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Hitzköpfe.
Hitzköpfe.(Foto: imago/Thomas Frey)
Montag, 12. Dezember 2016

"Collinas Erben" leiden mit: Wie der Schiedsrichter zur Knüppelei beitrug

Von Alex Feuerherdt

In Frankfurt gleitet dem Unparteiischen das Spiel komplett aus den Händen, dennoch wird er später gelobt. In Ingolstadt gelingt einem "Schanzer" das Kunststück, in einer Spielunterbrechung gleich zwei Karten zu sehen.

Seinen 84. Einsatz als Schiedsrichter in der Bundesliga wird Christian Dingert vermutlich nicht so schnell vergessen. Normalerweise ist der 36-Jährige, der seit 2010 Spiele im deutschen Fußball-Oberhaus leitet und seit 2013 außerdem auf der Liste der Fifa-Referees steht, ein umsichtiger und konsequenter Spielleiter, der über eine gute Akzeptanz bei den Spielern verfügt und seine Partien fest im Griff hat. Die Auftaktbegegnung des 14. Spieltags am Freitagabend zwischen Eintracht Frankfurt und der TSG 1899 Hoffenheim (0:0) entglitt dem Diplom-Verwaltungswirt aus Lebecksmühle bei Kaiserslautern allerdings völlig und geriet zu einer hässlichen Knüppelei. Am Ende standen 44 Foulspiele auf der Liste – im Schnitt sind es sonst lediglich 30 pro Spiel.

Natürlich muss man die Verantwortung dafür zunächst einmal bei den Spielern selbst suchen, die sich zu einer unfairen Spielweise hinreißen lassen haben. Vor allem die Frankfurter wären hier zu nennen, auf deren Konto 27 Fouls gingen. Dem Unparteiischen kann man allerdings den Vorwurf nicht ersparen, durch allzu viel Nachsicht bei der Disziplinarkontrolle wesentlich dazu beigetragen zu haben, dass die Partie immer härter wurde. Dingert ließ anfangs gleich eine ganze Reihe von Möglichkeiten ungenutzt, mithilfe von Karten die Grenzen rechtzeitig klar abzustecken und die Akteure zu beruhigen. Als er schließlich doch noch zu diesem Mittel griff und es in der Folge geradezu inflationär häufig anwendete, blieb es wirkungslos.

Schon nach neun Minuten hätte der Referee den Frankfurter Marco Fabián verwarnen müssen, als dieser mit beiden Beinen und ohne Chance auf den Ball in den Hoffenheimer Torwart Oliver Baumann hineinrutschte. Warum der Schiedsrichter hier nicht zur Gelben Karte griff, nachdem er drei Minuten zuvor bereits Fabiáns Mitspieler Haris Seferovic für ein überhartes Einsteigen ermahnt hatte, ist unverständlich – das Foul drängte sich für den Einstieg in die persönlichen Strafen geradezu auf. So aber wirkte die Szene wie ein Fanal für die Spieler: Feuer frei! Allein Omar Mascarell foulte in der ersten Hälfte mehrmals gelbwürdig, kam aber jedes Mal davon. Der Unparteiische hatte – womöglich im Vertrauen darauf, die Dinge kraft seiner Persönlichkeit statt mit Karten regeln zu können – eine Linie vorgegeben, die sich rächen sollte.

Erst ohne Maß, dann aber selbstkritisch

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Vollends aus dem Ruder lief ihm die Begegnung, als ihm in der 32. Minute entging, dass David Abraham den Hoffenheimer Stürmer Sandro Wagner im Laufduell an der Seitenlinie mit dem Ellenbogen am Kopf traf. Eine Aktion, für die ein Platzverweis gewiss keine zu harte Strafe gewesen wäre. Der Frankfurter kam jedoch nicht nur gänzlich ungeschoren davon, ihm wurde sogar ein Freistoß zugesprochen, weil der Referee ein Foul von Wagner gesehen haben wollte. Möglicherweise hatte er seine Augen in dieser Situation vor allem auf die Beine der beiden Profis gerichtet, wo auch der Ball war, und deshalb übersehen, was sich in der oberen Etage abspielte. Ein gravierendes Versäumnis, das für noch mehr Unruhe auf dem Platz sorgte.

Zur Pause hatte das Match eine negative Dynamik entwickelt, der Christian Dingert nicht mehr Herr werden sollte. Bei den Spielern hatte er seine Akzeptanz weitgehend eingebüßt, der Zugriff auf die Partie war ihm längst verloren gegangen, das Publikum hatte ihn zum Buhmann erklärt. Auch nach dem Wechsel nahm die Zahl der Fouls nicht ab, immer wieder kam es zu Rudelbildungen, nahezu jeder Pfiff des Schiedsrichters sorgte für Proteste. Nach 52 Minuten zeigte der Referee endlich die erste Gelbe Karte des Spiels und entschloss sich gleichzeitig zu einem radikalen Kurswechsel bei den Personalstrafen. Da war es jedoch bereits zu spät, um die Spieler wieder einzufangen, weshalb die plötzliche Strenge lediglich zu einer wahllos wirkenden Kartenflut führte, ohne dass sich die Begegnung beruhigt hätte. Die Verwarnungen verpufften einfach wirkungslos.

Zu allem Überfluss war die Rote Karte gegen Timothy Chandler für dessen vermeintliche Tätlichkeit gegen Sandro Wagner in der 82. Minute deutlich überzogen; er wirkte vor allem wie ein verzweifelter Versuch des Schiedsrichterteams, Härte und Hektik irgendwie einzudämmen, und sei es mit einem Platzverweis. Nach dem Schlusspfiff zeigte sich Christian Dingert selbstkritisch, was ihm schließlich doch noch Anerkennung eintrug. "Ich schätze es sehr, wenn ein Schiri zugeben kann, dass es nicht sein bester Tag war. Das ist eine tolle menschliche Geste", sagte beispielsweise der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann. Auch Sandro Wagner war angetan: "Hut ab vor dem Schiedsrichter, das war sensationell, weil er das selbst eingesteht. Davor habe ich großen Respekt."

Kein Recht auf Notwehr

Ein wenig Aufregung gab es auch in Hamburg beim Spiel des HSV gegen den FC Augsburg (1:0), vor allem in der 43. Minute. Da nämlich setzten die Gastgeber zu einem Konter an, den der Augsburger Dominik Kohr im Mittelkreis mit unfairen Mitteln zu stoppen versuchte, indem er seinen Gegenspieler Lewis Holtby gleichsam in den Schwitzkasten nahm und zu Boden zog. Da sich für die Hausherren jedoch eine aussichtsreiche Vorteilssituation ergab, ließ Schiedsrichter Daniel Siebert weiterspielen und folgte mit den Augen dem Spielverlauf. Dadurch entging ihm, was ihm jedoch kurz darauf der Vierte Offizielle mitteilte: eine Tätlichkeit von Holtby, der Kohr mit dem Ellenbogen am Kinn getroffen hatte. Der Hamburger musste dafür mit der Roten Karte vom Platz.

Sorgte für Aufregung: Dominik Kohr.
Sorgte für Aufregung: Dominik Kohr.(Foto: imago/Nordphoto)

Zweierlei empörte den HSV in dieser Situation: Zum einen die Tatsache, dass Kohr straffrei ausging – was in der Tat kritikwürdig war (auch wenn er im späteren Verlauf des Spiels noch die Gelb-Rote Karte bekam). Denn die Ringkampfeinlage des Augsburgers war zweifellos ein unsportliches Halten und damit verwarnungswürdig; für den versuchten Tritt gegen Holtby nach dessen Ellenbogeneinsatz wäre sogar ein Feldverweis denkbar gewesen. Zum anderen argumentierten die Hamburger, dass Holtby sich lediglich rasch habe befreien wollen, nachdem Kohr mit seinem vollen Gewicht auf dessen Kopf zum Liegen gekommen war. Die Mittel dazu waren jedoch deutlich überzogen und ließen dem Referee keine andere Wahl als die Rote Karte, schließlich gibt es im Fußball kein Recht auf Notwehr. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Holtbys Sperre wegen der "vorangegangenen sportwidrigen Handlung" von Kohr – so heißt das im Sportrechtsdeutsch – geringer ausfällt, als es ohne dieses Foulspiel der Fall wäre.

Zwei Karten auf einmal für Leckie

Ebenfalls hoch her ging es in der Nachspielzeit der Partie zwischen dem Tabellenletzten FC Ingolstadt 04 und dem Spitzenreiter RB Leipzig (1:0). Dem Ingolstädter Matthew Leckie gelang es dabei, sich in einer einzigen Spielunterbrechung die Gelbe und die Gelb-Rote Karte abzuholen. Geschehen war dies: Bei einem Konter der Gäste hatte der Australier einen Gegenspieler mit einer rüden Grätsche zu Fall gebracht, der Unparteiische Markus Schmidt ließ das Spiel jedoch weiterlaufen, weil sich für die Leipziger eine Vorteilssituation ergab. Diese wurde durch ein weiteres Foul beendet, woraufhin Leckie den Ball wegschlug und zudem den Leipziger Kapitän Willi Orban wegschubste.

Der Schiedsrichter verwarnte ihn daraufhin nachträglich für das erste Vergehen – was möglich war, weil die Gewährung des Vorteils ein rücksichtsloses Einsteigen nicht ungeschehen macht und die Gelbe Karte auch in der nächsten Spielunterbrechung gezeigt werden kann – und ließ unmittelbar danach für die zweite Regelübertretung Gelb-Rot folgen. Nun könnte man argumentieren, eine solche Doppelbestrafung sei ungerecht gegenüber dem betreffenden Spieler, der bei einer Vorteilsentscheidung schließlich nicht wissen könne, dass er verwarnt werden soll, und sich sein zweites Vergehen sonst womöglich gespart hätte. Doch hier greift der Geist des Regelwerks: Im Sinne des Fairplay soll ein Spieler nicht für unfaires Verhalten faktisch belohnt werden; schon durch die Vorteilsanzeige des Referees muss ihm zumindest klar sein, dass er gegen die Regeln verstoßen hat. Wenn er sie dann ein weiteres Mal übertritt, muss er damit rechnen, für beide Vergehen persönlich bestraft zu werden.

Warum soll Brych nicht die Bayern pfeifen?

Derweil wurde beim Bezahlsender "Sky" und in den sozialen Netzwerken darüber diskutiert, ob es wirklich eine glückliche Entscheidung des DFB war, Harm Osmers mit der Leitung des Spiels zwischen Hertha BSC und Werder Bremen (0:1) zu betrauen. Nicht wegen grundsätzlicher Zweifel an der Befähigung des 31-Jährigen – der die Begegnung sicher über die Bühne brachte –, sondern weil er in Bremen geboren wurde und dadurch befangen hätte sein können. Für den Deutschen Fußball-Bund ist bei der Einteilung der Schiedsrichter zu den Spielen allerdings nicht der Geburtsort ein leistungsunabhängiges Ausschlusskriterium, sondern einzig die Verbandszugehörigkeit. Felix Brych beispielsweise darf keine Partien des FC Bayern München leiten, weil er wie der Rekordmeister dem Bayerischen Fußball-Verband angehört.

Der in Hannover lebende und für den kleinen SV Baden pfeifende Osmers dagegen zählt zum Niedersächsischen und nicht zum Bremer Fußball-Verband, deshalb kann er auch bei Spielen des SV Werder angesetzt werden. In manch anderer Sportart ist die Herkunft der Unparteiischen übrigens kaum bis gar kein Thema. Das olympische Eishockey-Finale des Jahres 2014 etwa, in dem sich Kanada und Schweden gegenüberstanden und das die Kanadier mit 3:0 gewannen, wurde von drei Kanadiern und einem in Kanada lebenden US-Amerikaner geleitet. Niemand nahm daran Anstoß – weder vor dem Spiel noch danach –, auch die Schweden nicht. Denn es war selbstverständlich, dass die Schiedsrichter ihren Job absolut professionell versehen und solche Nebensächlichkeiten wie die Staatsangehörigkeit oder der Wohnort keine Rolle spielen. Eigentlich sollte das im Fußball auch möglich sein. Felix Brych pfeift den FC Bayern – warum denn nicht?

Quelle: n-tv.de

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