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Bei beiden Bayern-Toren wurde der Videoschiedsrichter befragt - und erkannte die Treffer an.
Bei beiden Bayern-Toren wurde der Videoschiedsrichter befragt - und erkannte die Treffer an.(Foto: imago/MIS)
Sonntag, 06. August 2017

"Collinas Erben" zur Debütpanne: Videobeweis trotzt Supercup-Verschwörung

Von Alex Feuerherdt

Ein kontroverses Debüt feiert der Videobeweis beim Supercup in Dortmund. Zwei Bayern-Toren verhilft er zur korrekten Anerkennung, doch eine Panne lässt die TV-Zuschauer verwirrt zurück - und empört. Aufgelöst wird die "Fußball-Verschwörung" spät.

Achtzehn Minuten dauerte es im Supercup-Finale zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, ehe erstmals in einem Pflichtspiel in Deutschland der Videobeweis für alle erkennbar zur Prüfung einer Entscheidung herangezogen wurde. Soeben hatte Robert Lewandowski für den Rekordmeister nach feinem Zuspiel von Joshua Kimmich zum 1:1-Ausgleich getroffen. Doch war der Treffer regulär?

Auf den ersten Blick schien es, als hätte der Vorlagengeber im Abseits gestanden, als er den Ball von seinem Mitspieler Sebastian Rudy erhielt. Schiedsrichter Felix Zwayer nahm deshalb Kontakt mit dem Video-Assistenten Tobias Stieler auf, der in einem Studio in Köln saß und von dort aus die Partie an einer Vielzahl von Bildschirmen überwachte.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass er gerade mit Stieler kommuniziert, signalisierte Zwayer den Spielern und Zuschauern durch die vorgesehene Geste: Er legte eine Hand ans Ohr. Rund 40 Sekunden nach der Torerzielung deutete der Referee schließlich zum Mittelkreis und zeigte so an: Der Treffer zählt, es geht mit einem Anstoß weiter. Der Video-Assistent hatte die Korrektheit des Tores demnach bestätigt.

Keine Aufklärung für TV-Zuschauer

Die Fernsehzuschauer warteten allerdings vergeblich auf die Bilder, die Stielers Einschätzung belegen. Und das, obwohl die DFL doch angekündigt hatte, den übertragenden Fernsehanstalten nach Abschluss eines Videobeweises die jeweils entscheidenden Aufnahmen zur Verfügung zu stellen.

Bei ZDF und Eurosport, wo man die Partie live zeigte, waren sie jedoch nicht eingetroffen. Eurosport zeichnete die Abseitslinie deshalb in der Halbzeit selbst nach, das ZDF tat es nach dem Schlusspfiff. Beide Sender kamen zum selben Ergebnis: Kimmich stand ganz knapp nicht im Abseits, der Treffer war deshalb regulär. Zu diesem Zeitpunkt zirkulierten in den sozialen Netzwerken bereits allerlei Screenshots mit selbst eingezogenen Linien, die mal zeigen sollten, dass das Tor zu Recht anerkannt wurde, und mal, dass der Schiedsrichter und der Video-Assistent sich geirrt hatten. Einig waren sich viele dagegen in der Ansicht, dass der DFB es an Transparenz fehlen lasse. Aber warum hielt er seine Bilder tatsächlich zurück?

Späte Bilder, richtige Entscheidung

Die Erklärung folgte nach der Partie. "Die kalibrierten Linien, die dem Video-Assistenten normalerweise bei Abseitsentscheidungen vorliegen und ihn unterstützen, lagen aufgrund technischer Probleme in der ersten Halbzeit noch nicht vor", hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme von DFB und DFL. Deshalb habe man sie auch nicht den Fernsehsendern zur Verfügung stellen können. Eine Panne also. Tobias Stieler musste seine Einschätzung mithin ohne diese Linien treffen, habe "aber alle zur Verfügung stehenden Kamerapositionen, inklusive Standbilder" studiert, so DFB und DFL. Daraufhin habe er entschieden, "dass vor dem Münchner 1:1 keine Abseitsstellung vorlag und es somit richtigerweise keinen Anlass für sein Einschreiten gab".

Auf Facebook veröffentlichte der DFB am späten Samstagabend von der Szene ein Standbild mit kalibrierter Linie, das den Grafiken von ZDF und Eurosport gleicht. Es zeigt, dass das Schiedsrichterteam auf dem Platz und der Video-Assistent im Kölner Studio mit ihrem Urteil richtig lagen. Und genau das stehe im Vordergrund, so Hellmut Krug, der Projektleiter Videobeweis beim DFB. "Leider konnten die entsprechenden TV-Bilder erst im Anschluss an das Spiel präsentiert und damit gezeigt werden, dass die Entscheidungen korrekt waren." Man habe "stets darauf hingewiesen, dass es in der Anfangsphase des Projekts durchaus zu kleineren Problemen kommen kann", sei aber "optimistisch, dass alle Probleme bis zum Saisonstart der Bundesliga am 18. August behoben werden und alles am ersten Spieltag einwandfrei funktioniert".

(Foto: imago/Jan Huebner)

Es gab im Supercup-Finale noch eine weitere Situation, in der der insgesamt vorzüglich pfeifende Felix Zwayer seinen Video-Assistenten konsultierte, nämlich beim zweiten Treffer der Bayern kurz vor Schluss nach einem wilden Gestocher im Dortmunder Strafraum. Die Szene war äußerst unübersichtlich und schon deshalb in der Realgeschwindigkeit nicht aufzulösen. Es roch ein wenig nach Handspiel, Foul und Abseits, aber auch hier ergab der Videobeweis: Alles in Ordnung. Diesmal wurden auch genügend verlangsamte Wiederholungen aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt, um den Fernsehzuschauern ein eigenes Urteil zu ermöglichen. Und wieder war der Review-Prozess zügig abgeschlossen worden.

Intransparent, aber besser als beim Confed Cup

Die technischen Schwierigkeiten sind der Grund dafür, dass man die Pflichtspielpremiere des Videobeweises in Deutschland nicht uneingeschränkt als gelungen bezeichnen kann. Denn dass die Beweisbilder nach dem Tor zum 1:1 während des Spiels nicht gezeigt wurden, sorgte für Verwirrung und bei manchen sogar für Verschwörungstheorien in der Art, hier wolle der DFB wohl mal wieder eine Fehlentscheidung zugunsten der Bayern unter den Tisch kehren. Bedeutsamer ist allerdings, dass die Überprüfungen in entscheidenden Situationen schnell erfolgten und die - nicht leicht zu treffenden - Entscheidungen am Ende stimmten. Hier gab es ein klares Plus im Vergleich zum Confed Cup zu verzeichnen.

Gespannt sein darf man darauf, wie sich die Akzeptanz des Videobeweises in Deutschland entwickelt. Vor allem, wenn es zu Szenen kommt wie im niederländischen Supercup-Finale zwischen Feyenoord Rotterdam und Vitesse Arnheim. Da nämlich übersah der Schiedsrichter beim Stand von 1:0 für Feyenoord ein elfmeterwürdiges Foul im Rotterdamer Strafraum und ließ weiterspielen, es kam zu einem schnellen Konter, an dessen Ende der Ball zum zweiten Mal im Arnheimer Tor lag. Der Video-Assistent wies den Unparteiischen jedoch auf seinen Fehler hin, dieser annullierte den Treffer und gab stattdessen den Strafstoß für Vitesse. Statt 2:0 stand es 1:1.

Emotional unerträglich finden das die einen, genau richtig die anderen. Eines kann man schon jetzt mit Hellmut Krug festhalten: "Entgegen so mancher Befürchtung wird es auch weiterhin Diskussionen um Schiedsrichterentscheidungen geben."

Quelle: n-tv.de

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