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Den Großen Wagen im Logo: Das Projekt Beidou.
Den Großen Wagen im Logo: Das Projekt Beidou.

Beidou kommt früher als Galileo: China startet GPS-Konkurrenz

Was in Europa Jahrzehnte dauert, klappt in China binnen weniger Jahre: Chinesische Entwickler fahren ihr eigenes Navigationssystem am Himmel über Peking hoch. Noch funktioniert der Galileo-Rivale nur über dem Reich der Mitte. Doch schon jetzt ist klar: Das US-Militär verliert in Sachen Präzisionsnavigation die Vorherrschaft.

China hat ein eigenes Satelliten-Navigationssystem gestartet. Das System mit dem Namen "Beidou" sei zunächst in China und der Umgebung der Volksrepublik verfügbar, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Im kommenden Jahr soll es bereits den größten Teil des asiatisch-pazifischen Raums abdecken und bis 2020 weltweit funktionieren.

Streng bewachter Weltraumbahnhof: Vom Startplatz bei Jiuquan in der Inneren Mongolei aus schickt China einen Teil seiner Satelliten ins All.
Streng bewachter Weltraumbahnhof: Vom Startplatz bei Jiuquan in der Inneren Mongolei aus schickt China einen Teil seiner Satelliten ins All.(Foto: REUTERS)

Der Name Beidou steht für das Himmelszeichen des Großen Wagens, der - auch für Laien leicht erkennbar - die Position des Polarsterns am Nachthimmel verrät. Im übertragenen Sinne steht Beidou für "Kompass". Für Experten ist Beidou mehr als nur ein Prestigeprojekt: Sie sehen in dem eigenständig chinesischen Navigationssystem einen weiteren Schritt Pekings, sich von westlicher Technologie unabhängig zu machen.

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Das System soll der GPS-Navigation aus den USA und dem geplanten europäischen System Galileo Konkurrenz machen. Beidou biete nun Daten zu Ort, Zeit und Navigation für China und die umgebenden Gebiete, zitierte ein BBC-Bericht den Sprecher des Projekts, Ran Cheng. Der GPS-Konkurrent aus China soll Positionsangaben bis auf zehn Meter genau angeben. Bei den Geschwindigkeitsangaben verspricht Peking eine Genauigkeit von 0,2 Meter pro Sekunde und bei Zeitangaben eine Präzision bis auf 0,02 Millionstel einer Sekunde an. Damit wird das System auch für interessant. In der militärischen Verwendung seien noch genauere Daten möglich, heißt es.

Mit chinesischer Geschwindigkeit

China hatte die Entwicklung 2000 gestartet und zunächst vier Testsatelliten ins Weltall geschickt. Der erste reguläre Beidou-Satellit ist seit 2007 im All. Mit dem Anfang Dezember gestarteten zehnten Satelliten erreicht das chinesische System nun immerhin eine regionale Abdeckung über Asien. Im kommenden Jahr sollen weitere sechs Satelliten das Operationsgebiet auf ganz Asien erweitern. Im Jahr 2020 will Peking dann mit insgesamt 35 Satelliten eine globale Abdeckung erreichen.

Militärisch und technologisch auf Augenhöhe: China versteht sich seit jeher als Großmacht.
Militärisch und technologisch auf Augenhöhe: China versteht sich seit jeher als Großmacht.(Foto: REUTERS)
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Das europäische System "Galileo" soll seinen Betrieb den aktuellen Planungen zufolge nach langen Verzögerungen im Jahr 2014 aufnehmen und ebenfalls ab 2020 voll einsatzfähig sein. Die ersten beiden Navigationssatelliten des Projekts Galileo starteten Ende Oktober von der . Auch Russland arbeitet seit Jahrzehnten an einem eigenen Navigationssystem.

Vorbild der Bemühungen in Russland, Europa und China ist das "Global Positioning System" (GPS) der Amerikaner. Ursprünglich für das US-Militär entwickelt, ermöglichte GPS erstmals die Bestimmung exakter Ortsdaten. Im Prinzip basiert das satellitengestützte Navigieren auf der althergebrachten Technik der Triangulation, erweitert durch weitreichende Funksignale und präzise Zeitmessung. Aus der Lauflänge der Signale von mindestens drei Satelliten lässt sich die genaue Position eines Empfängers berechnen, also geografische Breite und Länge sowie die exakte Höhe. Ein viertes Signal dient in der Regel dazu, die Zeitangaben abzugleichen. Weil die Sender als künstliche Erdtrabanten hoch über der Erde schweben, benötigen GPS-Betreiber entsprechend viele Satelliten, um die gesamte Erdoberfläche mit ihren Diensten abzudecken.

Vor allem dieser Aufwand macht satellitengestützte Navigationssysteme extrem teuer: Je nach Auslegung müssen bis zu drei Dutzend Satelliten bis an ihre Positionen in der Erdumlaufbahn gebracht werden. Jeder Raketenstart verschlingt Unsummen. Dazu kommt das Risiko des Totalverlusts im Fall eines Fehlstarts.

Die Macht über die Ortsdaten

Trotzdem verfolgen die Großmächte der Welt eigene GPS-Vorhaben. Denn genaue Ortsdaten erleichtern nicht nur die Navigation in der zivilen Schifffahrt oder das Zurechtfinden in fremden Städten für private Autofahrer. Positions- und Höhenangaben machen den immer dichter werdenden Flugverkehr über Balluingsräumen sicherer. Doch für die Militärs steht die GPS-Technologie vor allem für einen erheblichen strategischen Vorteil in der Einsatzplanung oder für die ansonsten unerreichbar genaue Zielansprache. Auch das chinesische Militär hofft mit Beidou nun auf Präzision.

Ende Oktober in Französisch-Guayana: Eine russische Sojus-Rakete vom Typ "VS01" beginnt ihre Reise ins All. Mit an Bord: Zwei Galileo-Navigationssatelliten.
Ende Oktober in Französisch-Guayana: Eine russische Sojus-Rakete vom Typ "VS01" beginnt ihre Reise ins All. Mit an Bord: Zwei Galileo-Navigationssatelliten.(Foto: picture alliance / dpa)

Militärische GPS-Empfänger führen Drohnen über feindliches Gelände, lenken Marschflugkörper ins Ziel oder markieren den Standort eigener Truppen. Diese Anwendungsgebiete sind auch der Grund, warum das Pentagon darauf bestand, das GPS-Signal bei der Öffnung für die zivile Nutzung absichtlich unscharf zu halten: Zivile Navis bestimmen den Standort in der Regel bis auf etwa fünfzehn Meter genau. Militärische GPS-Systeme sind dagegen präzise bis in den Zentimeterbereich.

Ein wichtiger Nachteil für die zivile GPS-Nutzung: Das Pentagon kontrolliert den Zugang. Die Amerikaner können den Dienst im Krisenfall regional oder weltweit einschränken oder für nicht-militärische Nutzer ganz abschalten. Für den Einsatz im Schiffs- und Flugverkehr oder andere zivile Anwendungsgebiete ist das ein nicht unerhebliches Risiko. Experten der Europäischen Kommission schätzen, dass mittlerweile bis zu 7 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung (rund oder 800 Mrd. Euro pro Jahr) direkt oder indirekt von einer verlässlichen Nutzung elektronischer Geodaten-Dienste abhängen.

Russland funkt mit Glonass

Das ehrgeizige russische Projekt trägt den Namen "Glonass". Mitte Dezember gelang Moskau ein wichtiger Meilenstein: 18 Jahre nach Inbetriebnahme der ersten Satelliten ist Glonass nun vollständig und deckt die ganze Welt ab. Mit dem auf 31 Satelliten gestützten System für den zivilen wie militärischen Bereich will Russland dem US-amerikanischen Marktführer GPS Konkurrenz machen. Für die Weiterentwicklung des Systems stellt die Regierung nach Angaben der russischen Raumfahrtbehörde Roscosmos in den kommenden neun Jahren 330 Mrd. Rubel (etwa 7,9 Mrd. Euro) zur Verfügung.

Lieber vorsichtig Aufrichten: Im kasachischen Baikonur bereiten russische Raketentechniker eine Trägerrakete vom Typ "Proton-M" mit drei Glonass-Satelliten an Bord für den Start vor.
Lieber vorsichtig Aufrichten: Im kasachischen Baikonur bereiten russische Raketentechniker eine Trägerrakete vom Typ "Proton-M" mit drei Glonass-Satelliten an Bord für den Start vor.(Foto: picture alliance / dpa)

Damit Glonass die ganze Erde abdeckt, müssen 24 Flugkörper gleichzeitig in Betrieb sein. Sieben Satelliten sind als Reserve vorgesehen. Der Aufbau hatte sich jahrelang verzögert. Im vergangenen Jahr stürzte eine Trägerrakete mit drei Satelliten kurz nach dem Start in den Pazifik. Das System gilt noch nicht als völlig ausgereift, auch weil die Leistungsfähigkeit der einzelnen Satelliten durch den langjährigen Aufbau gelitten hat. Auch die Europäische Union will mit Galileo ein eigenes Satellitensystem aufbauen, um sich zivil wie militärisch unabhängig von GPS zu machen. Auch hier gibt es Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen.

Wirtschaftsmotor Satelliten-Navigation

Trotz aller Milliardenausgaben könnte sich der Aufwand lohnen. Die chinesischen Entwickler hinter Beidou werden jedenfalls nicht müde, die Vorteile einer zivilen Nutzung zu betonen. Ihren Angaben zufolge könnte das System bereits in der Spanne bis 2020 einen gewaltigen Markt für nicht-militärische Anwendungen erzeugen. Die Rede ist von einem Volumen von 400 Mrd. Yuan für die Nutzung in Navigationssystemen für den privaten Straßenverkehr, die Telekommunikation oder die gewerbliche Hochseefischerei. Umgerechnet wären das rund 48 Mrd. Euro.

Die neue Konkurrenz sorgt in den USA für Unruhe: Für das US-Militär arbeitet der der Rüstungskonzern Lockheed Martin bereits an Satelliten für die Nachfolgeversion "GPS 3". Das neue System soll noch genauer sein und schwerer zu stören. Stärkere Signale sollen es ermöglichen, dass GPS-Empfänger auch in Gebäuden, dicht bebautem Gelände oder dichtem Urwald noch funktioniert.

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Quelle: n-tv.de

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