Reise

Statt Ostalgie-Kitsch: DDR-Museen wollen Alltag zeigen

20 Jahre Deutsche Einheit - und das Interesse der Menschen am Leben in der DDR reißt nicht ab. Im Osten zeigen Museen, wie der Alltag in der DDR war. Besucher aus dem Westen sehen dort auch Bekanntes.

Ein mit nur in der DDR erhältlichen Gegenständen und Waren eingerichteter Konsum ...
Ein mit nur in der DDR erhältlichen Gegenständen und Waren eingerichteter Konsum ...(Foto: dpa)

Erich Honeckers Foto hing in fast jeder Dorfkneipe. In der Tanzbar der obersten Preisklasse "S" hingegen, wo Touristen aus dem "kapitalistischen Ausland" beim Drink auf roten Hockern der Bedienung im Glitzerkleid in den Ausschnitt guckten, fehlte das Porträt des Staatsratsvorsitzenden der DDR. Im Laden mit den "Waren des täglichen Bedarfs" bückte sich die Verkäuferin in der bunten Kittelschürze und packte Rotkäppchen-Sekt oder Spargelköpfe im Glas in einen bunten Einkaufsbeutel aus Dederon.

Tausende Sammlerstücke

"Die Kundin, die die im gesamten DDR-Alltag überaus wichtigen 'Beziehungen' hatte, bezahlte dann ohne zu fragen und ohne zu wissen, mit welcher 'Bückware' die Verkäuferin im Konsum sie beglückt hatte, sofern der Laden nicht mal wieder wegen Warenannahme geschlossen hatte", erzählt Andreas Klose beim Rundgang im "Haus der Geschichte" in Wittenberg (Sachsen-Anhalt). Dies und vieles mehr über das tägliche Leben der Ostdeutschen vor dem Fall der Mauer, aber auch aller Deutschen ab dem Jahr 1920, erfährt der Besucher. Jährlich rund 20.000 Menschen aus Ost und West und dem Ausland, darunter den USA und Japan, kommen hierher.

... und ein eingerichtetes Wohnzimmer eines DDR-Haushaltes im Haus der Geschichte in Lutherstadt Wittenberg.
... und ein eingerichtetes Wohnzimmer eines DDR-Haushaltes im Haus der Geschichte in Lutherstadt Wittenberg.(Foto: dpa)

Sie finden auf drei Etagen 18 originalgetreu mit Tausenden Sammlerstücken ausgestattete Räume. Dazu zählen komplette Wohnungen wie auch die enge Behausung von Kriegsflüchtlingen. Gezeigt wird der Alltag von Menschen in den 1920er bis 1980er Jahren. Besucher sehen Spielzeug, schon kultige Hähnchen-Plaste-Eierbecher und das Mini-Einkaufsnetz aus der DDR wieder. "Sammeln, bewahren, ausstellen, archivieren und dabei wissenschaftlich vorgehen, von Anfang an - darum geht es uns", sagt die Leiterin des Hauses, Christel Panzig.

Differenziertes Alltagsbild

"Wir möchten ein differenziertes Bild, das den Alltag so zeigt wie er war und das die politische Seite einschließt", sagt sie. "Wir sind aber kein DDR-Museum, sondern wir zeigen die Lebenswelten von Menschen des 20. Jahrhunderts." Einen ähnlichen Anspruch haben auch andere Orte. So zog es in ein Museum in einem ehemaligen Kino in Malchow in Mecklenburg-Vorpommern seit 1999 mehr als 230.000 Menschen, um den Alltag der Ostdeutschen vor 1989 zu verstehen.

Nachgestalteten Ambiente eines DDR-Büros in der Ausstellung "Olle DDR" in Apolda - neben einer Karte des Bezirks Erfurt ziert ein Porträt des Staatsratsvorsitzenden Honecker die Wand.
Nachgestalteten Ambiente eines DDR-Büros in der Ausstellung "Olle DDR" in Apolda - neben einer Karte des Bezirks Erfurt ziert ein Porträt des Staatsratsvorsitzenden Honecker die Wand.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Unter dem Motto "Olle DDR" zeigt ein Verein in Apolda in Thüringen 16 Räume. Dazu gehören auch eine nachgestellte Zahnarztpraxis, ein Klassenzimmer und das Büro eines Parteisekretärs. Im sächsischen Torgau hat der 65-jährige Manfred Gotthardt in seinem Privathaus auf knapp 200 Quadratmetern viele Gegenstände aus der DDR zusammengetragen. Von Ostalgie aber keine Spur. "Mit geht es um die Darstellung der Geschehnisse. Urteilen soll dann jeder selbst", sagt er und betont: "Hier marschiert keiner mit der roten Fahne durch den Hof."

In Wittenberg öffnet unterdessen die Chefin des Hauses abseits der Ausstellungsräume die "Schatzkammer", das lebensgeschichtliche Archiv. In Aktenschränken sind unzählige Tonband- und Wortprotokolle von Menschen unterschiedlicher Herkunft, vom Hausmädchen der 1920er Jahre bis zum Chemiefacharbeiter und der Theologin in der DDR nach wissenschaftlichen Kriterien aufgenommen und geordnet worden. Dazu kommen fast 50.000 digitalisierte Fotos aus dem Alltag.

Papyrusweiße Karosse,  gletscherblaues Dach: Trabant im privaten "DDR-Museum der Alltagskultur" in Berlin.
Papyrusweiße Karosse, gletscherblaues Dach: Trabant im privaten "DDR-Museum der Alltagskultur" in Berlin.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das bei Touristen bekannteste DDR-Museum ist hingegen in Berlin. 2009 besuchten es fast 400.000 Menschen. "Alles wartet darauf, angefasst und erlebt zu werden", heißt es in dem Haus, das zum Stöbern in Schubladen einlädt. Die Ausstellung soll künftig auf 1000 Quadratmeter vergrößert und mit neuen Angeboten wie einer virtuellen Rundfahrt mit dem DDR-Kleinwagen Trabant ergänzt werden.

In Wittenberg würden Besucher aus Ost und West immer wieder auch Gemeinsamkeiten im Alltag erkennen, nach einem Rundgang durch die Räume verständnisvoller reagieren, sagt Panzig. Ihr Mitarbeiter Klose zeigt schmunzelnd auf das nachgebaute Bad. "Die Farbe der 70er Jahre war orange, da waren wir Deutschen uns eins. Orange war ein weltweiter Trend, vermutlich wegen der Flower-Power-Bewegung aus Amerika". Klose ergänzt: "Ansonsten wurde das, was im Westen modern war, in der DDR zehn Jahre später nachgebaut."

Quelle: n-tv.de