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Die Bauhaus-Gebäude sind typisch für Tel Aviv.
Die Bauhaus-Gebäude sind typisch für Tel Aviv.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Tel-Aviv-Taktik: Die Terrorangst wegtanzen

Von Sonja Gurris

Für Tel Aviv gibt es viele Umschreibungen. Quirlig, verrückt, lebenshungrig - mit Partys, Sandstränden und Bauhaus-Kultur. Doch die Stadt ist auch eine Blase, die die Angst vor Terroranschlägen, außen vor halten will.

Der Tel Aviver Busbahnhof ist wohl das hässlichste Beton-Ungetüm, das mir bislang in ganz Israel begegnet ist. Aber dieser riesige Klotz, aus dem minütlich unzählige grüne und blaue Busse  rein- und rausfahren, hat sehr wahrscheinlich viele Bunker. Das ist zumindest ein beruhigendes Gefühl in einem Land, wo solche Hinweise unter Umständen lebenswichtig sein können. Bei den gefühlt 50 Haltestellen ist es schon ein erstes Abenteuer, den richtigen Bus in Richtung Innenstadt zu finden. Ich probiere es mit der Nummer vier – und habe Glück, als ich nach wenigen Minuten merke, dass ich ins Stadtzentrum fahre.

Raus aus der Betonhölle Busbahnhof, rein ins lebhafte Tel Aviv, das geht am besten über die Allenby Street: Hier tummeln sich viele Touristen, aber auch ein paar Einheimische. Läden mit allerhand Kitsch, Restaurants, Bars, Cafes und vor allem viele Falafel-Buden, so weit das Auge reicht. Plötzlich dröhnt es "Shuk Ha'Carmel" (Karmel-Markt) aus den lauten Buslautsprechern. Der Ausstieg lohnt sich, auch wenn das Mittelmeer schon in Sichtweite ist und der Strand lockt.

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Vor dem Markteingang liegt ein halbrunder Platz, schräg gegenüber steht ein abgewohntes, heruntergekommenes Gebäude im Bauhaus-Stil. Hier sitzen viele Künstler, die singen, tanzen oder sonst etwas tun, um ein paar Schekel von den hiesigen Touristen zu bekommen. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Tel Aviv ist eine laute Stadt. Ein paar kleine Bänke laden zu einer kurzen Pause ein. Da es recht warm ist, kommt mir eine kurze Pause ganz recht. Ein paar Minuten das virtuose Treiben auf dem Platz zu beobachten gehört für mich einfach zu jedem Tel-Aviv-Besuch dazu. Und bei dem ganzen hektischen Treiben, was der israelische Alltag so auf die Straße bringt, gibt es immer viel zu entdecken.

Die Nacht durchtanzen

Auch bei hohen Temperaturen steht Sport auf dem Programm.
Auch bei hohen Temperaturen steht Sport auf dem Programm.(Foto: REUTERS)

Kurzes Aufraffen, dann rein in die Menge, in die Enge von Shuk Ha'Carmel, dem Markt für Gemüse, Kitsch und Mitbringsel. In bester nahöstlicher Manier preisen die Händler ihre Waren an, der Korridor ist nur etwa zweieinhalb Meter breit, es ist eng, stickig, aber voll mit Atmosphäre – das muss man mögen. Ich finde, es ist ein großartiger Ort, um Tel Aviver Luft zu schnuppern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es duftet hier und da nach leckeren Falafeln, geschmortem Gemüse und Gebäck. Einen Tipp sollte man aber berücksichtigen: Die Minz-Limonade, Limonana genannt, ist auf einem öffentlichen Markt mit Vorsicht zu genießen. Sie ist das typische Erfrischungsgetränk in Israel und Palästina und extrem lecker. Aber sie kann aus großen Bottichen nicht unbedingt magenverträglich sein – vor allem nicht, wenn die Stände lange Zeit in der Sonne stehen. Limonana sollte man dann doch besser in einem Café bestellen.

Vom Karmel-Markt ist man in einer Minute zu Fuß am Strand - und was für ein Strand! Blick nach links, Blick nach rechts, überall Strand. Davon kann man einfach nicht genug bekommen. Wer das nötige Kleingeld hat, kann hier in einem der Tophotels absteigen, ein wunderbarer Meerblick und auf den Glockenturm von Jaffa inklusive. Aber das ist natürlich nicht für jeden etwas. Und mal ehrlich, so ein bisschen Abenteuer bei der Apartmentwahl ist ja auch nicht schlecht.

Fitness-Fans zieht es an die lange Strand-Promenade von Tel Aviv.
Fitness-Fans zieht es an die lange Strand-Promenade von Tel Aviv.(Foto: imago/ZUMA Press)

Doch Tel Aviv hat nicht nur einen tollen Sandstrand, sondern auch Kultur pur. Da gibt es ganz in Strand-Nähe das beschauliche Viertel Neve Tzedek, das mit seinem einzigartigen Baustil die Besucher in seinen Bann zieht. Von dort aus ist es nicht weit ins das Künstlerviertel der Stadt - Florentin. Hier leben die Freigeister der Stadt, die Fassaden der Herzl Street wirken abgewohnt und gleichzeitig ansprechend kreativ. Hier ist einiges in Bewegung. In Florentin gibt es sogar Streetart-Sightseeingtouren, bei denen ein Künstler politische Graffiti erklärt und Besuchern den Kontext näherbringt. Und wer gut aufpasst, kann auch ein paar Wörter Hebräisch lernen.

Am Abend blüht die Stadt auf, das Leben findet auf der Straße statt, die Restaurants und Cocktailbars sind proppenvoll - und das, obwohl die Preise aus der Sicht europäischer Touristen tatsächlich sehr happig sind. Schlendern Sie durch die Gassen, an jeder Ecke gibt es einladende Restaurants. Sowohl Einheimische als auch Touristen genießen den Sonnenuntergang und stürzen sich danach ins Nachtleben von Tel Aviv. Vor dem Valium Night Club auf der Ben-Yehuda-Street stehen die jungen Leute Schlange, um die Nacht durchzutanzen.

Und genau das macht für mich den Charakter dieser Stadt aus. Es ist ein positives Lebensgefühl, das jede Angst vor Terrorattacken verblassen lässt. Auch wenn die Gefahr immer da ist und auch Anschläge geschehen, so haben die Einwohner von Tel Aviv ihr eigenes Konzept, mit der Angst umzugehen: Sie lassen die Angst nicht zu, tanzen sie weg und leben ihr Leben in vollen Zügen. Es ist wie in einer Seifenblase. Nach dem Motto: Wer negative Gedanken hat, der möge sie bitte im religiös aufgeladenen Jerusalem verbreiten. Aber nicht im lebenshungrigen Tel Aviv, wo die Religion keine Rolle spielt und wo nur zählt, den Moment zu genießen. Da ist kein Platz für Angst und Terror. In den Köpfen von Einheimischen und Besuchern funktioniert es. Wer die Atmosphäre dieser Stadt auf sich wirken lässt, wird es selbst spüren.

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Quelle: n-tv.de

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