Reise
Roter Herbst auf Feuerland.
Roter Herbst auf Feuerland.(Foto: J. Antonio García Sotomayor.)
Sonntag, 07. Mai 2017

Magellanstraße und Beagle-Kanal: Feuerland zelebriert Ende-der-Welt-Mythos

Von Viktor Coco, Ushuaia

An der Südspitze Südamerikas teilen sich Chile und Argentinien die Insel Feuerland, dessen abwechslungsreiche Landschaft zusammen mit dem Ende-der-Welt-Mythos immer mehr Touristen anziehen. Vor allem Tierbeobachter kommen ins Staunen.

Die Freude war endlos, als im November 1520 Fernando Magellan die ersehnte Durchfahrt nach Westen gefunden hatte. Die Expedition, vielleicht bedeutsamer als Kolumbus' Amerika-Entdeckung, wäre beinahe gescheitert. Fruchtlose Landschaften und brutalste Stürme auf rauer See hatten die Moral der Besatzung fast gebrochen. Aber nun war das Ziel erreicht und Chronist Pigafetta notierte fein säuberlich die Namen dieser neuen Welt: "Pazifischer Ozean" und "Patagonien" stand von nun an in den  Geschichtsbüchern. Zudem hatte sie auf Backbord lange Zeit ödes waldloses Land begleitet, das Magellans Leute zwar nie betraten, das aber scheinbar besiedelt war. Denn immer wieder erspähten sie Rauchschwaden und tauften es deshalb "Land des Rauches", was später zu "Feuerland" wurde.

Königspinguin am Ufer der Magellangstraße.
Königspinguin am Ufer der Magellangstraße.(Foto: J. Antonio García Sotomayor)

Die Rauchschwaden stammten damals vermutlich von den Selk'nam, eine der hiesigen indigenen Gruppen, die als Jäger und Sammler das Steppenland im Norden der Insel besiedelten. Außer der Hauptinsel gehören hunderte heute unbewohnte Eilande zum Feuerland-Archipel. Auch die "Isla Grande de Tierra del Fuego" ("Große Feuerland-Insel"), heute geteilt zwischen Chile und Argentinien und knapp doppelt so groß wie Sizilien, war lange Zeit von den Europäern unberührt gelassen worden. 

Gold, Schafe und Königspinguine

Ende des 19. Jahrhunderts begann die Erschließung, die Schafzucht boomte und ein kurzer Goldrausch hatte europäische Siedler angelockt. Im Westen der Insel wurde die bis heute einzige ernst zu nehmende Ortschaft auf der chilenischen Westseite der Insel gegründet: Porvenir ("Zukunft"), damals wie heute kaum 4000 Einwohner. "Die Zukunft" erreicht man täglich von Patagoniens historischer Hauptstadt Punta Arenas mit einer hochmodernen Autofähre. Zwei Stunden dauert die Fahrt durch die grauen Wellen der  Magellanstraße, die ebenfalls an der Nordspitze der Insel in 20 Minuten überquert werden kann.

Kormorane am Leuchtturm im Beagle-Kanal.
Kormorane am Leuchtturm im Beagle-Kanal.(Foto: Viktor Coco)

So freundlich das verträumte Städtchen Porvenir mit seinen bunten Häuschen und den überdimensionierten Straßen auch ist - die wenigen Touristen, die diesen Teil der Insel besuchen, reisen meist gleich weiter. Über eine Schotterpiste geht es durch faszinierend karge Landschaften von gelbgrünen Gräsern, vorbei an Lagunen und Mooren, entlang der Küste der Magellanstraße. Irgendwann erreicht man dort in der Einsamkeit einen simpler Baucontainer. Es ist das Besucherzentrum einer kleinen Kolonie von Königspinguinen. Ihr sympathisches Krakeele wenn sie aus dem Wasser watscheln, ist der einzige Laut in der windigen Kulisse Feuerlands.

Ushuaia im Sommer.
Ushuaia im Sommer.(Foto: Viktor Coco)

Nirgendwo sonst auf der Welt kann man diese zweitgrößte Art der Pinguine auf dem Landweg erreichen. Ein absolutes Highlight für Tierbeobachter, ein Pflichtstopp für Weltreisende auf ihrer Reise von Alaska zum südlichen Ende der Welt. Für sie geht es weiter gen Osten, stundenlang durch die Steppe, die nur hier und da durch das pompöse Eingangstor einer Schaffarm oder die Staubwolke eines Schaftransporters unterbrochen wird.  Nach einem Grenzübergang Mitten im Nebel erblickt man den Atlantischen Ozean. Hier im  argentinischen Ostteil Feuerlands wird Öl gefördert und durch gezielte Subventionen gibt es sogar einen kleinen Industriepool. Aber die Insel ist nicht nur politisch zweigeteilt, sondern hat auch in ihrer Geografie und Vegetation zwei Seiten. Während der Norden von der kahlen Steppe dominiert wird, wird es waldiger und bergiger, je weiter man in den Süden kommt.

Die Anden von West nach Ost

Wandern am Beagle-Kanal.
Wandern am Beagle-Kanal.(Foto: Viktor Coco)

Zum 100 Kilometer langen Fagnano-See kommt man mit Jeep-Touren von der Provinzhauptstadt Ushuaia. Hier wird geangelt und gegrillt. Außerdem kann man auf einer Wanderung einen großen Schritt über die imaginäre Kante von zwei tektonischen Platten machen. Hier verläuft nämlich die Naht zwischen der Südamerikanischen und der Scotia-Platte. Und man trifft auch wieder auf die Andenkette, die auf ihren letzten Kilometern in West-Ost-Richtung abknickt und kaum Höhen über 2000 Metern erreicht. An ihre Hänge schmiegen sich wunderbare Märchenwälder. Mal sind es graue teils abgestorbene Stämme und Stümpfe, komplett befallen von blassgrünen Flechten. Ein natürliches Resultat, denn es gibt hier keinen Förster, der akkurat den Wald aufräumt, der aufgrund der niedrigen Durchschnittstemperatur (auch im Sommer nur 10 Grad), sowieso eine sehr langsame Verrottung aufweist. Oder es sind die typisch patagonischen Südbuchenwälder, von denen ab März die Blattfärbung einiger Arten im "roten Herbst" dem Namen der Insel eine weitere Bedeutung geben. 

Auf nur 450 Meter passiert man die Berge und erreicht alsbald Ushuaia, die einzige argentinische Stadt "jenseits" Anden, die südlichste Stadt der Welt. Die 60.000 Menschen leben dabei gar nicht so südlich, wie man vermuten würde, sondern kaum näher zum Südpol, als die deutsch-dänische Grenze zum Nordpol ist. Aber die spektakuläre Lage an den ganzjährig schneebedeckten Bergen, dazu Meerblick auf den Beagle-Kanal sowie ein intelligentes Tourismus-Marketing haben Ushuaia, was man übrigens "Uss-huaia" ausspricht, zur festen Station auf jeder Patagonienreise gemacht. Hier kann man im Nationalpark westlich der Stadt über kleine Kieselstrände hinweg durch besagte Märchenwälder wandern. Oder man paddelt vorbei an Dampfschiff-Enten und Schwarzzügel-Ibissen hinunter in die Lapataia-Bucht, wo die argentinische Nationalstraße 3 endet und auch jeder in Alaska gestartete Abenteuerreisende sein endgültiges Ziel erreicht hat. 

Der Ende-der-Welt-Mythos

Ansonsten gibt es in der Stadt das Ende-der-Welt-Bier, ein Ende-der-Welt-Schild und allerlei T-Shirts, Mützen und Tassen mit wahlweise Ende-der-Welt- oder Pinguin-Motiven. Die kann man auch hier in natura erleben, zum Beispiel bei einer Rundfahrt auf dem Beagle-Kanal. Auf dem gemütlichen Ausflugsschiff genießt man zudem die malerische Küsten der Meerenge.

Entdeckt und benannt wurde der Beagle-Kanal erst gut 300 Jahre nach der Magellanstraße vom englischen Kapitän Robert FitzRoy. Sein Forschungsschiff trug damals jenen Namen und hatte auf seiner zweiten Reise in die Region einen später äußerst prominenten Passagier an Bord: den 23-jährigen Naturforscher Charles Darwin.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen