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Das muss man gesehen haben: Bus mit Touristen an der Friedrichstraße am ehemaligen Checkpoint Charlie.
Das muss man gesehen haben: Bus mit Touristen an der Friedrichstraße am ehemaligen Checkpoint Charlie.(Foto: dpa)

Rummel an Kontrollbarackennachbau: Checkpoint Charlie ist Symbol

Historische Bedeutung, Kommerz und Kitsch - am Checkpoint Charlie in Berlin treffen sie sich. Dieser Ort, der von fast allen Touristen besucht wird, ist ein Rummelplatz und doch schwer mit Geschichte beladen.

Er trägt die Uniform eines US-amerikanischen GIs und spricht waschechtes American English. Der 23-jährige Deutsch-Amerikaner Alac Sanders verkauft historische Stempelabdrücke am Checkpoint Charlie in Berlin und symbolisiert das, woran sich die Touristen heute mit Schaudern erinnern: den Kalten Krieg. Dabei ist er Jazzmusiker und Student, die Rolle des GIs ist nur ein Job. "Wenn ein Tourist glaubt, ich sei echt, kläre ich ihn auf", sagt er.

Alltägliche Inszenierung: Am Checkpoint Charlie posieren lebende Fotomotive mit US-amerikanischer Flagge.
Alltägliche Inszenierung: Am Checkpoint Charlie posieren lebende Fotomotive mit US-amerikanischer Flagge.(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Gerade kommt ein Kunde und bestellt 16 Stempel für zehn Euro. Er bekommt unter anderem den des britischen, US-amerikanischen und französischen Sektors und verschiedene DDR-Stempel auf einen Zettel gedrückt. Der Tourist stammt aus Brasilien und reist drei Monate lang durch Europa. "Checkpoint Charlie - das ist für mich der Übergang zur Freiheit", sagt er. Neben ihm zieht eine Touristin für zwei Euro eine Checkpoint-Charlie-Münze aus einem Automaten. Hinter der nachgebauten Alliiertenkontrollbaracke stürmt eine Schulklasse ein Schnellrestaurant.

Brenzlige Stimmung

Historische Bedeutung, Kommerz und Kitsch - am Checkpoint Charlie treffen sie sich wie nirgends sonst in Berlin. Dieser Ort, der von fast allen Touristen besucht wird, ist ein Rummelplatz und doch bleischwer mit Geschichte beladen. Am Donnerstag vor 50 Jahren, am 27. Oktober 1961, standen sich hier sowjetische und US-amerikanische Panzer 16 Stunden lang gegenüber - und nur wenig fehlte, einen neuen Weltkrieg auszulösen.

Ende Oktober 1961: sowjetische (hinten) und US-amerikanische Panzer (vorn) an der Berliner Sektorengrenze in der Friedrichstraße, am sogenannten Checkpoint Charlie.
Ende Oktober 1961: sowjetische (hinten) und US-amerikanische Panzer (vorn) an der Berliner Sektorengrenze in der Friedrichstraße, am sogenannten Checkpoint Charlie.(Foto: dpa)

"Der amerikanische Diplomat Allan Lightner wollte an diesem Abend in die Oper gehen", berichtet Alexandra Hildebrandt, Leiterin des Museums am Checkpoint Charlie. "Er kam in einem privaten Volkswagen mit amerikanischem Kennzeichen." Als er den Übergang überquerte, wollten DDR-Polizisten plötzlich seinen Pass kontrollieren. Ein Affront, denn die westlichen Alliierten hatten die DDR nicht anerkannt und damit auch nicht deren Sicherheitskräfte.

Das Muskelspiel der Weltmächte begann. Die Sowjets zogen Panzer in Berlins Mitte zusammen, die US-Amerikaner ebenso. Schließlich fuhren von beiden Seiten des Checkpoints Charlie je 30 Panzer auf und standen sich bedrohlich gegenüber. Ein Telefonat zwischen dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow und US-Präsident John F. Kennedy habe die Konfrontation beendet, sagt Hildebrandt. Die US-Amerikaner drehten ab.

Charles C. Clay (l) und Sergej Chruschtschow  hinter Sandsäcken am Checkpoint Charlie vor der Alliierten Kontrollbaracke bei der Enthüllung einer Gedenktafel.
Charles C. Clay (l) und Sergej Chruschtschow hinter Sandsäcken am Checkpoint Charlie vor der Alliierten Kontrollbaracke bei der Enthüllung einer Gedenktafel.(Foto: dpa)

Um an diesen Moment zu erinnern, weihte Hildebrandt heute Nachbau der Alliiertenkontrollbaracke eine Gedenktafel ein. Der Sohn von Chruschtschow, Sergej Chruschtschow, und ein Enkel des US-amerikanischen Generals Lucius D. Clay, Charles Clay, waren anwesend. Lucius D. Clay war von 1947 bis 1949 Militärgouverneur der US-amerikanischen Besatzungszone in Deutschland und 1961, zur Zeit der Panzerkonfrontation, Berater von Präsident Kennedy in Berlin. "Es ist symbolträchtig, dass beide kommen", sagt Hildebrandt. Ihr Anliegen ist es, dass die Erinnerung an die Geschichte wachgehalten wird.

"Zentrum Kalter Krieg" geplant

Das ist auch der Wunsch des Berliner Senats, der aber dennoch an der Veranstaltung voraussichtlich nicht teilnehmen wird. Aus Termingründen werden weder Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) noch sein Gedenkstättenreferent Rainer Klemke die Veranstaltung besuchen. Das Land plant seit Jahren ein "Zentrum Kalter Krieg" am Checkpoint. Dort soll nicht nur die Panzerkonfrontation erklärt werden, sondern auch auf die Folgen des Kalten Kriegs für die Entwicklung der Welt aufmerksam gemacht werden.

"In Berlin war der einzige Ort, wo sich die Panzer der USA und der Sowjetunion direkt gegenüberstanden", sagt Klemke. Ansonsten trugen die beiden Supermächte ihren Kampf in Stellvertreterkonflikten aus. 2015 soll das Zentrum stehen, so Klemke. Bis dahin erklärt eine Ausstellung auf einer Stellwand an der Friedrichstraße den Ort. Eine Infobox soll bis Ende des Jahres hinzukommen. Den Trubel rund um den Checkpoint Charlie sieht Klemke "mit einem lachenden und einem weinenden Auge". "Es ist gut, dass es so viel Interesse gibt", sagt er diplomatisch.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de