte, wie sie diese Werte nutzen können oder wie oft sie sich messen sollen, oder was sinnvoll ist und was nicht sinnvoll ist. Hm?"

Überdies sollte jeder, der seine Messergerbnisse ins Internet eingibt, wissen, wer dann Zugriff darauf hat.

Eigene Daten schützen

Tobias Neisecke, Arzt: "Viele Leute sagen immer, das könnte interessant sein für die Pharmaindustrie usw. das ist die böse Pharma-Industrie, aber das glaube ich gar nicht so sehr, weil die Pharmaindustrie eher Werte braucht, die authentifiziert sind, aber die sind einfach nur darein gestellt. Wo ich viel mehr ein Problem sehe ist meist, dass man einfach Health-Spam bekommt, dass einfach Anbieter von Pillen-Online-Apotheken das screenen und sagen, ach hier, der scheint so ein bisschen psychische Probleme zu haben, dem werde ich mal mit ein bisschen mit Antidepressiva-Werbung bombardieren."

Das regelmäßige messen, kalibrieren, justieren, vergleichen und teilen der eigenen Körperdaten hat Ralf Belusa jedenfalls bisher noch nicht den Schlaf geraubt. Jedenfalls bekommt man diesen Eindruck, wenn man sich die entsprechende Messwerte anschaut: Denn seine App zeigt einen ausgeglichenen Schlafzyklus.

Quelle: n-tv.de