Wirtschaft

Nichts ist umsonst: Das Hebel-Blendwerk

von Nikolas Neuhaus

In ihrer Not greifen die Euro-Retter tief in die Trickkiste. Mit einem Kunststück besonderer Art wollen sie ganz ohne Risiko aus 440 Milliarden Euro ein Vielfaches machen: dem Hebel. Was nach düsterer Magie klingt, ist in Wahrheit simple Finanzmathematik.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es wäre auch zu schön gewesen. Als hätte bislang nur noch niemand daran gedacht, zieht die Politik plötzlich ein Instrument aus dem Hut, das die Sorgen um einen zu kleinen Euro-Rettungsschirm vergessen machen soll: Der Hebel. Er soll dafür sorgen, dass nicht nur die Finanznot kleiner Sorgenstaaten wie Irland, Portugal oder Griechenland keine Kettenreaktion auslösen, sondern im Zweifel auch die Nöte von Schwergewichten wie Italien oder Spanien begrenzt werden können, ohne einen finanziellen Flächenbrand in ganz Europa zu entfachen. Der Haken: Auch die geballte Kompetenz der Europäischen Union wird physikalische Grundregeln eines Hebels nicht außer Kraft setzen. Im Klartext: Von nichts kommt nichts.

Ohne einen Hebel läuft es bislang so: Der Rettungsfonds gibt Anleihen aus und sammelt damit Geld am Kapitalmarkt ein, also insbesondere von Banken. Mit diesem Geld kann die EFSF dann in Euro-Krisenstaaten wiederum zur Stabilisierung Staatsanleihen aufzukaufen oder Notkredite vergeben. Damit die Geldgeber der EFSF keine Pleite fürchten müssen, garantieren die Euro-Staaten mit insgesamt 440 Mrd. Euro dafür, dass sie Verluste aus möglichen Staatspleiten ausgleichen. Damit sind die Euro-Mitgliedsländer derzeit so etwas wie eine Vollkaskoversicherung: Geht ein Land, dem von der EFSF geholfen wird, in die Insolvenz, dann stehen die Euro-Staaten für Verluste des Rettungsfonds gerade.

Mitspieler

Um aus den 440 Mrd. Euro nun mehr Geld zu machen, müsste der Rettungsschirm neben den Euro-Staaten noch weitere Institutionen mit ins Boot holen, die im Zweifel ebenfalls für mögliche Verluste gerade stehen. Denn nichts anderes ist ein Hebel. Verlieren neben den Euro-Staaten potenziell auch noch andere Gläubiger ihr Geld, falls es zu einer Pleite kommt, können die Euro-Staaten zusätzlich auch mit diesem Geld Rettungsaktionen durchführen, obwohl ihr eigener Verlust bei 440 Mrd. Euro begrenzt bleibt.

Das exzessive Hebeln von Finanzgeschäften ist spätestens mit der Finanzkrise als Brandbeschleuniger gebranntmarkt. Doch das Grundprinzip eines Hebels ist viel weiter verbreitet als in windigen US-Hypothekengeschäften. Nicht nur basiert das gesamte Geschäftsmodell der so genannten Heuschrecken auf diesem Prinzip, die mit wenig Eigenkapital und viel geliehenem Geld immens große Übernahmen schultern. Im Kern steckt es hinter jeder Investitionsentscheidung von Unternehmen oder Verbrauchern, die sich dafür Geld leihen.

Geht ein Häuslebauer zur Bank, um sich zu seinen 60.000 Euro noch weitere 240.000 Euro zu leihen, mit denen er dann eine Immobilie für 300.000 Euro finanzieren kann, "hebelt" er sein eigenes Kapital. Die Bank gibt einen Großteil des Geldes zum Hausbau hinzu. Dafür kassiert sie einen festen Zinssatz und riskiert im Gegensatz, auf Verlusten sitzen zu bleiben. Der Hausbauer kann jedoch hoffen, dass seine Immobilie nach dem Bau deutlich mehr als das investierte Geld wert sein wird.

Wer haftet?

Für den Euro-Rettungsschirm heißt das: Soll ohne zusätzliche Staatsgarantien mehr Geld zur Rettung von Euro-Staaten bewegt werden, müssten weitere Gläubiger haften. Und genau hier scheiden sich zwischen Deutschland und Frankreich nun die Geister.

Deutschland favorisiert ein so genanntes Teilkasko-Modell. Hier bleibt der Gläubiger gegebenenfalls  auf einem großen Teil des Schadens sitzen. Im Falle der EFSF wären das die Banken und andere Investoren. Im Gespräch ist dabei die Haftung des Rettungsschirms für 20 bis 30 Prozent, den Rest müssten die Gläubiger selbst aufbringen. Käme es beispielsweise zu einem Schuldenschnitt bei einem unterstützten Euro-Staat von 50 Prozent, würden die Garantien der Euro-Staaten 20 bis 30 Prozent des dabei entstehenden Verlustes auffangen, der Rest ginge auf die Kappe der Gläubiger.

Frankreich pocht dagegen auf das EZB-Modell. Die Käufer der EFSF-Anleihen blieben dabei ungeschoren, dafür ginge die Europäische Zentralbank ins Risiko. Für den EZB-Hebel müsste die EFSF eine Banklizenz erhalten. Dies würde dem Schirm gestatten, aufgekaufte Staatsanleihen bei der EZB zu parken und dafür Geld zu leihen. Mit diesem Geld könnte die EFSF dann weitere Anleihen kaufen, die sie wieder bei der EZB hinterlegen könnte. Bundesfinanzminister Schäuble ist strikt gegen ein solches Modell, das aus seiner Sicht nach dem EU-Vertrag verboten ist.

Wer zahlt?

Schon langjährige Altkanzler wussten: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Beim EFSF-Hebel geht es deshalb letztlich nicht um die Frage, wer im ersten, sondern wer im letzten Schritt für Staatspleiten und andere Ausfälle aufkommt.

Im Falle der von Frankreich geforderten EZB-Beteiligung ist die Frage leicht zu beantworten: Wird eine Staatsanleihe, die als Sicherheit bei der EZB liegt, nicht mehr bedient, dann bleibt am Ende auch die EZB auf diesem Ausfall sitzen. Damit müsste die Zentralbank von ihren Mitgliedsstaaten refinanziert werden. Vereinfacht gesagt würden damit letzten Endes die europäischen Steuerzahler für die Pleite eines Euro-Staats geradestehen. Das Versprechen der Politik, nicht stärker als mit 211 Mrd. Euro in der Pflicht zu stehen, wäre damit gebrochen.

Doch auch beim deutschen Teilkasko-Modell muss das Haftungsversprechen nicht unbedingt eingelöst werden. Kommt es tatsächlich zu einem groß angelegten Schuldenschnitt eines klammen Euro-Staats, wären die Investoren des Rettungsschirms gefragt und müssten bluten. Ordnungspolitisch wäre das zwar wünschenswert. Doch wenn im Fall der Fälle bei den Banken wegen hoher Abschreibungen das Geld wieder knapp wird und am Ende der deutschen Wirtschaft eine Kreditklemme droht, könnten die Karten neu gemischt werden. Dann werden aus Verlusten für Banken rasch Rettungspakete der Steuerzahler - es wäre nicht das erste Mal.

Unbeantwortet ist bislang auch eine ganz andere Frage: Welcher Investor würde sich auf das Spiel einlassen? Wer heute die Anleihen angeknackster Euro-Staaten kauft, kassiert dafür beispiellos hohe Renditen, sofern das Land durchhält. Mit der Garantie, Verluste von 20 bis 30 Prozent auszugleichen, droht im schlimmsten Falle immerhin noch ein Verlust von bis zu 80 Prozent. Ein solches Risiko würden Investoren wohl entweder ganz scheuen oder sich fürstlich entlohnen lassen. Weil sie wissen, dass die Politik ohne ihr Geld aufgeschmissen wäre, dürfte der Widerstand gering ausfallen.

An welcher Stelle Europas Politiker auch mit ihrem Finanzzauberkasten ansetzen, wirft dies eine ganze Reihe von Fragen und Problemen auf. Sicher ist nur eines: Zusätzliches Geld ohne zusätzliches Risiko gibt es nicht, ob mit oder ohne Hebel. Am Ende des Tages kommt dafür die Rechnung, auch wenn noch nicht klar ist, wer sie zahlen wird.

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Quelle: n-tv.de

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