Reise
Sonnenuntergang über Russell: Einfach mal die Seele baumeln lassen.
Sonnenuntergang über Russell: Einfach mal die Seele baumeln lassen.

Russell in der Bay of Islands: Das schönste Höllenloch Neuseelands

Von Julian Vetten, Russell

Wenn Hunderte Matrosen nach einem Jahr auf See das erste Mal wieder Land sehen, wollen sie vor allem zweierlei: Sex und saufen. Russell erfüllte in den 1800ern diesen Traum - und ist heute ein Paradies ganz anderen Schlags.

172 Tage lang hatte die Crew der "Catherine" kein Land mehr gesehen, als am Horizont endlich Kororāreka auftauchte. Ein halbes Jahr ohne ein anständiges Besäufnis, ohne einen ordentlichen Kneipenkampf, und, am allerschlimmsten, ohne ein williges Hafenluder auf dem Schoß: Die Besatzung der "Catherine" konnte es kaum erwarten, endlich ihr gelobtes Festland zu erreichen. 14 Tage später notierte der Kapitän des britischen Walfängers lakonisch in seinem Logbuch: "Haben Kororāreka angelaufen, um Nachschub zu fassen. Kleinere Zwischenfälle (zwei Messerstechereien, drei Mann ausgeraubt, div. Prügeleien), aber nur vier Leichtverletzte. Alles in allem sehr ruhiger Landgang."

Am malerischen Strand warten Dutzende Segler auf Passagiere.
Am malerischen Strand warten Dutzende Segler auf Passagiere.(Foto: Julian Vetten)

Heather Stone muss schmunzeln, als sie den alten Logbucheintrag vorliest, der im Archiv des Museums von Russell lagert. Russell, wie Kororāreka (Māori für "So süß schmeckt der Pinguin") seit 1840 heißt, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts der größte Walfängerhafen der südlichen Hemisphäre und wurde von weniger rauen Besuchern als "das größte Höllenloch des Pazifiks" bezeichnet. "Regelmäßig lagen hier ein Dutzend oder mehr Schiffe gleichzeitig vor Anker", erzählt die Museumsmitarbeiterin. "Das heißt, Hunderte Seemänner, die allesamt nur zwei Dinge im Kopf hatten: Sex und Saufen."

Das einzige Höllenloch, das es heute noch in Russell gibt, ist eine gleichnamige Kneipe.
Das einzige Höllenloch, das es heute noch in Russell gibt, ist eine gleichnamige Kneipe.(Foto: Julian Vetten)

Die serviceorientierten Bewohner von Russell erhörten die Wünsche ihrer Gäste: 36 Schnapsläden brachten ihr selbst gebranntes Teufelszeug an den Matrosen, während die ausgehungerten Walfänger zwischen 24 Hurenhäusern wählen konnten. Mit den Māori, die schon lange in der Bay of Islands siedelten, kamen die weißen Raubeine erstaunlich gut zurecht, während die Missionare, die im restlichen Neuseeland relativ erfolgreich unterwegs waren, hier nie wirklich Fuß fassen konnten und resigniert wieder abziehen mussten: "Es ist das wiederauferstandene Gomorrah, die Plage des Pazifiks, die vom Zorn des Herrn für ihre Verderbtheit vom Erdboden getilgt werden sollte", schrieb einer der fassungslosen Geistlichen.

Malerische Wanderwege, ein Hotel mit Geschichte und 800 Huren

Selten in Neuseeland: eine Strandpromenade mit Flair.
Selten in Neuseeland: eine Strandpromenade mit Flair.(Foto: Julian Vetten)

Die Walfänger von damals hätten im Russell von heute wahrscheinlich nicht nur deshalb wenig Spaß, weil Neuseeland die Jagd auf die intelligenten Meeressäuger aufs Schärfste verurteilt - sondern auch, weil die Stadt kaum wiederzuerkennen sein dürfte: Statt Schnapsbuden säumen heute urige Kneipen und stilvoll eingerichtete Bars die Strandpromenade, die Bordelle sind einladenden Restaurants gewichen. Vieles, wenn nicht gar alles, hat sich geändert, nur eines ist gleich geblieben: Russell ist, wie schon vor 200 Jahren, ein Quell des Vergnügens für seine Besucher.

Die Klientel hat sich freilich geändert: Statt raubeiniger Kneipenschläger zieht Russell heute vor allem Naturliebhaber, Wassersportbegeisterte und Genießer an, die aus einem Füllhorn an Aktivitäten wählen können: malerische Wanderwege umspannen den 1000-Seelen-Ort, am Hafen starten kleine Segeljachten auf wunderschöne Touren durch die namensgebende Bay of Islands - und wer einfach nur mal ausspannen möchte, findet dafür kaum einen besseren Ort als die Terrasse des Duke of Marlborough.

Nach einer ziemlich bewegten Geschichte ist das älteste Hotel Neuseelands mittlerweile die Institution am Platz - und das zu Recht: In kolonialem Stil erbaut verbreitet das Duke seinen ganz eigenen Charme und entführt seine Besucher in eine andere Welt. Während man beim international gehaltenen Menü für den einmaligen Ausblick gefühlt gleich mitbezahlt, lohnt sich eine Übernachtung in dem Hotel: Für knapp 100 Euro schläft es sich himmlisch, der Sonnenaufgang beim Frühstück ist inklusive.

Wer dagegen gerne ein bisschen mehr ausgeben möchte, findet ein paar Kilometer nördlich Neuseelands teuerstes Feriendomizil: Eine Nacht im Eagles Nest bekommt man für entspannte 12.000 Neuseeland-Dollar, umgerechnet rund 7250 Euro. Ob der zusätzliche Luxus das wert ist, muss jeder selbst für sich entscheiden, die Walfänger von damals hätten aber wahrscheinlich dankend abgelehnt, wenn ihnen Museumsmitarbeiterin Heather Stone den Kurs vorgerechnet hätte: "Abzüglich inflationsbedingter Umstände und der Umrechnung in Pfund hätte man für eine Nacht im Nest rund 800 Nächte bei einer Russeller Hure liegen können - oder eine Nacht bei 800…"

Quelle: n-tv.de

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