Wirtschaft
Ein Containerschiff passiert den Suez-Kanal.
Ein Containerschiff passiert den Suez-Kanal.(Foto: REUTERS)

Der Suez-Kanal: Bedrohtes Nadelöhr des Welthandels

Ägypten ist Schauplatz heftiger Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Die Sorge wächst, dass der für die Weltwirtschaft wichtige Suez-Kanal geschlossen werden könnte. Das hätte desaströse Auswirkungen - für den globalen Handel und für Ägypten.

Der Suez-Kanal ist eine Hauptschlagader des weltweiten Seehandels. Der Wasserweg ist die kürzeste Route für die riesigen Containerschiffe, die Fernseher oder iPads aus Asien zu den Kunden in Europa bringen. Zudem transportieren Tanker täglich etwa drei Millionen Barrel (je 159 Liter) oder drei Prozent der globalen Rohöl-Produktion durch den 193 Kilometer langen Kanal.

Mit den Unruhen in Ägypten wächst die Furcht, dass dieses Nadelöhr des Welthandels, der zu über 90 Prozent über See abgewickelt wird, bedroht sein könnte. Der Preis für ein Barrel der Nordsee-Ölsorte Brent legte in den vergangenen Tagen bereits spürbar zu. Doch Experten geben zumindest für die nahe Zukunft Entwarnung. Sie schließen Anschläge auf den Suez-Kanal zwar nicht aus, erwarten aber, dass die Armee den Wasserweg bis auf weiteres schützen kann.

"Unmittelbar sehe ich keine direkte Gefahr, denn die Machtmittel sind bislang konzentriert in der Hand des Militärs", sagt Josef Janning von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Dies könne sich allerdings ändern, wenn die Lage eskaliere. Wenn radikale Gruppen der Muslimbrüder anfingen, nach Punkten zu suchen, wo sie das Regime treffen könnten, sei der Suez-Kanal ein Angriffsziel. "Ich habe Zweifel, ob selbst die radikalen Fraktionen der Muslimbrüder die Mittel dazu haben", schränkt Janning ein. Ihnen fehlten schwere Waffen und das Know-How. "Aber sie könnten es versuchen." Eine gewisse Gefahr geht nach Jannings Einschätzung auch von radikalen Gruppen im Militär aus, die mit den Muslimbrüdern sympathisieren.

Pipeline bietet Alternative

Hätte ein Anschlag Erfolg, dürfte er weltweite Auswirkungen an den Ölmärkten haben: Die US-Energiebehörde EIA führt den Wasserweg als einen von weltweit sieben neuralgischen Punkten des Seehandels, dessen Blockade einen drastischen Anstieg der Ölpreise auslösen kann. Zu den übrigen Flaschenhälsen zählen auch der Panama-Kanal und die Straßen von Malakka und Hormus. Immerhin sind 24 Prozent der Fracht im Suez-Kanal nach EIA-Angaben Öl, das alternativ auch über die 320 Kilometer lange "Sumed"-Pipeline vom Roten Meer ans Mittelmeer gepumpt werden könnte. Diese Möglichkeit nutzen heute schon Supertanker, die voll beladen den Kanal nicht passieren können: Sie entladen einen Teil ihrer Fracht in die Pipeline, um ihren Tiefgang zu reduzieren, und nehmen das Öl nach der Passage am Sidi-Kerir-Terminal am Mittelmeer wieder auf.

Diese Möglichkeit bietet sich anderen Frachtern, vor allem Container-Schiffen, nicht. Gerade die deutsche Schifffahrt würde eine Blockade des Suez-Kanals daher schwer treffen. Deutschland betreibt die drittgrößte Handelsflotte der Welt und ist führend bei den Containerschiffen, die nach Angaben des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) den Großteil des Verkehrs durch den Suez-Kanal ausmachen. 30 Prozent der weltweiten Containerflotte befinden sich in deutschem Besitz, wobei die meisten Schiffe an Linienreedereien wie Hapag Lloyd oder Moeller-Maersk verchartert sind. Containerschiffe machen nach VDR-Angaben 60 Prozent der Tonnage der deutschen Handelsflotte aus. Ist der Kanal blockiert, müssten sie einen weiten Umweg um das Kap der guten Hoffnung fahren. Die Strecke von Singapur nach Rotterdam würde sich damit um 6750 Kilometer oder knapp ein Drittel verlängern.

Ägyptens Wirtschaft leidet

Wirtschaftsexperten gehen allerdings davon aus, dass die aktuellen Unruhen wie bereits die erste Welle des Arabischen Frühlings 2011 keine Auswirkungen auf den Suez-Kanal haben werden. "Wir halten eine Schließung für sehr unwahrscheinlich, weil Ägypten auf die Einnahmen angewiesen und der Kanal militärisch abgeschirmt ist", sagt Frank Schallenberger, der Chef-Rohstoffanalyst der LBBW. Auch die Rohstoffanalysten der Commerzbank erwarten keine Beeinträchtigung des Öltransports durch den Kanal oder die Sumed-Pipeline, da beide durch das Militär geschützt werden. Die jüngsten Geschehnisse könnten den Preis für diesen wichtigen Rohstoff aber weiter in die Höhe treiben, erklären sie.

Desaströse Auswirkungen hätte eine Blockade des Suez-Kanals auch für Ägypten selbst, dessen Wirtschaft schon vor der jüngsten Welle der Gewalt am Boden lag. Der Staat sei angesichts von Haushaltsengpässen und Devisen-Knappheit dringend auf die Einnahmen aus dem Kanal-Betrieb angewiesen, schrieb die Investitionsfördergesellschaft "Germany Trade & Invest" im März. Zuletzt flossen danach im Fiskaljahr bis Juni 2012 gut 5,2 Milliarden Dollar aus dem Kanal-Betrieb in die klammen Kassen des ägyptischen Staates.

Die Furcht der Investoren vor einem weiteren Rückschlag für die ägyptische Wirtschaft lässt sich am Markt für Credit Default Swaps (CDS) ablesen: Die Absicherung von Anleihen des Nil-Staates gegen Zahlungsausfall verteuerte sich in den vergangenen Tagen kräftig.

Mit einem Angriff auf den Suez-Kanal könnten Islamisten also den ägyptischen Staat schwer treffen. Fraglich ist indes, ob die Täter bereit wären, auch die internationalen Konsequenzen zu tragen. Für die Täter könnte dies kontraproduktiv sein, warnt Janning. Die Europäer und die internationale Gemeinschaft seien von der wichtigen Handelsroute schließlich abhängig, und ein Anschlag könne sie zum Eingreifen zwingen.

Verstaatlichung führte zur Suez-Krise

Die Geschichte der Wasserstraße reicht weit zurück: Schon im alten Ägypten wurde ein erster Kanal angelegt, der das Mittelmeer und das Rote Meer über den Nil und seine Nebenarme verband. Der Kanal in seinem heutigen Verlauf als künstlicher Wasserweg zwischen den Hafenstädten Port Said am Mittelmeer und Suez wurde von dem Franzosen Ferdinand de Lesseps geplant. Nach Baubeginn im Jahr 1859 dauerte es zehn Jahre bis zur Eröffnung.

1956 verstaatlichte Ägypten die Wasserstraße, was die Suez-Krise auslöste. Britische, französische und israelische Truppen griffen Ägypten an. Die Auseinandersetzung endete erst, als Ägypten 40 Schiffe im Kanal versenkte und die USA, die Sowjetunion und die Vereinten Nationen intervenierten. Im Juni 1967 rückte Israel im Sechstagekrieg wieder bis zum Kanal vor. Bei den Kämpfen wurde dieser stark beschädigt und erst 1975 nach dem Jom-Kippur-Krieg wieder eröffnet.

Quelle: n-tv.de

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