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Ein Tourist hat ein Mietkreuz ausgeliehen und geht damit durch die Altstadt. Viele wollen damit den Leidensweg Christi nachempfinden.
Ein Tourist hat ein Mietkreuz ausgeliehen und geht damit durch die Altstadt. Viele wollen damit den Leidensweg Christi nachempfinden.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 25. August 2016

Kosmos Jerusalemer Altstadt: Wo Pilger und Religion den Alltag prägen

Von Sonja Gurris

Sie schieben, drücken, rufen - Urlauber, Pilger, Händler. Die Altstadt von Jerusalem ist gerammelt voll. Alle wollen die Stadt der drei Weltreligionen sehen. Doch der religiöse Kitsch trübt etwas die Sinne. Jedenfalls im christlichen Viertel.

Touristengruppen aus aller Herren Ländern ziehen vorbei, das Sprachwirrwarr auf Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch ist ohrenbetäubend, wenn die kleinen Läden der Jerusalemer Altstadt geöffnet haben, neben den Tourguides auch die Händler ihren Anteil vom Jesus-Tourismus abhaben wollen. Jerusalem besitzt viele Facetten, doch gerade die christlichen Pilgern strömen in Massen in die Heilige Stadt. Ein Blick in das christliche Viertel.

Ikonen, Kreuze, Rosenkränze - in der Altstadt wird alles zu Geld gemacht, was der Pilger kaufen könnte.
Ikonen, Kreuze, Rosenkränze - in der Altstadt wird alles zu Geld gemacht, was der Pilger kaufen könnte.(Foto: REUTERS)

Viele Besucher wollen ganz genau wissen, wie das mit der Jesus-Geschichte eigentlich war. Vor allem die religiösen Pilger, die von dieser Stadt fast magisch angezogen werden. Für jene Menschen bietet Jerusalem auch das zweifelhafte Vergnügen, beispielsweise ein Mietkreuz zu tragen. Wenn sich die Kreuze in einer Nebengasse stapeln, wirkt das bei allem Respekt für Gläubige etwas komisch. Nicht weit davon entfernt kann man allerhand religiöse Souvenirs kaufen. Kerzen, Rosenkränze, Jesusfiguren – sogar kleine Dornenkronen. Teilweise sind sie aus Plastik oder Holz gefertigt, Massenware für die Masse.

Einmal Schlange stehen rund ums Grab

Es ist verrückt. Genauso verrückt ist der Massenandrang in der Grabeskirche. Kaum ein anderer Ort wird so oft besucht wie sie - neben der Klagemauer und dem Felsendom ist sie sicherlich eine der größten Attraktionen der Heiligen Stadt. In einer Schlange stehen viele hundert Menschen an, um einen Blick in die Rotunde, ins Bauwerk über dem Heiligen Grab, zu werfen. Kirchenmänner in schwarzen Gewändern bewachen das touristische Treiben vor diesem Ort, der so manchen Pilger vor Erzückung und Ergriffenheit erstarren lässt. Während die Priester die eifrig fotografierenden Menschen aus nah und fern vom Grab wegdirigieren, schieben sich hinten die nächsten in die Warteschlange.

In der Altstadt gibt es auch die ruhigen Gassen. Sie sind nur wenige Schritte von den Hauptachsen entfernt.
In der Altstadt gibt es auch die ruhigen Gassen. Sie sind nur wenige Schritte von den Hauptachsen entfernt.(Foto: REUTERS)

In der Altstadt reiht sich Laden an Laden - Rosenkränze und Co. sind so was wie die Topseller rund um die Grabeskirche. Es wird deutlich, wie viel Geld mit der Geschichte, mit den Pilgern und deren Glaube gemacht wird. Immer wieder erklären Stadtführer, dass die heutig Via Dolorosa (der Leidensweg Christi) offenbar gar nicht dem Weg von Jesus entsprochen habe. Doch interessiert das jemanden? Für viele Beteiligten ist es doch lukrativ - so wie die Via Dolorosa in den Geschichten Vieler verkauft wird.

Die andere Altstadt finden

Kirche, Kitsch und Kommerz liegen hier erstaunlich nah beieinander. Und genau das macht den Kosmos der Jerusalemer Altstadt so einzigartig. Es soll schon so einige Besucher gegeben haben, die mit einem "Jerusalem-Syndrom" nach Hause kamen und dachten, sie seien der Auserwählte. Diese Stadt macht etwas mit Besuchern - Urlaubern wie Pilgern -, wenn sie sich auf den Clash der Religionen, die Pilger und Händler einstellen und bei dem ganzen Tohuwabohu einen Blick auf die echte Altstadt erhalten.

Ein paar Schritte weg von den Hauptgassen des Marktes wirkt Jerusalem anders. Wer sich darauf einlässt, vergisst den Trubel, den Kitsch und die Massen. Abseits der Hauptströme blickt man in die Häuser der Bewohner, kann man erahnen, wie sie in dieser religiös aufgeladenen Stadt leben. Und man erahnt, dass dieser Trubel irgendwie zur Stimmung in dieser Stadt dazugehört.

Quelle: n-tv.de

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