Wirtschaft
In der Bankenstadt Frankfurt wird auch die künftige Aufsicht angesiedelt.
In der Bankenstadt Frankfurt wird auch die künftige Aufsicht angesiedelt.(Foto: REUTERS)

1000 Stellen zu besetzen: Bankenaufseher dringend gesucht

In gut zwölf Monaten soll die europäische Bankenaufsicht ihre Arbeit aufnehmen. Die künftigen Aufseher sollen aus allen Euro-Ländern kommen. Wegen der Kürze der Zeit haben deutsche Experten gute Karten - das hat auch Langzeitfolgen.

Fabrizio Dicone hatte genau einen Tag Zeit: Und der 32 Jahre alte Mitarbeiter der italienischen Notenbank entschied sich sich gegen Rom und für einen neuen Job in Frankfurt. Das war vor sieben Monate. Er gehört nun zu den ersten Mitarbeitern der neuen Bankenaufsichtsbehörde, die unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) entsteht. "Das ist eine große Chance", sagt Dicone. "In Rom haben wir die Regeln angewandt, hier schreiben wir die Regeln."

Doch so schnell lassen sich nicht viele Bank-Profis begeistern. Die EZB hat 770 Planstellen für Bankenaufseher geschaffen, die in den nächsten Monaten neben 230 Hilfskräften an Bord geholt werden müssen. Im November 2014 soll die Aufsicht ihre Arbeit beginnen. Von ihrem Erfolg hängt das Vertrauen der Finanzmärkte in die Bankenbranche der aktuell 17 Euro-Länder ab. In London gibt es eine EU-Bankenaufsicht namens EBA - doch die hatte sich mit zwei misslungenen Stresstests nach Ansicht vieler Politiker blamiert. Daher hat die EU die EZB damit beauftragt, künftig statt der 17 nationalen Notenbanken und Aufsichtsbehörden die wichtigsten 128 Banken der Euro-Zone zu überwachen.

Übermacht der Deutschen?

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Doch Bankenaufseher wachsen nicht auf Bäumen. Klar ist bisher nur - wenn auch noch nicht offiziell - wer den Chefposten der Behörde bekommt: die Leiterin der Pariser Bankenaufsicht, Daniele Nouy. Angesichts der zähen Personalsuche ließ EZB-Chefvolkswirt Peter Praet in einem Interview schon Zweifel am Zeitplan anklingen: Bei der Qualität der Mitarbeiter werde man keine Kompromisse machen. Im Notfall ließe sich daher alles ein wenig strecken.

Die Notenbanker werden zum Großteil darauf angewiesen sein, Mitarbeiter von Bundesbank, BaFin oder anderer Aufsichtsbehörden in Europa abzuwerben. Offiziell gibt es keine Länderquoten. Die ersten 400 sollen bis Ende März ihre Verträge unterschrieben haben. Bei der Bonner Finanzaufsicht BaFin und der Bundesbank ist man ob dieser Aussichten hin- und hergerissen. Einerseits drohen sie ihre besten Leute zu verlieren, andererseits könnten diese den deutschen Einfluss in Frankfurt sichern - und vielleicht später mit mehr Erfahrung und Autorität zurückkehren.

"Der Erfolg der neuen europäischen Aufsicht liegt uns sehr am Herzen, auch wenn uns das aus personellen Gesichtspunkten vor große Herausforderungen stellt", sagt Rudolf Böhmler, der als Bundesbank-Vorstand für das Personal zuständig ist. Denn die nationalen Aufseher geben zwar die Hauptzuständigkeit für ihre größten Banken nach Frankfurt ab, rechnen aber damit, eher mehr Mitarbeiter zu brauchen als heute. Schließlich muss künftig jeder Antrag, jede Bilanz einer Sparkasse oder Volksbank in die EZB-Geschäftssprache Englisch übersetzt werden - von den Bankern selbst könne man das nicht erwarten.

Zurückhaltung bei ausländischen Banken

Und die Aufsicht über internationale Großbanken wie die Mailänder UniCredit soll in Zukunft ohnehin aus gemischten Teams bestehen - ein Teil kommt aus Frankfurt, andere Aufseher aus Rom und der Rest aus Deutschland oder Österreich, wo die UniCredit wichtige Auslands-Töchter hat. Deshalb ist man anderswo in Europa zurückhaltender, die besten Leute der EZB auf dem Silbertablett anzubieten: "Wir unterstützen das, aber nicht aggressiv", sagt Direktor Philip Reading von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB).

Als die Frankfurter Notenbanker im Juni auf Werbetour in Wien waren, gaben immerhin 70 von 180 Bankenaufsehern der OeNB und der Finanzaufsicht FMA an, sie könnten sich einen Wechsel zur EZB vorstellen. Die spanische Zentralbank hat bereits ein Dutzend Mitarbeiter abgeordnet, doch von Begeisterung ist wenig zu spüren: "Wir wissen nicht, wie viele Leute sie wollen oder welche Qualifikationen - Aufseher, Bilanzexperten oder Juristen", sagt ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden will.

EZB treibt Mieten und leert Wohnungsmarkt

Einen Arbeitsplatz in Madrid oder Paris gegen die Bankenmetropole Frankfurt am Main einzutauschen, fällt den wenigsten leicht. "Frankfurt ist nicht Rom, und man kommt auf dem Weg zur Arbeit nicht am Kolosseum vorbei", räumt Dicone ein. "Aber hier ist es einfacher als in Rom, Kinder aufzuziehen, und einiges andere auch." Für die Bankenaufseher steht die Kinderkrippe der EZB offen, die täglich von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends geöffnet hat, auch der Besuch der Europäischen Schule ist für die Kinder der Notenbanker kostenlos.

Makler munkeln, die EZB kaufe und miete zurzeit den teuren Frankfurter Wohnungsmarkt praktisch leer, damit ihre Neueinstellungen nicht auf der Straße stehen. Die Mieten steigen entsprechend. Die EZB benötigt auch zusätzliche Büros für die neuen Mitarbeiter - trotz größerem Neubau im Frankfurter Osten. Denn als dieser geplant wurde, war von Bankenaufsicht noch nicht die Rede. Daher wird dort der Platz knapp. 

Am leichtesten dürfte es für die EZB sein, deutsche Experten nach Frankfurt zu holen. Zudem hat die Bundesbank allen Wechslern ein Rückkehrrecht eingeräumt, wenn ihre Drei- oder Fünf-Jahres-Verträge auslaufen.

Quelle: n-tv.de

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