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UK und der EU-Austritt: Brexit wäre auch für Deutsche teuer

Von Christoph Herwartz

Möglicherweise stimmen die Briten bald über ihren Verbleib in der EU ab. Doch was geschieht im Falle eines EU-Austritts? Haben die Briten dann mehr oder weniger Geld? Und was bedeutet das für den Rest Europas? Die Antworten fallen eindeutig aus.

Am 7. Mai wählen die Briten ein neues Parlament und die Auswirkungen dieser Wahl könnten auch im Rest Europas spürbar sein. Denn die konservativen Tories haben angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs ein Referendum über den Verbleib in der EU abzuhalten. Ökonomen glauben, dass ein Austritt Großbritanniens der Wirtschaft des Landes, aber auch den verbleibenden EU-Staaten schaden würde. Der Hauptgrund: Freier Handel führt dazu, dass mehr Waren im- und exportiert werden. Dadurch steigen das Bruttoinlandsprodukt und der Wohlstand. Verlässt Großbritannien die EU, geht das mit einer Einschränkung des freien Handels einher. Wirtschaftswissenschaftler des Ifo-Instituts haben für die Bertelsmann-Stiftung nun errechnet, wie groß die Wohlstandsverluste sein könnten.

Die Ergebnisse:

  • Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Jahr 2030 könnte wegen handelsökonomischer Effekte zwischen 0,6 und 3 Prozent und damit zwischen 220 und 1025 Euro geringer ausfallen als bei einem Verbleib in der EU.
  • Darüber hinaus dürfte die Innovationskraft und das Finanzzentrum London Schaden nehmen, was dazu führen könnte, dass die BIP-Einbuße bei bis zu 14 Prozent liegen könnte. Das entspricht einer Summe von rund 313 Milliarden Euro, also etwa 4850 Euro je Einwohner.
  • Einsparungen wie der Wegfall der EU-Haushaltszahlungen, die derzeit bei rund 0,5 Prozent des britischen BIP liegen, würden also selbst im günstigsten Fall die wirtschaftlichen Verluste nicht kompensieren.
  • Auch Deutschland und andere EU-Staaten hätten einen Schaden – der allerdings wesentlich geringer ausfallen würde. Die Handelseffekte würden Deutschland 0,1 bis 0,3 Prozent seines BIP kosten und damit bis zu 115 Euro pro Person. Unter Berücksichtigung dynamischer Folgewirkungen lägen die geschätzten BIP-Einbußen zwischen 0,3 und 2 Prozent und damit bei bis zu 700 Euro pro Person.
  • Länder, deren Wirtschaft mit der britischen Wirtschaft noch enger verflochten ist, hätten einen größeren Schaden. Dazu zählen Irland, Luxemburg, Belgien, Schweden, Malta und Zypern.
  • Die Zahlungen Großbritanniens an die EU müssten andere Staaten übernehmen. Ändert sich an der Zahlungsmechanik nichts, müsste Deutschland als größter Nettozahler jährlich zusätzlich 2,5 Milliarden Euro brutto beisteuern.

Die großen Ungenauigkeiten bei einigen der Ergebnisse hängen auch damit zusammen, dass die Wissenschaftler drei sehr unterschiedliche Szenarien durchgespielt haben: Eines ist ein "sanfter Ausstieg", bei dem das Vereinigte Königreich auch nach dem Austritt ähnlich wie die Schweiz und Norwegen am Binnenmarkt der EU teilnimmt, also zum Beispiel keine Zölle zahlen muss. Das Zweite ist ein "tiefer Schnitt", bei dem die Zölle zwischen EU und Großbritannien auf das Niveau der Zölle zwischen EU und USA steigen. Das dritte Szenario ist eine "Isolierung des Vereinigten Königreichs", bei dem das Land zunächst alle Privilegien verliert, die sich aus den 38 Handelsabkommen der EU ergeben.

Die Kosten der EU-Mitgliedschaft spielen eine entscheidende Rolle in der britischen Debatte. Die Befürworter eines Austritts meinen, dass sich das Land seinen Beitrag sparen kann. Die Wirtschaft sieht das anders. Zuletzt warnte die größte britische Bank HSBC vor einem EU-Austritt. Auch wegen dieses Risikos erwägt die Bank einen Umzug nach Asien.

Quelle: n-tv.de

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