Wirtschaft
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Schock bei der Schuldenaufnahme: Bund wird Anleihen nicht los

Die europäische Staatsschuldenkrise spitzt sich zu: Erstmals kann Deutschland neue zehnjährige Staatsanleihen wegen der schwachen Nachfrage nicht vollständig am Markt platzieren. Statt 6 Milliarden sammelt die Bundesrepublik lediglich 3,65 Milliarden Euro ein. Unerklärlich ist das nicht, denn wegen der niedrigen Zinsen unterhalb der Inflationsrate bedeuten die Papiere sichere Verluste.

Viele Anleger verlieren den Appetit auf die extrem niedrig verzinsten deutschen Staatsanleihen. Bei der Auktion neuer Bonds mit zehnjähriger Laufzeit fand der Bund für gut ein Drittel der angebotenen Summe keinen Abnehmer, teilte die für das Schuldenmanagement zuständige Finanzagentur mit. "Das Ergebnis der heutigen Auktion spiegelt das äußerst nervöse Marktumfeld wider", sagte ein Sprecher der Finanzagentur. "Das Ergebnis bedeutet für den Emittenten keinerlei Refinanzierungsengpass für den Bundeshaushalt." Das angestrebte Gesamtvolumen solle nun über Verkäufe am Sekundärmarkt erreicht werden.

Experten und Märkte reagierten geschockt. "Das ist ein völliges Desaster", sagte Analyst Marc Ostwald von Monument Strategies. "Das ist wirklich schlecht", sagte auch Achilleas Georgolopoulos von der Lloyds Bank. Der Bund-Future baute seine Verluste nach Bekanntgabe des Emissionsergebnisses aus, der Euro fiel auf ein Sechs-Wochen-Tief von 1,3382 Dollar. Der deutsche Aktienleitindex Dax gab auch nochmals nach.

In den letzten Tagen und Wochen hatte sich die Lage am europäischen Markt für Staatsanleihen immer weiter verschlechtert. Nach Italien und Spanien waren zuletzt sogar Länder in "Kerneuropa" wie Frankreich, Belgien und Österreich unter Druck geraten. Auch diese Länder müssen den Investoren immer höhere Zinsen bieten. Deutschland bleibt von diesem Trend bislang verschont und profitiert sogar davon. So kann sich der deutsche Staat derzeit so günstig wie selten zuvor refinanzieren.

Die Sorgen wachsen

"Die jüngsten Daten liefern zunehmend Beweise, dass die Investoren auf breiter Front aus der Eurozone aussteigen. Wir gehen davon aus, dass dies der Beginn eines Trends ist", sagte Ian Stannard von Morgan Stanley. "Es ist besorgniserregend, dass die beste Bonität Europas sich nicht im geplanten Umfang refinanzieren konnte", meinte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. "Wir werten das als Misstrauensvotum gegen die Euro-Zone." "Wenn sich selbst Deutschland nicht mehr darauf verlassen kann, seine Anleihen jederzeit loszuwerden, steht das ganze Finanzierungskonzept der EU in Frage", ergänzte ein Händler.

Die Danske Bank bezeichnete die Auktion als Desaster. Die Investoren seien zum aktuellen Zins nicht zu Käufen bereit und das bedeute, dass die Euro-Schuldenkrise auf den innersten Kern der Euro-Zone überspringe. Die Bank empfiehlt deutsche Bundesanleihen dennoch weiter zum Kauf, da sie noch immer die sicherste Anlage im Euroraum seien.

Negative Realzinsen

Insgesamt nahm der Bund bei der Auktion 3,644 Mrd. Euro ein. Das angebotene Emissionsvolumen lag bei sechs Mrd. Euro. Grund für die Zurückhaltung der Anleger ist der extrem niedrige Zins. Die Rendite lag mit 1,98 Prozent erstmals bei einer Erstemission einer zehnjährigen Bundesanleihe unter der Zwei-Prozent-Marke. Nur bei der Aufstockung einer zehnjährigen Anleihe im September lag die Rendite mit 1,80 Prozent noch niedriger.

Zu solch niedrigen Zinsen verlieren Investoren aktuell unter dem Strich Geld, denn die Inflation in Deutschland liegt im Oktober bei 2,5 Prozent. Damit fällt der so genannte Realzins negativ aus. Anleger nehmen dies nur in Kauf, wenn sich in einem Umfeld großer Unsicherheit sonst keine besseren alternativen Anlagemöglichkeiten mit vergleichbarem Risiko bieten.

Quelle: n-tv.de

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