Sport
Ein konsequenter, aber umstrittener Pfiff: Schiedsrichter Bastian Dankert gibt Elfmeter für Augsburg - in der letzten Minute des Spiels.
Ein konsequenter, aber umstrittener Pfiff: Schiedsrichter Bastian Dankert gibt Elfmeter für Augsburg - in der letzten Minute des Spiels.(Foto: imago/Jan Huebner)

"Collinas Erben" sind nicht kleinlich: Augsburg im Glück, Jedvaj nimmt sich frei

Von Alex Feuerherdt

In Darmstadt werfen sie dem Referee eine Konzessionsentscheidung vor, dabei ist er nur ein Opfer seiner eigenen Maßstäbe geworden. Ein Leverkusener sieht zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage eine seltsame Gelb-Rote Karte.

In Darmstadt lief die 89. Minute, als die Gäste aus Augsburg beim Stand von 2:1 für die Hausherren fast schon mit dem Mute der Verzweiflung einen ihrer letzten Versuche unternahmen, doch noch den Ausgleich zu erzielen. Halil Altintop, gerade erst eingewechselt, schlug den Ball aus dem Halbfeld hoch in den Strafraum, dort kam es zu einem Zweikampf zwischen dem Darmstädter Sandro Sirigu und dem Augsburger Ja-Cheol Koo. Sirigu beförderte die Kugel per Kopf aus der Gefahrenzone, während Koo plötzlich darniedersank. Schiedsrichter Bastian Dankert verhängte zum Entsetzen der Gastgeber einen Strafstoß – den Alfred Finnbogason schließlich zum Ausgleichstreffer nutzte – und deutete mit seinem rechten Arm gestisch an, dass er ein Stoßen von Sirigu wahrgenommen hatte.

Der Armeinsatz des Darmstädters war jedoch so moderat, dass man darin in der Kontaktsportart Fußball nun wirklich kein ahndungswürdiges Vergehen erkennen musste. Zehn Minuten zuvor hatte der Unparteiische allerdings eine ähnlich harmlose Berührung – der Augsburger Ragnar Klavan hatte Slobodan Rajkovic im Anschluss an einen Eckstoß für die Gäste kaum merklich gehalten – ebenfalls als strafbar eingestuft und dem Kopfballtor von Caiuby deshalb die Anerkennung verweigert. So betrachtet, war die Regelauslegung in diesen beiden Szenen durchaus einheitlich. Allerdings passte sie überhaupt nicht zu Dankerts sonstiger Linie bei der Zweikampfbeurteilung in dieser Partie – und sie war gerade für Bundesliga-Maßstäbe auch viel zu kleinlich.

Daher machte schnell der Verdacht die Runde, dass der Referee eine Konzessionsentscheidung getroffen, den fragwürdigen Elfmeter also gewissermaßen als Entschädigung für die zweifelhafte Annullierung des Tores gegeben hatte. Ein solcher Eindruck scheint, vordergründig betrachtet, ja auch schlüssig und logisch zu sein: Der Schiedsrichter hat ein schlechtes Gewissen, weil er schon auf dem Feld ahnt, dass er einen gravierenden Fehler begangen hat. Und den versucht er bei nächster Gelegenheit durch einen ähnlich schwerwiegenden Fehler auf der anderen Seite auszubügeln. Insgesamt gleicht sich das dann aus, sodass letztlich niemand einen Grund zur Klage hat und eigentlich gar nichts passiert ist.

Konzession oder Konsequenz?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Doch das wäre eine Milchmädchenrechnung, zumindest für den Unparteiischen. Denn wollte dieser einen falschen Pfiff durch einen weiteren wettmachen, würde er sein Fehlerkonto nicht bereinigen, sondern im Gegenteil erhöhen. Seiner offiziellen Beurteilung durch den DFB täte das gar nicht gut und gedankt würde es ihm ebenfalls von niemandem. Bastian Dankert war am Samstag dann auch erst dem Ärger des Augsburger Trainers Markus Weinzierl an der Seitenlinie ausgesetzt, bevor dessen Darmstädter Kollege Dirk Schuster nach dem Abpfiff ebenfalls zur Schelte gegen die Schiris ansetzte: "Ohne Schuldzuweisungen machen zu wollen: In den letzten sechs Spielen gab es fünf klare Entscheidungen gegen uns."

Konzessionsentscheidungen werden einem Schiedsrichter in allen Klassen als Zeichen von Schwäche ausgelegt und es gibt kein Lob für den Unparteiischen, das stärker vergiftet ist als der Satz: "Immerhin hat er beide Mannschaften gleichermaßen benachteiligt." Gerade im professionellen Fußball sind die Referees deshalb darauf bedacht, einen solchen Eindruck möglichst gar nicht erst aufkommen zu lassen. Letztlich hat sich Bastian Dankert in Darmstadt durch die unnötige Aberkennung des Tores von Caiuby selbst in Zugzwang gebracht. Denn damit gab er wenige Minuten vor Schluss auf einmal eine äußerst strenge Linie vor, der er anschließend verpflichtet war. Die Strafstoßentscheidung für Augsburg war insofern kein Entgegenkommen, um buchstäblich einen Ausgleich herbeizuführen, sondern die Folge einer zu kleinlichen Regelauslegung. Was wie eine Konzession aussah, sollte eigentlich ein Ausdruck von Konsequenz sein. Das allerdings ging gründlich daneben.

Schon wieder Gelb-Rot gegen Jedvaj

Ansonsten standen die Schiedsrichter an diesem 26. Spieltag nur selten in der Kritik. Es gehört gleichwohl zu ihrem Los, dass gute Leistungen kaum der Rede wert sind, dabei hatten Tobias Welz (Hertha BSC – Schalke 04), Robert Hartmann (TSG 1899 Hoffenheim – VfL Wolfsburg), Peter Sippel (Hannover 96 – 1. FC Köln), Michael Weiner (Borussia Mönchengladbach – Eintracht Frankfurt) und Deniz Aytekin (Borussia Dortmund – 1. FSV Mainz 05) für die souveräne Leitung ihrer Spiele ein dickes Lob verdient. Auch Guido Winkmann hatte mit der einseitigen Begegnung zwischen dem FC Bayern und Werder Bremen (5:0) keinerlei Mühe. Lediglich ein kleines Detail entging ihm, nämlich das Halskettchen, das der Münchner Thiago unter seinem Trikot trug und das nach dessen Tor zum 1:0 im Fernsehen kurz zu sehen war. Laut Regel 4 ("Ausrüstung der Spieler") ist den Spielern das Tragen jeder Art von Schmuck untersagt, weil sie damit sowohl andere als auch sich selbst gefährden können. Die Referees sollen daher vor dem Spiel eine entsprechende Kontrolle vornehmen. Verstöße werden allerdings nicht gleich mit einer Gelben Karte bestraft, sondern führen erst einmal nur zu einer Anweisung an den betreffenden Spieler, das Schmuckstück abzulegen.

Derweil zog am Wochenende das Thema Gelbsperren nach dem Urteil gegen Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz weitere Kreise. Die beiden Bremer hatten zugegeben, sich ihre fünfte Verwarnung vor dem als aussichtslos geltenden Spiel bei den Bayern gezielt "abgeholt" zu haben und waren dafür vom Sportgericht des DFB zu Geldstrafen verdonnert worden. DFB-Interimspräsident Rainer Koch schlug nun allen Ernstes vor, den Termin der Sperren künftig per Losverfahren zu ermitteln, um solche Manöver auszuschließen. Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge glaubte derweil tatsächlich, dass der Rekordmeister durch den Sportgerichts-Vorsitzenden Hans E. Lorenz herabgewürdigt wurde. Dabei hatte Lorenz lediglich angemerkt, es könne nicht im Sinne des Wettbewerbs sein, dass sich Teams durch absichtlich herbeigeführte Sperren selbst vor den Spielen gegen die Münchner schwächen. Er hatte also diese Klubs kritisiert, nicht den FC Bayern.

Im Schatten dieser kuriosen Debatte war es kaum ein Thema, dass sich der Leverkusener Tin Jedvaj in der Partie gegen den Hamburger SV bereits die zweite groteske Gelb-Rote Karte innerhalb von vier Tagen einhandelte. Am Donnerstag hatte der Kroate in der Nachspielzeit des Europa-League-Spiels von Bayer 04 beim FC Villarreal wegen eines vollkommen unmotivierten Handspiels den Platzverweis erhalten, am Sonntag bekam er ihn ebenfalls kurz vor dem Abpfiff, diesmal aufgrund eines komplett überzogenen Protests gegen seine Verwarnung wegen Zeitspiels. Nun ist Jedvaj sowohl im Europa-League-Rückspiel gegen die Spanier als auch in der nächsten Bundesliga-Begegnung in Stuttgart gesperrt. Ob er wohl etwas Ähnliches vorhat wie Neymar? Der brasilianische Star in Diensten des FC Barcelona hatte unlängst in der Meisterschaft seine fünfte Gelbe Karte gesehen – und mit seiner Schwester deren Geburtstag gefeiert, als das nächste Spiel anstand. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen