Wirtschaft
Umweltaktivisten in Melbourne, Australien.
Umweltaktivisten in Melbourne, Australien.(Foto: REUTERS)

Ein verlockendes Angebot: Australien als nukleare Müllkippe der Welt

Von Diana Dittmer

Die Suche nach einem Atom-Endlager ist schwierig. Niemand will den strahlenden Müll. Da meldet sich auf der anderen Seite der Welt ein Freiwilliger. Ein Atom-Endlager im Outback? Könnte das ein Geschäftsmodell sein?

Atomkraft spaltet. Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 hat sich Deutschland gegen Atomenergie entschieden. Frankreich dagegen ist entspannt geblieben. Der deutsche Nachbar verkauft seinen Atomstrom immer noch selbstbewusst als grüne Energie: Sichere Akw, keine Feinstaubbelastung, sauber für die Umwelt. Die Vorteile überwiegen. Die Frage, wohin mit den Tausenden von Tonnen verstrahlten Abfalls, haben die Franzosen damit aber auch nicht beantwortet. Nach deutscher Gesetzgebung muss ein Teil noch eine Million Jahre sicher gelagert werden.

Für dieses Problem scheint plötzlich eine Lösung zum Greifen nah. Aus einer unerwarteten Ecke der Welt meldet sich ein Freiwilliger: Australien dient sich der Welt als radioaktives Endlager an. Offenbar wittert man ein lukratives Geschäftsmodell. Wie die "Financial Times" schreibt, verspricht sich der Staat Südaustralien durch den Import von Atommüll Einnahmen von gut fünf Milliarden australischer Dollar, umgerechnet 3,2 Milliarden Euro.

In einem offiziellen Bericht heißt es: "Eine Zwischenlager- und Entsorgungseinrichtung wäre rentabel. Das Zwischenlager könnte in den späten 2020er Jahren den Betrieb aufnehmen." Es könnte 13 Prozent des hochradioaktiven Mülls der ganzen Welt deponieren. Australiens Ansehen in der Welt würde dadurch steigen, weil es ein kritisches Problem lösen würde. Das ließe sich der finanziell klamme Staat dann auch noch gut bezahlen.

Australien erwärmt sich für Atomenergie

Der Vorstoß passt ins Bild: Die australische Regierung bemüht sich, den jahrzehntelangen öffentlichen Widerstand gegen Kernenergie zu brechen. Die vernachlässigte Kernkraft-Technik soll der dümpelnden Wirtschaft neue Impulse geben. Bislang hat Australien wenig mit Atommüll zu tun. Das Land ist nie in die kommerzielle Nuklearwirtschaft eingestiegen. Doch die Boomjahre des Rohstoff-Paradieses sind vorbei. Die Einnahmen schrumpfen im Monatsrhythmus. Australien muss sich was einfallen lassen.

Unter dem Kontinent liegt rund ein Drittel der Uranreserven der Welt. Die Kernenergie wurde wegen der öffentlichen Ressentiments und großer Gas- und Kohlevorkommen aber nie entwickelt. Im vergangenen Jahr kündigte Premier Malcolm Turnbell an, sich mit einem möglichen Einstieg in die Atomenergie befassen zu wollen. Es sei zwar noch nicht notwendig, weil die Versorgung mit Energie bis 2024 gesichert sei. Doch die Bedingungen könnten sich ändern. Eine "frühzeitige Betrachtung der relativen Vorteile von Nuklearenergie" sei notwendig, "um informierte Investitionsentscheidungen und entsprechende Anpassungen der Regeln und Gesetze vornehmen zu können". Für eine Lagerung des Atommülls in Australien würden vor allem die geologischen Beschaffenheiten in Australien sprechen, wirbt ein Jahr später der Staat im Süden des Kontinents.

Für die deutschen Energieriesen dürfte das Angebot verlockend klingen. Sie quälen sich derzeit mit vielen Problemen gleichzeitig. Abgesehen von der Frage, wo der nukleare Müll deponiert werden soll, ist auch noch völlig ungeklärt, wer für die Rückabwicklung des nuklearen Zeitalters zahlen wird.

Atomstrom wird auch importiert

Vertreter der deutschen Energiewirtschaft brachten bereits mehrfach den Vorschlag aufs Tapet, den strahlenden Müll im Ausland zu entsorgen. Der EnBW-Miteigentümer OEW zum Beispiel argumentierte ebenfalls schon vor einem Jahr, dass Deutschland doch auch Atomstrom aus dem Ausland importiere. Da sei es nicht unlogisch, auch "unseren Atommüll dort hinzubringen. Es gibt auch in diesem Bereich einen Weltmarkt", sagte OEW-Chef Heinz Seiffert.

Er sorge sich, dass man in 30 oder 40 Jahren immer noch auf oberirdische Zwischenlager angewiesen sei, so Seiffert weiter. Er halte das für deutlich unsicherer, als wenn der Atommüll in geeigneten Gesteins- und Salzschichten 1500 Meter unter der Erde lagere. Der OEW betreibt zahlreiche Atomkraftwerke, die zurückgebaut werden müssen.

Für seinen Vorschlag erntete Seiffert viel Kritik. Die Mehrheitsmeinung ist, dass es abwegig ist, den Müll um die halbe Welt zu schicken und zu glauben, damit das Problem lösen zu können. In Deutschland gilt ein gesetzliches Ausfuhrverbot für Atommüll. Eine Gesetzesänderung ist mit der Großen Koalition wohl nicht zu erwarten.

In Frankreich ist man nicht nur gelassener, sondern auch entscheidungsfreudiger: Vergangenes Jahr wurden bereits 25 Tonnen Nuklearmüll auf einem Frachter nach Port Kembla nahe Sydney verschifft. Die französischen Castoren wurden aus Ermangelung an Endlagern in einem Forschungsreaktor zwischengelagert.

Quelle: n-tv.de

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