Reise

Doppelkorn am Wüstenrand: Deutsche in Namibia

Namibia ist für viele Überraschungen und Abenteuer gut. Etliches trägt deutsche Handschrift. Das Land im Süden des Schwarzen Kontinents ist ein lohnenswertes Ziel für touristische Afrika-Neulinge und mögliche Auswanderer.

Auf der Gästefarm "Elisenheim" spazierte früher eine Kudu-Antilope in die Bar. Ein Springböckchen spielt mit Hunden und Kindern auf der "Ababis"-Farm. Doppelkorn, Bier und Buletten schmecken in der "Bacchus Taverne" nahe Wüstendüne und Atlantikküste. Auf einsamer Savannen- und Wüstenpiste gilt Tempolimit 100. Und glänzende Schneegipfel entpuppen sich als Salzberge.

Namibia ist für viele Überraschungen und Abenteuer gut. Etliches trägt deutsche Handschrift. Viele Medienbeiträge haben das Namibia-Interesse angekurbelt. Das Land im Süden des Schwarzen Kontinents ist - ohne Stress und Massensafari - lohnenswertes Ziel für touristische Afrika-Neulinge und mögliche Auswanderer. Und von denen quartieren sich etliche ganz gern zunächst mal bei Landsleuten ein.

Paviane auf der Piste

Schulze Neuhoff (vorn l.) hilft als Fahrer mit seinem Unimog aus, um einige der Kinder zur Schule in Nabasib zu fahren.
Schulze Neuhoff (vorn l.) hilft als Fahrer mit seinem Unimog aus, um einige der Kinder zur Schule in Nabasib zu fahren.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Lastwagen mit lärmenden Schulkindern auf der Ladefläche lässt eine Staubwolke hinter sich. Eine Gruppe Paviane hüpft blitzschnell über die breite Sandpiste. Uwe Schulze Neuhoff muss nicht bremsen. Der Ingenieur aus Nordrhein-Westfalen, der heute in Namibia zwischen Wüste und Naukluft-Massiv eine Farm so groß wie die Fläche von München hat, sagt: "Die Affen sind flink und intelligent. Dene passiert nichts."

Warzenschwein, Oryx, Kudu und andere Antilopen rennen eher mal ins Auto. Touristen sollten sehr vorsichtig fahren, vor allen Dingen nachts. Der Deutsche ist ein besonders versierterer Pisten- und Wüstenlenker. Deshalb gehören zu seinen Fahrschülern auch Mitarbeiter der Deutschen Botschaft im vier Autostunden entfernten Windhuk. Geübt wird auf schwierigen Strecken der riesigen Ranch.

Ein Lehrer mit seinen Schülern im Hof der Schule in Nabasib, 60 Kilometer von Ababis.
Ein Lehrer mit seinen Schülern im Hof der Schule in Nabasib, 60 Kilometer von Ababis.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auf der Veranda der "Ababis"-Farm wird Abendessen serviert. Über ein Dutzend Urlauber aus Deutschland, der Schweiz und Südafrika sitzen an dem langen Tisch. Gastgeber Uwe und Ehefrau Kathrin, die aus dem Raum Dortmund stammen, gesellen sich dazu. Köchin Hulda vom sprachbegabten Volk der Nama hat Kürbissuppe, Königsberger Klopse vom Kudu und Feigen zubereitet. Sie spricht gut deutsch. "Das habe ich gern gelernt, einfach so, war nicht schwer", sagt sie und lächelt.

Neue Heimat gefunden

Draußen spielen weiße, braune und schwarze Kinder. Nun drängeln sie. Alle wollen  dem Springböckchen "Susi" den Nuckel mit der Milchflasche ins Maul schieben. "Immer langsam", sagt die Ehefrau des Farmers. Dann erzählt sie von dem possierlichen Tier, das sich auch mit den beiden stämmigen Haushunden angefreundet hat. "Wir fanden "Susi" kraftlos an einem unserer Zäune." Die kleine Antilope wurde ohne leibliche Mutter groß, ist inzwischen ausgewachsen und guter Dinge.

Die Kinder auf der Farm von Uwe und Kathrin Schulze Neuhoff in Namibia wollen das Springböckchen Susi mit der Flasche füttern.
Die Kinder auf der Farm von Uwe und Kathrin Schulze Neuhoff in Namibia wollen das Springböckchen Susi mit der Flasche füttern.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Viele Deutsche haben in den letzten Jahren in Namibia eine neue Heimat gefunden. Sie folgten ihren Landsleuten, die sich vor 100 und mehr Jahren zu Kaisers Zeiten in der Region niederließen, als diese noch Kolonie war und Deutsch-Südwestafrika hieß. Danach stand die Region unter der Verwaltung des Nachbarn Südafrika, bevor Namibia 1990 unabhängig wurde.

Urlaub auf einer Touristenranch oder Jagdfarm im Lande wird immer beliebter. Die Mischung aus Entspannung, Einsamkeit ohne Entbehrung sowie Abenteuer abseits großer Nationalparks und Luxus-Camps hat ihre besonderen Reize. Fast jeder Viehfarmer in Namibia hat inzwischen den Fremdenverkehr als zweites Standbein entdeckt. Viele Gäste faulenzen zwischen Palmen und blühendem Hibiskus am Swimmingpool. Ausritte, Wanderungen zu Höhlen, Tierpirsch, Kontakte mit Einheimischen sowie Wüstenfahrten gehören zu den Aktivitäten.

Stabil und relativ sicher

"Namibia ist ideal für Afrika-Einsteiger", erzählt Ernst Sauber, ein Nachbar der Schulze Neuhoffs. "Das Land ist stabil und relativ sicher. Straßen, Hotels und Lodges sind für afrikanische Verhältnisse gut, Landschaften und Tierwelt vielfältig und attraktiv." Der Chef der 40 Kilometer entfernten Nachbarfarm "BüllsPort" lebt hier in dritter Generation. Sein Großvater stammt aus Schleswig-Holstein. "BüllsPort" ist eine der ältesten Farmen in Namibia und besonders bei Wanderern und Reitern beliebt.

Namibia hatte in den letzten Jahren einen kräftigen Touristenzuwachs. Aber es gibt noch reichlich Platz. Das Land ist mehr als zweimal so groß wie Deutschland, hat aber nur gut zwei Millionen Einwohner.

Sauber ist Hauptinitiator einer kleinen Farmergruppe am Naukluft, die nachhaltigen Tourismus fördert und Einheimische ausbildet, zum Beispiel als Berg- und Naturführer. "Naukluft Experience" heißt die sozial und ökologisch orientierte Initiative, in der auch Familie Schulze Neuhoff engagiert ist. Auf Nabasib, wo die Kinder zur Schule gehen, ist vor wenigen Wochen eine Solaranlage installiert worden. Schüler der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg haben dafür Geld gesammelt. Durch die Solaranlage kann die Schule nun auch gespendeten Computer und Kopiergerät benutzen.

Glänzende Wüstendünen

Gut zwei Autostunden sind es von Ababis bis zur nächsten Asphaltstraße, insgesamt drei nach Swakopmund am Atlantik. Mancher Farmer donnert mit Tempo 130 auf geraden Abschnitten über die breite Sandpiste. Wer langsam fährt, kann besser Oryx, Kudu, Schakal und Großtrappe beobachten. Am Berghang sind ein paar gestreifte Flecken zu sehen: Bergzebras, wie der Blick durchs Fernglas zeigt. Trotz eher karger Landschaft ist die Fauna recht üppig im zentralen Namibia - weit entfernt vom Estosha Park im Norden, der zu den tierreichsten Afrikas zählt. Weit und breit kein anderes Fahrzeug im Sand, aber ein einsames Straßenschild mahnt: Höchstgeschwindigkeit 100!

"Sandboarder" in den Wüstendünen bei Walvis Bay.
"Sandboarder" in den Wüstendünen bei Walvis Bay.(Foto: picture-alliance/ dpa)

In der Sonne glänzende Wüstendünen tauchen einige Kilometer vor der Küste auf. Ein dunkler und ein heller Punkt am goldgelben Hang entpuppen sich als zwei Sandsurfer, ein schwarzer und ein weißer Mann.

Natur und Menschenhand haben unweit des Küstenortes Walvis Bay Großartiges geschaffen: Hunderte Flamingos wühlen mit dem Schnabel im Schlick und stolzieren graziös durch die riesigen Lachen am Atlantikrand. Am Horizont flimmern schneeweiße Berge. Es ist keine Fata Morgana. Hier wird das gewonnene Salz für die Verschiffung gelagert.

Wer für ein paar Tage Zeugnisse deutsch-afrikanischer Geschichte erleben will und echt deutsche Gemütlichkeit, der ist im nahen Swakopmund gut aufgehoben. Die Stadt hat heute etwa 40.000 Einwohner und war früher wichtiger Hafen für Einwanderer aus Deutschland und die Kolonialverwaltung. Die See ist rau, der Wind peitscht Wellen und Gischt. Saubere Straßen und schmucke Häuser, viele im Kolonialstil, prägen den Stadtkern. Die Wüste beginnt am Stadtrand.

Sächsische Fleischersfrau

Metzgermeisterin Katja Düvel (l) und Verkäuferin Vallery Uises in der "Swakopmunder Fleischerei".
Metzgermeisterin Katja Düvel (l) und Verkäuferin Vallery Uises in der "Swakopmunder Fleischerei".(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bratwurst, Geräuchertes und Sauerkraut munden Einheimischen und Touristen in der "Swakopmunder Fleischerei" des deutsch-namibischen Paares Katja und Gero Düvel. Die beiden Metzgermeister sprechen mit ihren Kunden Afrikaans, Englisch und Deutsch. Sie stammt aus Meerane in Sachsen und hat ihren Gero in Bayern kennengelernt. Der hat deutsche Wurzeln, ist auf der elterlichen Farm bei Windhuk aufgewachsen und hat auch schon in Düsseldorf gearbeitet. Der Laden liegt in guter Nachbarschaft im historischen Zentrum der Stadt. In der Nähe sind "Adler Apotheke", "Supermarket Ankerplatz" und Haus "Stadtmitte" in schmuck renovierten Gebäuden sowie die Praxis des deutschen Arztes Rüdiger Moisel.

Im nahen "Swakopmund Brauhaus" munden Fassbier und Kräuterlikör. Die Kudu- und Rindersteaks sind saftig und groß. In der "Bacchus - Taverne" diskutieren Wirt Thomas Welte aus Villingen und Dr. Moisel aus Zittau, Arzt und engagiertes Mitglied im Swakopmunder Männergesangverein, warum es in Deutschland so stressig und hektisch ist. Beide sind recht stolz auf ihre neue Heimat. Namibia mit gemäßigtem Klima und frei von Naturkatastrophen gehört zu den politisch stabilsten Ländern in Afrika. "Aus Urlaubern werden Einwanderer", sagt der Wirt lächelnd zu einem Gast aus Berlin.

Wer Bars und Kneipen erkunden will, in denen die Ärmeren trinken und palavern, muss an den Rand der Stadt in die Slums, am besten mit einem Führer wie Raymond Inichab. Der Chef von "Hata Angu Cultural Tours" spaziert mit Gästen aller Hautfarben und Nationen durch die Vorstadt Mondesa, besucht Kindergarten, Nama-Medizinmann, Hütten und Häuschen von Herero, Damara und Ovambo und auch eine schlichte Kneipe. Die Kommune bemüht sich um öffentliche Toiletten, Straßen und Schulen.

Bewohner haben Mitspracherecht

Das Leben in den Armenvierteln ist hier nicht so trostlos wie in denen vieler anderer afrikanischer Staaten. Die Touristenbesuche sind behutsam organisiert, unter Mitsprache der Bewohner. Raymond sagt: "Wer seinen Mund öffnet, auch von sich erzählt, der ist hier willkommen, kann auch problemlos fotografieren und filmen."

Gut drei Autostunden sind es von hier nach Windhuk. Wer immer noch nicht genug von der Natur hat, übernachtet auf der "Gästefarm Elisenheim" mit Herbergszimmern und Campingplatz etwas außerhalb. Ein Kudu-Weibchen stolzierte früher durch die große Tür ins rustikale Restaurant mit Bar und stupste manchmal den einen oder anderen Gast vorsichtig an die Schulter.

Andreas und Christina Werner mit dem Kudu "Kambi" auf ihrer Gästefarm "Elisenheim" bei Windhuk.
Andreas und Christina Werner mit dem Kudu "Kambi" auf ihrer Gästefarm "Elisenheim" bei Windhuk.(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Wir hatten das Kudu-Baby mit der Flasche aufzogen", erzählt Ziehvater Andreas Werner. Als Kudu "Kambi" eigenen Nachwuchs bekam, machte das vor gut einem Jahr sogar im Internet bei Namibia-Fans Schlagzeilen. Andreas Werner und Ehefrau Christina sind in Namibia geboren. Sein Vater stammt aus Hamburg, sie hat preußisch- bayerische Wurzeln. Das Paar ist seit 1983 auf der Farm und hat sie für Gäste ausgebaut. Blickfang sind riesige Eukalyptusbäume, die durch das Restaurantdach ragen. Steinböcke, Warzenschweine und Paviane begegnen "Elisenheim"-Gästen bei Spaziergängen und Farmfahrten, und meist auch Kudu-Antilopen. Kudu-Dame "Kambi", die viele Jahre zwischen Farm, "Restaurantbesuch" und Ausflug in die Wildnis pendelte, ist unlängst leider gestorben.

Für Gäste mit Geld

Nobel geht es in Windhuks "Hotel Heinitzburg" der Familie Raith zu, vor allem beim Candle Light Dinner. Serviert wird mit weißen Handschuhen. Die Anlage, die wie ein kleines Burgschloss aussieht, liegt auf einer Erhebung unweit des Stadtzentrums. Die "Alte Feste" wurde von Soldaten des Kaisers errichtet. Ihr Bau begann 1890. "Namibia hat Zukunft und auch zahlungskräftige Gäste", sagt Beate Raith, die aus Kitzingen in Unterfranken stammt.

"Hotel Heinitzburg" in Windhuk - die "Alte Feste" wurde 1890 von Soldaten gebaut.
"Hotel Heinitzburg" in Windhuk - die "Alte Feste" wurde 1890 von Soldaten gebaut.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die 44-Jährige lebt seit fast drei Jahrzehnten in Namibia und führt mit ihrem 25-jährigen Sohn Tibor das "Heinitzburg". Schwiegervater Wolfgang Raith kam schon vor 50 Jahren nach Afrika. Der Fleischer aus dem Raum Säckingen im Schwarzwald ist seit vielen Jahren erfolgreicher Unternehmer in Windhuk.

Sehen und gesehen werden ist wichtig im "Nice" in der Mozartstraße, wo junge Aufsteiger und die jung gebliebene Elite des Landes an Sekt und Rotwein nippen oder ein Oryxsteak genießen. Zum modernen Restaurant mit Bar gehört auch eine Fachschule für feine Küche, in der junge Namibier ausgebildet werden.

"Das Land braucht mehr eigene Leute in gehobenen Positionen", sagt Stephan Brückner, dessen Großeltern aus Deutschland eingewandert sind. Dann zeigt der 43-jährige Manager, der auch in Berlin studiert hat, auf die vollen Plätze im Raum der Bar und meint: "Es gibt auch immer mehr Schwarze mit Geld. Das ist sehr gut für die Zukunft Namibias."

Informationen im Internet

ababis-gaestefarm.de, heinitzburg.com, nice.com.na, natron.net/tour/elisenheim

Quelle: n-tv.de