Sport
Knapp daneben: Javier Hernández Balcázar.
Knapp daneben: Javier Hernández Balcázar.(Foto: imago/Eibner)

"Collinas Erben" sehen Regeltricks: Chicharito irrt, Lilien zocken, Frankfurt zürnt

Von Alex Feuerherdt

Ein Leverkusener kennt die Regeln nicht, während fünf Darmstädter den Verdacht erregen, die Regularien auf unsportliche Weise auszunutzen. In Köln hadern die Frankfurter mit dem Schiedsrichter, obwohl sie dazu wenig Grund haben.

Was tut ein Fußballprofi, dessen Mannschaft gerade um Punkte kämpft, während er wegen einer Verletzung zum Zuschauen verdammt ist? Er sitzt in der Regel auf der Tribüne oder zu Hause vor dem Fernseher - und lässt vielleicht in den sozialen Netzwerken seine Fans ein wenig an den eigenen Gedanken teilhaben. So jedenfalls hielt es Javier Hernández Balcázar, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Chicharito, als seine Leverkusener an diesem 21. Spieltag der Bundesliga in Darmstadt aufliefen und große Mühe hatten, die Partie für sich zu entscheiden. Die Rheinländer gerieten sogar in Rückstand - was den mexikanischen Stürmer prompt dazu veranlasste, auf Twitter zu behaupten, der Treffer sei irregulär gewesen.

Zum vermeintlichen Beweis verschickte Chicharito ein Foto, das Florian Jungwirth zeigt. Mit dem linken Fuß steht er dabei teilweise im Spielfeld. "Dies ist der Einwurf, der zum Darmstädter Tor geführt hat", schrieb der Leverkusener. "Ein sehr kleines Detail kann ein Spiel total verändern." Doch der 27-Jährige irrte. Regel 15 besagt: "Im Augenblick des Einwurfs muss der einwerfende Spieler mit einem Teil jedes Fußes entweder die Seitenlinie oder den Boden außerhalb des Spielfelds berühren."

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Auch wer, wie Jungwirth, nur mit der Ferse die Linie touchiert, während sich der Großteil seines Fußes auf dem Feld befindet, handelt regelgerecht. Ohnehin war der angeblich falsche Einwurf schnell vergessen, auch weil Bayer 04 Leverkusen das Spiel schließlich noch gewann. Länger diskutiert wurde über ein anderes Thema: Fünf Darmstädter sahen ihre fünfte oder zehnte Gelbe Karte und sind im nächsten, als aussichtslos eingeschätzten Spiel beim FC Bayern gesperrt. In der Partie beim Abstiegskonkurrenten in Bremen eine Woche danach darf das Quintett spielen. Dass die Fouls, die zu den Verwarnungen führten - vier davon in den letzten sieben Minuten -, allesamt sinnlos, teilweise albern anmuteten und dass die Spieler die Karten ohne Murren hinnahmen, nährte den Verdacht, dass es sich um Vorsatz handelte.

Eine Neuauflage von "Mach et, Otze"?

Wird nun der DFB tätig - wie im Mai 1991 im Fall Frank Ordenewitz? Der Kölner hatte im DFB-Pokal-Halbfinale gegen den MSV Duisburg die zweite Gelbe Karte gesehen und wäre somit im Endspiel gesperrt gewesen. Deshalb kam er auf die Idee, eine weitere Verwarnung und damit die Rote Karte zu provozieren (Gelb-Rot gab es damals noch nicht). Denn gemäß dem seinerzeitigen Reglement hätte er die Sperre in der Bundesliga absitzen können und wäre für das Pokalfinale spielberechtigt gewesen. Ordenewitz beriet sich über diese Angelegenheit mit seinem Trainer Erich Rutemöller - und der sprach angesichts der beruhigenden Kölner 2:0-Führung die berühmten Worte: "Mach et, Otze!" Der Stürmer machte "es" tatsächlich, drosch fünf Minuten vor dem Ende den Ball in einer Spielunterbrechung absichtlich weit weg und kassierte von Schiedsrichter Markus Merk den gewünschten Platzverweis.

Weil sein Coach diese Trickserei aber vor laufender Kamera allzu offenherzig einräumte, schloss der DFB Frank Ordenewitz doch noch vom Pokalendspiel aus. Den Darmstädtern Jerome Gondorf, Aytac Sulu, Marcel Heller, Peter Niemeyer und Konstantin Rausch dürfte dagegen keine Sperre drohen, die über das Spiel in München hinausgeht. Denn es gibt nur Indizien, aber keine hieb- und stichfesten Beweise für ein unsportliches Verhalten, das weitergehende Sanktionen nach sich ziehen würde. Schiedsrichter Jochen Drees waren auf dem Platz ohnehin die Hände gebunden. Er konnte nicht mehr tun, als die Fouls so zu ahnden, wie es das Regelwerk vorsieht. Über eine etwaige über das Spiel hinausgehende Motivation hatte er nicht zu befinden.

Quiz Quiz-Elf zum 21. Spieltag
Zweikampfhelden & Torkuriositäten: Quiz-Elf zum 21. Spieltag

Welches Team ist die Zweikampf-Maschine der Bundesliga? Welche Besonderheit bringen Tore von Darmstadts Sulu mit sich? Welche Bestmarke knackt Eintracht Frankfurt? Die Quiz-Elf zum Spieltag. härtetestet Sie.

Frankfurt ärgert sich über Zwayer

In Köln ärgerten sich derweil die Gäste aus Frankfurt über den Unparteiischen Felix Zwayer. "Der Schiedsrichter war wirklich schlecht", sagte beispielsweise Alex Meier, und sein Trainer Armin Veh meinte: "Es waren so viele Dinge dabei, die ich ganz anders gesehen habe. Entweder ich verstehe das Spiel nicht mehr, oder der Schiedsrichter war nicht gut." Für Unmut bei den Hessen sorgte vor allem der Freistoßpfiff in der 56. Minute, aus dem schließlich das vorentscheidende 2:1 für die Gastgeber resultierte. Dabei lag der Referee mit seiner Entscheidung völlig richtig. Denn als der Frankfurter Marco Fabian auf dem nassen Rasen mit Tempo und viel Risiko grätschte, ohne den Ball zu treffen, musste Marcel Risse schon hochspringen, um nicht abgeräumt zu werden. Regeltechnisch handelte es sich um ein Beinstellen, bei dem bereits der Versuch strafbar ist. Zwayer wollte erst weiterspielen lassen, ließ sich dann aber von seinem Assistenten umstimmen - zu Recht.

Darüber hinaus hätte sich die Eintracht nicht beschweren können, wenn der Schiedsrichter in der 69. Minute einen Strafstoß gegen sie verhängt hätte, als Fabian den Kölner Jonas Hector im eigenen Strafraum bei einer weiteren unpräzisen Grätsche am Fuß traf und so zu Fall brachte. Glück hatten die Gäste außerdem, dass Zwayer beide Augen zudrückte, als der bereits zweimal ermahnte und einmal verwarnte Makoto Hasebe nach 55 Minuten so heftig gegen Margim Mavraj einstieg, dass die Gelb-Rote Karte allemal vertretbar gewesen wäre. Über diese Situationen sprach man bei den Frankfurtern nach dem Spiel allerdings nicht. Es hätte auch der Legende, vom Unparteiischen benachteiligt worden zu sein, widersprochen.

Ungeachtet dessen hatte Felix Zwayer tatsächlich nicht seinen allerbesten Tag erwischt. War er in der ersten Hälfte recht nachsichtig in der Disziplinarkontrolle - Hasebe etwa bettelte mehrmals regelrecht um die Gelbe Karte, ohne sie zu bekommen -, so legte er nach der Pause teilweise allzu kleinliche und uneinheitliche Maßstäbe bei der Kartenverteilung an. Der Frankfurter Yanni Regäsel wurde für die Bagatelle verwarnt, den Ball bei einem Einwurf für Köln nicht gleich freigegeben zu haben, und Marcel Risse sah nach einem Foul die Gelbe Karte, für das später der kurz zuvor verwarnte Hasebe ohne Matchstrafe davonkam. Sehr gut war dagegen Zwayers Konsequenz in der 66. Minute, als Anthony Modeste einen Disput mit den Frankfurtern Marco Russ und Marc Stendera begann und schließlich theatralisch zu Boden ging. Alle drei Spieler wurden für ihre überflüssige Einlage verdientermaßen mit der Gelben Karte bedacht. Ruhe kam dadurch jedoch trotzdem nicht in die Partie.

In der spanischen Primera División ereignete sich unterdessen im Spiel zwischen dem FC Barcelona und Celta Vigo eine regeltechnische Kuriosität. Denn beim Stand von 3:1 für Barça gab es einen Elfmeter für die Gastgeber, der auf ungewöhnliche Weise ausgeführt wurde: Lionel Messi spielte den Ball kurz nach vorne, und Luis Suárez vollendete. Eine solche indirekte Ausführung ist ausdrücklich gestattet, denn in der Regel 14 (Strafstoß) heißt es lediglich: "Aus einem Strafstoß kann ein Tor direkt erzielt werden." Kann, nicht muss. Bedingung ist allerdings, dass derjenige, der den Ball vom Schützen zugespielt bekommt, den Strafraum nicht zu früh, das heißt vor der Ausführung betreten hat - wobei die Schiedsrichter üblicherweise eine gewisse Toleranz walten lassen. So kam Suárez zu einem Hattrick. In der Bundesliga wurde diese Variante bislang noch nicht praktiziert. Sie ist allerdings auch riskant - und deshalb wohl auch nur bei einem klaren Spielstand zu empfehlen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen