Wirtschaft
Hermann Josef Abs unterzeichnet das Abkommen.
Hermann Josef Abs unterzeichnet das Abkommen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Solidarität mit dem Sünder: Als die BRD entschuldet wurde

In Deutschland sorgen hoch verschuldete Euro-Länder für Empörung. Vor allem Griechenland zieht Zorn auf sich. Doch wir sollten uns vor Überheblichkeit hüten, mahnt die Historikerin Ursula Rombeck-Jaschinski. Denn ein Blick in die jüngere Geschichte der Bundesrepublik zeigt: Es gibt keinen Grund, mit dem Finger auf Griechenland zu zeigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es der Bundesrepublik Deutschland finanziell so schlecht, dass sie entschuldet werden musste. Dank der Londoner Schuldenkonferenz wurde Deutschland wieder kreditfähig - und nur so war das Wirtschaftswunder möglich.

n-tv.de: 1953 geht die Londoner Schuldenkonferenz nach langen Verhandlungen zu Ende. Das Abkommen wird im Februar unterzeichnet. Worum ging es auf der Konferenz?

Ursula Rombeck-Jaschinski ist Historikerin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und hat über das Londoner Schuldenabkommen habilitiert.
Ursula Rombeck-Jaschinski ist Historikerin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und hat über das Londoner Schuldenabkommen habilitiert.(Foto: Ursula Rombeck-Jaschinski)

Ursula Rombeck-Jaschinski: Bei der Konferenz ging es um die Regelung der Auslandsschulden der Bundesrepublik Deutschland aus der Vor- und aus der Nachkriegszeit.

Bei den Verbindlichkeiten aus der Nachkriegszeit handelte es sich vor allem um Wirtschaftshilfen, die die Bundesrepublik von den USA und Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hatte. Dazu zählten beispielsweise die Kredite im Rahmen des Marshallplans. Die Vereinigten Staaten waren hier der dominierende Gläubiger. Das erklärt, warum gegen die Amerikaner in Sachen Schuldenregelung gar nichts ging.

Bei den Vorkriegsschulden handelte es sich im wesentlichen um Anleiheschulden des Deutschen Reich und des Landes Preußen aus der Weimarer Zeit, hinzu kamen Anleiheschulden der deutschen Industrie, kurzfristige Verbindlichkeiten von Banken sowie weitere kommerzielle Schulden.  

Von welcher Summe sprechen wir?

Insgesamt reden wir von mehr als 30 Milliarden Mark. Das sieht aus heutiger Sicht zwar nach recht wenig aus – gerade vor dem Hintergrund der Summen, die in der gegenwärtigen Schuldenkrise genannt werden. Doch der Bundeshaushalt 1952/53 umfasste insgesamt 23 Milliarden Mark. Für damalige Verhältnisse waren die Schulden also außerordentlich hoch. 

Was wurde in London vereinbart?

Die Nachkriegsschulden wurden reduziert. Briten und Amerikaner einigten sich darauf, die Forderungen um zwei Drittel zu senken. Die USA hätten sogar einen größeren Nachlass gewährt – sie waren zu einem Nachlass von 90 Prozent bereit. Soweit wollten die Briten allerdings nicht gehen, da sie auf die Rückzahlung eines nennenswerten Teils der Schulden angewiesen waren. Ihre eigene Wirtschaft war nach dem Zweiten Weltkrieg sehr schwach, außerdem brauchten sie das Geld, um eigene Auslandsschulden zu begleichen. Eine deutliche Reduktion der staatlichen Nachkriegsschulden war aber die Voraussetzung für die Regelung der privaten Vorkriegsschulden.

Und die Vorkriegsschulden?

Die Regelung der privaten Vorkriegsschulden war sehr wichtig, weil sie eine Voraussetzung für die Wiederherstellung der deutschen Kreditwürdigkeit war. Hier wurde eine Lösung gefunden, die keinen Kapitalschnitt vorsah. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion ist das bemerkenswert. Die Reduktion wurde über die Zinsen und die Laufzeiten erreicht.

Ohne ins Detail zu gehen: Die aufgelaufenen Zinsen wurden dem Kapital zugeschlagen, wovon ein Viertel bis zum Tag der Wiedervereinigung zurückgestellt wurde. Sie sind dann erst 1990 fällig geworden. Die laufenden Zinszahlungen wurden moderat um 2 Prozentpunkte reduziert und die Laufzeiten verlängert. Auf dieser Basis war es möglich, die Schulden um etwa 46 Prozent zu senken. Von den 14 Milliarden Mark Vorkriegsschulden wurden 7,3 Milliarden beglichen.

Das klingt nach einem guten Verhandlungsergebnis für die Deutschen…

Das war wirklich ein großer Erfolg für die Bundesrepublik. Delegationsleiter Hermann Josef Abs, der legendäre Chef der Deutschen Bank, war auch sehr stolz darauf. Er hatte ein Ergebnis erzielt, das genau auf der Schnittstelle lag zwischen den Ansprüchen und Forderungen der Gläubiger und dem, was Deutschland zu leisten im Stande war.

Hat man das damals auch so gesehen?

Nicht überall. Im Ausland war auch die Meinung zu hören, Deutschland zahle zu wenig. In der Bundesrepublik wiederum gab es zu Beginn der 50er Jahre Sorgen, ob das Land in der Lage sei, den Forderungen nachzukommen. Schließlich gab es damals noch hohe andere finanzielle Verpflichtungen, die sich beispielsweise aus dem Wiedergutmachungsabkommen mit Israel ergaben. Doch in den folgenden Jahren zeigte sich, dass es durch die gute wirtschaftliche Entwicklung dann doch ohne große Probleme möglich war, die Zahlungen zu leisten.

Hat das Schuldenabkommen die wirtschaftliche Erholung der Bundesrepublik in gewisser Weise erst ermöglicht?

Ohne das Londoner Abkommen wäre das Wirtschaftswunder nicht denkbar gewesen. Das lag aber nur zum Teil an der Schuldenreduktion als solcher. Noch wichtiger war, dass Deutschland international wieder kreditwürdig wurde, weil es eben seinen Schuldendienst wieder aufnahm und dadurch wieder kapitalmarktfähig wurde. Abs hat immer wieder betont: Die Gläubiger von heute sind die Geldgeber von morgen. Das ist natürlich ein entscheidender Punkt, der in der aktuellen Diskussion wichtig ist. 

Trotz seiner hohen Bedeutung für die junge Bundesrepublik ist das Schuldenabkommen außerhalb der Fachwelt in Deutschland nahezu unbekannt.

Abs hat gesagt, es sei ein gutes Zeichen, dass in der Öffentlichkeit die Konferenz nicht besonders stark wahrgenommen wurde. Er sah einen großen Unterschied zu den 20er Jahren, in denen die Reparationsthematik für erhebliche Unruhe gesorgt hatte. Es spricht für das Abkommen, dass in der Bundesrepublik in der breiten Öffentlichkeit über die Schuldenproblematik nicht diskutiert wurde.  

Warum kam Deutschland bei den Verhandlungen vergleichsweise gut weg?

Die Vereinigten Staaten verfolgten nach dem Zweiten Weltkrieg massiv politische Ziele. Die Bundesrepublik spielte für die Stabilität Westeuropas vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts eine sehr wichtige Rolle. Ohne eine wirtschaftlich prosperierende Bundesrepublik hätte es kein stabiles, wirtschaftlich starkes Westeuropa gegeben.

Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, wachsender Wohlstand waren der beste Schutz gegen kommunistische Einflüsse. Doch die  Bundesrepublik war nicht nur ökonomisch bedeutsam. Sie sollte auch für die Nato wichtig werden. Die Amerikaner wollten unbedingt, dass die Bundesrepublik hier eine große Rolle spielt und sich wiederbewaffnet – das kostete viel Geld. Die USA schauten deshalb nicht zurück, sondern nach vorne.

Derzeit wird teilweise überaus emotional über die europäische Schuldenkrise diskutiert. War damals auch Zorn zu spüren? Angesichts von Nationalsozialismus, Weltkrieg und Holocaust wäre das nachvollziehbar.

In den eigentlichen Verhandlungen – es gab über die anderthalb Jahre verteilt mehrere Teilkonferenzen – sind die Emotionen schon hochgekocht. Die Gespräche standen mehrmals vor dem Scheitern. Deutschland genoss damals kein großes Ansehen – weder moralisch noch als Schuldner. Deutschland hatte in den 30er Jahren unter Hitler den Schuldendienst eingestellt. Von den Nazi-Gräueln und der Entfesselung eines Weltkriegs ganz zu schweigen.   

Ein Unterschied zu heute war jedoch die mediale Aufmerksamkeit. Fernseher waren nicht Allgemeingut, es gab kein Internet. Nach Ende eines Verhandlungstages standen nicht zahlreiche Reporter vor den Türen, um den Delegierten Aussagen zu entlocken. Es gab daher keine Statements, die Diskussionen in der Öffentlichkeit anfachen konnten.

Die Schuldenproblematik war auch kein Thema für Boulevard-Zeitungen. Insofern hat es in der breiten Öffentlichkeit keine Emotionen gegeben. Unter den heutigen medialen Bedingungen wäre die Konferenz unter Umständen gescheitert. Medienpräsenz ist nicht immer ein Segen, da derartige Verhandlungen eher mit dem Verstand geführt werden sollten.

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Schuldenkrise ist die Rolle Griechenlands von Interesse. Spielte Athen damals eine nennenswerte Rolle?

Griechenland war kein wichtiger Gläubigerstaat – im Vergleich zu den USA, zu Großbritannien, zur Schweiz. In den Akten finden sich kaum Spuren von Griechenland. Doch hat das Land – wie viele andere Länder auch – das Rahmenabkommen unterschrieben. Nur Staaten, die diesem Abkommen beigetreten waren, konnten die Schuldenfrage regeln. Separate Vereinbarungen waren nicht mehr möglich. Deshalb waren Länder mehr oder weniger gezwungen, diesem Abkommen beizutreten.   

Inwiefern ist die damalige Situation Deutschland mit der derzeitigen Lage Griechenlands vergleichbar?

Griechenland heute ist wie die Bundesrepublik damals ein Land mit einem Schuldenproblem, das nicht mehr aus eigener Kraft zu lösen ist. Griechenland ist – und die Bundesrepublik war – auf das Entgegenkommen anderer Staaten angewiesen und braucht mehr als einen  Schuldenschnitt. Nötig ist eine zukunftsfähige Vereinbarung. Griechenland braucht – wie die BRD damals – wieder den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt.

Die wirtschaftliche Situation der beiden Länder ist jedoch völlig unterschiedlich. Deutschland war schon lange eine bedeutende Industrienation und fasste nach dem Zweiten Weltkrieg mit ausländischer Hilfe schnell wieder Tritt.

Bei Griechenland sieht das anders aus. Dem Land fehlt nicht nur eine wettbewerbsfähige Wirtschaft,  sondern auch eine funktionierende staatliche Struktur. Ich habe den Eindruck, dass die wirtschaftlichen Eliten dort nicht den nötigen Beitrag leisten, um die Krise zu bewältigen. Das kann man nicht nur den "kleinen Leuten" aufbürden.

Dennoch: Wir sollten Überheblichkeit vermeiden. Auch wir waren schon einmal  - und das ist noch gar nicht lange her – auf die Hilfe anderer Staaten angewiesen. Jetzt ist es an uns, der politischen und wirtschaftlichen Verantwortung für Europa gerecht zu werden – so wie es damals die Amerikaner, die Briten und andere taten. 

Es gibt keinen Grund mit dem Finger auf Griechenland zu zeigen. Das ist gerade mit Blick auf unsere eigene Geschichte unangemessen.

Also etwas mehr Gelassenheit und Pragmatismus?

Wir sollten Griechenland im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen, eine tragfähige Lösung zu finden. Das ist nicht zuletzt in unserem eigenen wirtschaftlichen und politischen Interesse. 

Mit Ursula Rombeck-Jaschinski sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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