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Dies ist nicht CNN: Al Gores TV-Projekt öffnet Al-Dschasira den US-Markt.
Dies ist nicht CNN: Al Gores TV-Projekt öffnet Al-Dschasira den US-Markt.(Foto: REUTERS)

Nachrichten für Nordamerika: Al-Dschasira schluckt US-Sender

Es ist eine Chance zum Großeinstieg in den wichtigsten TV-Markt der Welt: Die arabische Nachrichtengruppe Al-Dschasira übernimmt den US-Sender Current. Schätzungen zufolge bezahlt das Emirat Katar rund eine halbe Milliarde Dollar für das TV-Projekt von Ex-Vizepräsident Al Gore.

(Foto: aljazeera.com)

Der arabische Medienkonzern Al-Dschasira aus dem Emirat Katar steigt in den heiß umkämpften TV-Markt in den Vereinigten Staaten ein und kauft dazu den linksliberalen US-Fernsehsender CurrentTV. Der neue Sender soll den Namen "Al-Dschasira America" tragen und wird seinen Sitz in New York haben. Die Zahl der Mitarbeiter soll auf mehr als 300 verdoppelt werden, teilte der Generaldirektor von Al-Dschasira, Ahmed Bin Dschassim al-Thani, mit.

Mit der Übernahme will Al-Dschasira nach eigenen Angaben einen neuen Nachrichtensender für die USA aufbauen, der in mehr als 40 Millionen Haushalten zu sehen sein soll. Bislang haben lediglich 4,7 Millionen US-Haushalte Zugang zum Al-Dschasira-Programm.

Die Akquisition sorgte in den USA für erhebliches Aufsehen: Erstmals wagt sich ein Medienunternehmen aus der Golfregion in die US-Medienlandschaft vor. Das Ziel ist klar: Al-Dschasira möchte näher an Sender wie CNN, MSNBC oder Fox heranrücken - ein Vorstoß, der die Größen des US-Nachrichtenwesens in erheblichem Maße provozieren dürfte. Dabei liegt es auf der Hand, dass es dem Geldgeber des Senders - dem Emirat Katar - nicht nur um Zuschauerreichweite, Prestige und Werbeeinnahmen im US-Markt geht. Offensichtlich will sich Al-Dschasira verstärkt um Gehör in der US-Öffentlichkeit bemühen. Tatsächlich könnte ein aus dem Ausland finanzierter Nachrichtensender vielen US-Bürgern wohl eine vollkommen neue Weltsicht vermitteln.

Sitz in Doha: Der Newsroom von Al-Dschasira (Archivbild).
Sitz in Doha: Der Newsroom von Al-Dschasira (Archivbild).(Foto: dpa)

Einzelheiten zum Kaufpreis wollten die beteiligten Unternehmen nicht nennen. Analysten schätzten jedoch, dass das Emirat rund 500 Mio. US-Dollar (etwa 380,6 Mio. Euro) in den Kauf des seit Längerem strauchelnden US-Senders investiert. Der frühere Vizepräsident Al Gore hatte CurrentTV 2005 zusammen mit einem Geschäftsmann gegründet. Gore fungierte von 1993 bis 2001 als Stellvertreter von US-Präsident Bill Clinton. Beide gehören der Demokratischen Partei an.

Die Stimme des "Frühlings"?

Auch Al-Dschasira geht auf eine politische Gründung zurück: Der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, hatte den arabischen Nachrichtensender 1996 ins Leben gerufen und mit großzügigen Mitteln ausgestattet. Al-Dschasira machte sich bald über den arabischen Raum hinaus einen Namen als unabhängig berichtender Beobachter, der auch vor religiösen und politischen Tabu-Themen nicht zurückschreckt.

Die Arbeit der aus aller Welt rekrutierten Journalisten revolutionierte die arabische Medienlandschaft. Schon vor dem Beginn des "arabischen Frühlings" gab die Mediengruppe insbesondere auch Oppositionellen und Regierungskritikern eine Stimme. Liberal orientierte Zuschauer beklagen jedoch seit einiger Zeit mit Blick auf die Entwicklungen in Ägypten, der Sender sei inzwischen zu einer Art "Propagandasender für die Muslimbruderschaft" mutiert. Al-Dschasira selbst bestreitet jegliche politische Einflussnahme, die über eine anspruchsvolle Berichterstattung hinausgeht.

Knallhartes TV-Geschäft

Der Medienkonzern aus dem Golfemirat, der dem Land erheblich mehr außenpolitischen Einfluss verschafft hat, betreibt zahlreiche Auslandsprogramme, darunter auch eine englischsprachige Version Al-Dschasira English (AJE). Aus Ägypten berichtet Al-Dschasira über weite Strecken live und natürlich auf Arabisch. Demnächt geht der Nachrichtensender Al Dschasira Türk an den Start.

In den USA dürfte dem Medienkonzern vom Golf ein kalter Wind entgegenschlagen: Medienexperten rechnen damit, dass Al-Dschasira einige Schwierigkeiten bewältigen muss, bevor die angestrebte Reichweite erzielt werden kann. Der Sender CurrentTV, der mit niedrigen Einschaltquoten zu kämpfen hat, wurde bis vor kurzem in 60 der 100 Millionen Fernsehhaushalte eingespeist - über Kabel oder Satellit.

Doch erst vergangene Woche kündigte Time Warner Cable, einen wichtigen Vertrag. Dadurch verringert sich das Publikum um etwa 12 Millionen Anschlüsse. Neben Time Warner Cable verwalten auch Comcast und DirecTV Programmplätze von CurrentTV. Die beiden Unternehmen haben sich bislang zum weiteren Vorgehen geäußert.

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Quelle: n-tv.de

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